Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Kulturgeographie

Raum- und Sozialtheorie sowie Semantiken des Ländlichen

Dieser Schwerpunkt markiert das theoretische Interesse des Lehrstuhls; er spiegelt zugleich die Grundlage für die Arbeit in den vorangehenden zwei Schwerpunkten wider. In ihm werden die Möglichkeiten der Verbindung von unterschiedlichen Raum- und Sozialtheorien und geographischen Fragestellungen reflektiert, insbesondere mit Blick auf den Stellenwert des Ländlichen heute, der sogenannten Neuen Ländlichkeit.

Raum spielt seit rund zwanzig Jahren eine wichtige Rolle in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Theoriebildung und empirischen Forschung (sogenannter spatial turn). Dabei gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, Raum als Theoriebaustein oder gar als empirisches Forschungsobjekt zu verwenden. Unsere Forschung verstehen wir auch als ein langfristig angelegtes Projekt, die sozial- und kulturwissenschaftliche Diskussion über Raum zu verfolgen, kritisch zu reflektieren und mit eigenen Beiträgen anzureichern.

Auswahl aktueller Forschungsprojekte

Neue Ländlichkeit und raumbezogene Semantiken

Dabei sind insbesondere die Arbeiten zu raumbezogenen Semantiken zu nennen (vgl. Redepenning 2006). Diese analysieren den Einsatz von raumbezogenen Beschreibungen in unterschiedlichen sozialen Systemen der Gesellschaften. Allgemein zielen raumbezogene Semantiken darauf ab, Einheit, Übersichtlichkeit und Harmonie durch den Einsatz von "Raum" vor dem Hintergrund wahrgenommener Komplexität und Unsicherheit aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse abzustimmen. Deutlich wird dies beispielsweise an der aktuellen Renaissance von Ländlichkeit und einem ländlichen Idyll in Verbindung zum vielfach attestierten gestiegenen Bedürfnis nach Entschleunigung in zahlreichen populär-verkitschten Zeitschriften – der sogenannten Neuen Ländlichkeit. Aber auch die Debatten um Peripherisierung und Demographisierung entspringen solchen raumbezogenen Beschreibungen. Welche Erwartungen an ländliche Räume werden hier erstellt und inwieweit entsprechen oder widersprechen sie der Realität des Lebens in ländlichen Räumen (siehe Handlungsmöglichkeiten von Orten)?

Soziale und räumliche Grenzziehungen

Weiterhin ergänzen wir die interdisziplinäre raumtheoretische Debatte mit Arbeiten, die sich Fragen zur gesellschaftlichen Bedeutung von Räumlichkeit widmen (siehe Raum und sozialer Protest). Dazu gehört auch die Analyse von Grenzziehungen, die wir als Prozesse sozialer Aushandlung begreifen, die zur Ordnung des Sozialen  genutzt werden. Entgegen der Rhetorik des Verschwindens von Grenzen wird die Praxis aktueller Grenzziehungen in modernen Gesellschaften in den Fokus gerückt, beispielsweise bei der Diskussion der Frage, wer an welchem Ort sein darf oder leben soll, oder welche Nutzungen wo in der Innenstadt vorherrschen sollen (siehe Einzelhandel und Events).

Systemtheorie und Geographie

Viele unserer Arbeiten sind durch die Auseinandersetzung mit Potenzialen der Luhmannschen Systemtheorie gekennzeichnet. Wir nutzen systemtheoretische Erkenntnisse über die Perspektivenvielfalt in der heutigen Gesellschaft bzw. über das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Akteurslogiken, um raumbezogene Konflikte besser verstehen und Moderationsprozesse initiieren zu können (siehe Räumliche Planung, raumbezogene Konflikte und soziale Bewegungen). Das Interesse dieses Arbeitsschwerpunktes ist jedoch nicht auf die Systemtheorie alleine beschränkt: So arbeiten wir auch an der Schnittstelle zwischen systemtheoretischen und Assemblage-Zugängen. Bei aller Verschiedenheit dieser Orientierungen, eint sie die Offenheit (Kontingenz), das oft zufällige Entstehen (Emergenz) und die Prozesshaftigkeit gesellschaftlicher Phänomene. 

Ausgewählte Publikationen zum Forschungsfeld

Redepenning, M. (2016): Raum. Einige Bemerkungen zur Komplexität von „Raum“ aus Sicht der Sozialgeographie. In: Ambos, C./Eich, P./Schmidt-Hofner, S. (Hg.): Raum‐Ordnungen: Raumkonzepte und soziopolitische Ordnungen im Altertum. Heidelberg. (peer-reviewed, zum Druck angenommen).

Bauriedl, S./Dörfler, T./Redepenning, M./Strüver, A. (2014): Podiumsdiskussion: Homo Geographicus Poststrukturalis: Was verstehen wir unter geographischer Empirie. In: entgrenzt. studentische Zeitschrift für Geographisches 8/2014: 5-27.

Scholl, S./Lahr-Kurten, M./Redepenning, M. (2014): Considering the Role of Presence and Absence in Space Constructions. Ethnography as Methodology in Human Geography. In: Historical Social Research/Historische Sozialforschung 39 (2): 51-67.

Redepenning, M. (2014): Wider die Totalität: Gerhard Hard, wissenschaftliche Selektivität und die unklare Rolle Luhmanns. Die Geographie wiedergelesen (Gerhard Hard 1973: Die Geographie. Eine wissenschaftstheoretische Einführung. Berlin). In: Geographische Revue 1/2014: 90-98.

Redepenning, M. (2008): Was hat der Fußball in der Geographie zu suchen? In: Gerhard, U./Seckelmann, A. (Hg.): Innovative Hochschullehre in der Geographie. Handlungsempfehlungen aus der Praxis. Bonn. (=VGDH Schriften): 135-146.

Ausgewählte Vorträge zum Forschungsfeld

Redepenning, M. (2014): Paradigmen der Humangeographie: Podiumsdiskussion zu „Homo Geographicus poststructuralis. Was verstehen wir unter geographischer Empirie“. Universität Bayreuth, 01.07.2014.

Redepenning, M. (2011): Space(s): some remarks on the complexities of space from a geographer’s point of view. Konferenz „The Normative Order of Space in European Antiguity and the Ancient Near East“. Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Heidelberg, 09.-11.03.2011.

Redepenning, M. (2008): „Wir haben die Räume nicht eng/weit genug gemacht!“ Anmerkungen zur neuen Bedeutung des Raumes aus sozialgeographischer Sicht. Universität Hildesheim, Institut für Medien- und Theaterwissenschaft, 19.11.2008.