Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Kulturgeographie

Räumliche Planung, raumbezogene Konflikte und soziale Bewegungen

Dieser Forschungsschwerpunkt thematisiert vor allem in anwendungsorientierter Sicht Fragestellungen aus dem Bereich der Politischen Geographie, mit spezifischem Fokus auf raumbezogene politische Planungs- und Entscheidungsprozesse sowie daraus resultierende Handlungen und Konflikte.

Vielfältige aktuelle Prozesse, so unter anderem demographische Wachstums- und Schrumpfungsprozesse, Alterung oder die zunehmende Digitalisierung beeinflussen die Lebensverhältnisse vor Ort nachhaltig und fordern ortsspezifische Handlungsoptionen. Dabei fokussieren wir auch auf lokale Eigenlogiken und Sinnkontexte, die hieraus resultierende Prägung politischer Entscheidungen sowie den Einfluss von - unter anderem - Vereinen und weiteren Akteuren vor Ort.

Wir gehen in unseren Forschungen auch davon aus, dass eine wissensbasierte und auch (immer) selbstbewusste(re) Gesellschaft ihre Ansprüche an Orte und Regionen deutlicher und offensiver denn je artikuliert. Zugleich widersprechen sich diese Ansprüche nicht selten und sind somit konfliktgeladen. Wie genau sehen diese Ansprüche aus, welche Gruppen artikulieren sie? In Forschungen wird immer wieder festgestellt, dass zu wenig Interaktion und Kommunikation zwischen den Gruppen stattfindet, so dass oft verhärtete Ansprüche aufeinandertreffen und damit das Konfliktpotenzial hoch ist. Hier arbeiten wir an Lösungen, die Gruppen wieder ins Gespräch zu bringen (siehe auch Raum- und Sozialtheorie sowie Semantiken des Ländlichen).

Vor diesem Hintergrund liegt ein weiteres Augenmerk unserer aktuellen Forschung auch auf sozialen Bewegungen und auf der Rolle, die Orte, Räume und Territorien für diese Bewegungen spielen und von diesen Bewegungen zur Durchsetzung ihrer Ziele hergestellt und/oder aktiv genutzt werden.

Auswahl aktueller Forschungsprojekte

Handlungsmöglichkeiten von Orten - Rahmenbedingungen politischen Handelns und ortsspezifische Bewältigung von Herausforderungen

Ein aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit verschiedenen Einflussgrößen, welche die Möglichkeiten der Gestaltung der Lebensverhältnisse vor Ort beeinflussen. Neben Finanzen, Verfassung und gemeindestruktureller Einbindung steht hierbei u.a. die lokalspezifische Wahrnehmung (Semantiken) von Chancen und Herausforderungen durch die lokalen Mandatsträger verschiedener Orte sowie die hieraus resultierenden politischen Entscheidungen im besonderen Fokus. Auch die Vereine, als Plattformen bürgerschaftlichen Engagements sowie Schlüsselakteure aus der Zivilgesellschaft werden auf ihre Bedeutung für die Orte näher untersucht. Es gilt hier, die spezifische Eigenlogik einer jeden Gemeinde fassbar zu machen. 

Raum und sozialer Protest

Diese Perspektive wird durch den Fokus auf soziale Bewegungen und ihre Rollen in raumbezogenen Konflikten erweitert. Heute gewinnen Protestaktionen als eine korrektive Form von Politik in der Herausforderung von etablierten räumlichen Ordnungen global an Aufmerksamkeit. Soziale Bewegungen greifen in ihrer Organisation und Artikulation von Protest situationsspezifisch auf unterschiedliche Raumformen, wie etwa Territorium, Ort, Netzwerk oder Mobilität, zurück. So können etwa Protestaktionen besser verstanden werden, wenn untersucht wird, wie sie solche unterschiedlichen Räumlichkeiten nutzen und herstellen. Dabei gilt es unter anderem, das menschliche Tun nicht auf konkrete Orte allein zu begrenzen, sondern die über diesen Ort hinausweisenden Beziehungen und Verbindungen mitzudenken. Aktuell wird über diese Thematik am Beispiel von Bürgerrechtsbewegungen in Mexiko geforscht. 

Flüchtlinge und ihre Integration in ländlichen Gemeinden

Besondere Herausforderungen im Bereich ländlicher Lebensverhältnisse stellen sich mit Blick auf die Integration von Flüchtlingen in ländlichen Gemeinden: Wie kann ihre Integration gelingen und welche Rolle können ländliche Gemeinden in diesem Prozess übernehmen? Wie wirkt sich die neue Situation auf das oftmals eingeschliffene soziale Gefüge in der lokalen Gemeinschaft aus? Ab Herbst 2016 wird der Lehrstuhl in Kooperation mit dem Landratsamt des Landkreises Coburg im Rahmen eines vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur geförderten Vorhabens die spezifischen Strukturen, Herausforderungen und Möglichkeiten der kommunalen Integration von Flüchtlingen erforschen. 

Ausgewählte Publikationen zum Forschungsfeld

Hefner, C. (2015): Teilprojektbericht: Handlungsspielräume von Orten – Rahmenbedingungen politischen Handelns und ortsspezifische Bewältigung von Herausforderungen. In: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (Hrsg.): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012. Berlin: 24-25.

Scholl, S. (2015): Mexico: Challenging Drug Prohibition from Below. In: State of Power 2015. An annual anthology on global power and resistance. The Transnational Institute, Amsterdam.

Redepenning, M. (2013): Varianten raumbezogener sozialer Gerechtigkeit. Ein sozialgeographischer Versuch über das Verhältnis von Raum und Gerechtigkeit und ein Nachdenken über die Frage „Was soll wo sein?“. In: Ethik und Gesellschaft 1/2013: Der »spatial turn« der sozialen Gerechtigkeit: 1-28. Download unter: www.ethik-und-gesellschaft.de/mm/EuG-1-2013_Redepenning.pdf

Lahr-Kurten, M. (2013): Partner Sprache. Studie zu Förderungsmöglichkeiten der Partnersprachen Deutsch in Frankreich und Französisch in Deutschland (=ifa-Edition Kultur und Außenpolitik). Stuttgart. (gleichzeitig: Lahr-Kurten, M. (2013): La langue du partenaire - Étude sur les possibilités de promotion de la langue du partenaire L’allemand en France et le français en Allemagne. Stuttgart.)

Redepenning, M. (2013): Geopolitik. In: Rolfes, M./Uhlenwinkel, A. (Hg.): Metzler Handbuch 2.0 Geographieunterricht. Ein Leitfaden für Praxis und Ausbildung. Braunschweig: Westermann: 312-318.

Lahr-Kurten, M. (2012): Deutsch sprechen in Frankreich. Praktiken der Förderung der deutschen Sprache im französischen Bildungssystem. Bielefeld.

Redepenning, M./Neef, H./Torres, E. (2010): Verflüssigende (Un)Sicherheiten. Über Räumlichkeiten des Straßenhandels am Beispiel Brasiliens. In: Geographica Helvetica 65 (3): 207-216.

Ermann, U./Redepenning, M. (2010): Gute Räume – schlechte Räume? Zum Verhältnis von Moral und Raum in der Geographie. In: Geographische Revue 12 (1): 5-20.

Ausgewählte Vorträge zum Forschungsfeld

Redepenning, M. (2016): Aspekte einer Sozialgeographie der Grenzziehungen. Ringvorlesung „Grenzen“ am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien, Wien, 05.04.2016 (Auf Einladung des IfGR.).

Redepenning, M. (2016): Innerstädtische Veranstaltungen und Einzelhandel. Eine Studie zu den Auswirkungen innerstädtischer Veranstaltungen auf den lokalen Einzelhandel in Bamberg, Runder Tisch zur Innenstadtentwicklung der Stadt Bamberg, Bamberg, 29.01.2016. (zusammen mit Niklas Rhein und David Sauerwald, Bamberg).

Redepenning, M. (2016): Geographien der Gerechtigkeit und des Wohlbefindens, Frankfurter Geographische Gesellschaft, Frankfurt, 27.01.2016. (Auf Einladung der FFG.)

Redepenning, M. (2015): Raumbezogene soziale Gerechtigkeit. Workshop „Die zeitgerechte Stadt“, Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, 20.11.2015. (Auf Einladung durch AK „Zeitgerechte Stadt“.)

Hefner, C. (2014): Studie "Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972, 1993 und 2012" – Gemeinde Gerhardshofen, Validierungsrunde, 10.07.2014.

Scholl, S. (2014): How geographies shape the emergence and continuity of solidarity networks – An assemblage perspective on the role of spatiality in social movements. Society of Latin America Studies (SLAS) 50th Anniversary Conference, Birbeck, University of London, 03.04.2014.

Redepenning, M. (2013): Essen und Technik aus aller Welt. Wo kommt das alles her? Vortrag im Rahmen der „Kinder-Uni“, Universität Bamberg, 30.11.2013.

Scholl, S. (2013): Ethnographie einer zivilgesellschaftlichen Protestbewegung. 58. Deutscher Geographentag, Passau, 05.10.2013.

Scholl, S. (2013): Understanding the geographies of resistance in the context of war. IGU Regional Conference, Kyoto, 05.08.2013.

Scholl, S. (2013): Emotional geographies of civil society resistance in Mexico. 4th International Conference on Emotional Geographies, Groningen, 01.07.2013.

Lahr-Kurten, M. (2013): Partner Sprache. Studie zu Förderungsmöglichkeiten der Partnersprachen Deutsch in Frankreich und Französisch in Deutschland. Werkstattgespräch, Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin, 30.01.2013.

Redepenning, M. (2012): Geographien der Gerechtigkeit. Tagung „Von Orten und Räumen“. Leitlinien einer aktuellen Geographie und ihrer Didaktik. Friedrich-Schiller-Universität Jena, 29./30.11.2012.

Lahr-Kurten, M. (2012): Amic’allemand – der Élysée-Vertrag und die Förderung der deutschen Sprache in Frankreich, XXVIII. Jahrestagung des Deutsch-Französischen Instituts, Ludwigsburg, 29.06.2012.

Redepenning, M. (2011): Die Europäische Union und ihr Raum. Ein Kommentar aus sozialgeographischer Sicht. Workshop „Die EU und ihr Raum“. Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg, 17./18.11.2011.

Lahr-Kurten, M. (2011): „Globale“ Sprachpolitik – „lokaler“ Kontext? Die Frage der flachen Ontologie im Kontext der Förderung der deutschen Sprache in Frankreich. Neue Kulturgeographie VIII, Erlangen, 28.01.2011.

Lahr, M. (2009): The practices in language politics. RGS-IBG Annual Conference, Manchester, 25.08.2009.

Lahr, M. (2009): Praktiken deutscher Sprachpolitik in Frankreich, Tagung „Räume im Ausnahmezustand ?!” des AK Politische Geographie, Münster, 09.05.2009.