Ländliche Lebensverhältnisse und lokale Kultur

Der Arbeitsschwerpunkt adressiert Fragen, die sich v.a. auf die Entwicklung, aktuellen Herausforderungen und Zukünfte ländlicher Lebensverhältnisse im weltgesellschaftlichen Gefüge beziehen.

Neben Fragen zu Gerechtigkeit und Ungleichheit kennzeichnet die Bedeutung lokaler Identität und lokaler Kulturen diesen Arbeitsschwerpunkt. Spezifische Qualitäten des Lebens vor Ort werden aus thematisch breiten Perspektiven ergründet sowie Risiken und Chancen für vor allem ländliche Gemeinden erarbeitet.

Dabei spielen auch Fragen nach der „Verschmelzung“ von Stadt und Land eine wichtige Rolle. Das Verhältnis von Stadt und Land ist aufgrund der fortschreitenden Urbanisierung, demographischen und sozialstrukturellen Wandlungsprozessen sowie einer wachsenden Mobilität und Digitalisierung tiefgreifenden Veränderungen unterworfen.

Diese Veränderungen finden räumlich jedoch ungleich statt: Während einerseits ein neuer Sozialraum der gegenseitigen Verknüpfung von Stadt und Land (suburbane Wohngebiete, Praktiken urbanen Gärtnerns, Wohnen in der Stadt mit Zweitwohnsitz auf dem Land, Land-Stadt Pendlerbewegungen) mit oftmals prosperierenden, häufig zentrumsnahen ländlichen Regionen entsteht, lässt sich andererseits die wachsende Peripherisierung und Entleerung von Regionen feststellen; diese wird am Beispiel der Problematik des Leerstands (siehe unten) in vielen Orten deutlich.

All dies produziert ein komplexes Mosaik von Räumen der Beschleunigung und Entschleunigung, des Reichtums und der Armut, von Zentrum und Peripherie: ein Mosaik, das sich in den Lebensverhältnissen und Lebensentwürfen lokaler Kulturen widerspiegelt.

Aktuelle Forschungsprojekte (Auswahl)

Wohnzufriedenheit von Familien im ländlichen Raum

Ländliche Räume werden oft als Ergänzungsgebiet städtischer Räume angesehen. Es ist jedoch auch wichtig, die lokalen Besonderheiten des Lebens in ländlichen Räumen in den Blick zu nehmen. In einem aktuellen Forschungsprojekt untersucht der Lehrstuhl am Beispiel des Landkreises Bamberg, wie zufrieden Familien mit dem Leben in den ländlichen Wohnorten sind. Dazu werden Stärken und Schwächen der Gemeinden aus der Perspektive der dort lebenden Familien untersucht: Ferner wird analysiert, welche Bedürfnisse diese haben und inwiefern diese erfüllt werden. Unter Berücksichtigung vorhandener Handlungsstrategien der Gemeinden werden lokal angepasste Handlungsempfehlungen erarbeitet.

Bierkultur im Bamberger Land

Der Region Bamberg wird eine besondere „Bierkultur“ attestiert. Wie artikuliert sich aber diese lokale, kulturelle Besonderheit im Spannungsfeld des lokal-globalen Beziehungsgefüges der Weltgesellschaft? Ein Forschungsprojekt untersucht dabei die Bedeutung von Bierkeller für die lokale Gemeinschaft und Organisationsformen von Brauereien. Es zeigt sich unter anderem, dass die Bierkeller der Region eine hohe lokale Verankerung aufweisen und dass sie wichtig sind als sozialer Treffpunkt. Ein Großteil der kleinteilig organisierten Brauereien basiert auf familialen Strukturen, die Kontakte unter den Brauereien sind wesentlich durch vertrauensorientierte kooperative Beziehungen gekennzeichnet. Erste Ergebnisse konnten in Kooperation mit dem Landkreis Bamberg veröffentlicht werden.

Dorfinnenentwicklung oder Bauen am Ortsrand?

Gemeinden wollen wachsen. Doch wo soll dieses Wachstum stattfinden? Soll man die Innenentwicklung vorantreiben oder lieber neues Bauland am Ortsrand ausweisen und dann vielleicht in Kauf nehmen, dass die Ortsmitte verödet, weil zu viel Leerstand vorhanden ist? In einem Forschungsprojekt im Landkreis Haßberge gehen wir aktuell dieser Frage nach und schauen, welche finanziellen, sozialen und ästhetischen Kosten durch Leerstand im Ort entstehen können und ob dies mittelfristig ein Hemmnis für die kommunale Entwicklung sein kann – auch wenn all dies heute noch nicht sichtbar ist.

Ausgewählte Publikationen zum Forschungsfeld

Redepenning, M./ Rhein, N./ Sauerwald, D. (2016): Eventorientierte Veranstaltungen und Lebensqualität innenstädtischer Wohnbevölkerung. Das Beispiel Bamberg. In: Standort. Zeitschrift für Angewandte Geographie Volume 40 (3): 170-176.

Rhein, N./Sauerwald, D. (2014): Leben in der Stadt. Eine Studie zur Lebensqualität in der Bamberger Innenstadt. In: Inselrundschau 2/2014: 5-7.

Redepenning, M. (2015): Grenzen, Grenzziehungen und das Ländliche. Ein Versuch. In: Goeke, P./Lippuner, J./Wirths, J. (Hg.): Konstruktion und Kontrolle. Zur Raumordnung sozialer Systeme. Wiesbaden: VS Springer: 75-93.

Redepenning, M. (2013): Neue Ländlichkeit. In: Gebhardt, H./Glaser, R./Lentz, S. (Hg.) (2012): Europa – eine Geographie. Berlin, Heidelberg: 412-414.

Redepenning, M. (2013): Varianten raumbezogener sozialer Gerechtigkeit. Ein sozialgeographischer Versuch über das Verhältnis von Raum und Gerechtigkeit und ein Nachdenken über die Frage „Was soll wo sein?“. In: Ethik und Gesellschaft 1/2013: Der »spatial turn« der sozialen Gerechtigkeit: 1-28.

Redepenning, M. (2012): ‘The Elephant is part of us and our village’: Reflections on memories, strange geographies and (non-)spatial objects. In: Jones, O./Garde-Hansen, J. (eds.): Geography and Memory: Explorations in identity, place and becoming. New York, Houndmills: Palgrave Macmillan: 124-138.

Redepenning, M. (2011): Reading the urban through the rural: Comments on the significance of space-related distinctions and semantics. In: Hassenpflug, D./Giersig, N./Stratmann, B. (Hg.): Reading the City: Developing Urban Hermeneutics/Stadt lesen: Beiträge zu einer urbanen Hermeneutik. Weimar: 85-101.

Schneider, A./Redepenning, M. (2011): Ländlichkeit und räumliche (Im)Mobilität. Bemerkungen zur Funktion raumbezogener Figuren aus geographischer Sicht. In: Land-Berichte. Sozialwissenschaftliches Journal 14 (3): 10-27.

Redepenning, M. (2009): Inszenierung im/des ‚Ländlichen’. Feste, raumbezogene Semantiken, lokale Kultur und ein Elefant in Niederroßla. In: Berichte zur deutschen Landeskunde 83 (4): 367-388.

Redepenning, M. (2009): Die Komplexität des Landes – neue Bedeutungen des Ländlichen im Zuge der Counterurbanisierung. In: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 57 (2): 46-56.

Ausgewählte Vorträge zum Forschungsfeld

Redepenning, M. & D. Keech & Hefner, C. (2016): Gartenbau und lokale Lebensmittel in der Stadt: Identität, Verwaltung und Wirtschaft in Bath und Bamberg. Vortrag vor der Fachgruppe "Urbaner Gartenbau", Bamberg, 10.10.2016. (Auf Einladung des Zentrums Welterbe Bamberg).

Hefner, C. & G. Tuitjer (2016): Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel - Ländlichkeit im Wandel. Vortrag innerhalb der Sektion Land- und Agrarsoziologie im Rahmen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Bamberg, 28.09.2016. Zum Abstract des Vortrags.(5.4 MB)

Redepenning, M. & C. Hefner (2016): Kirche und ländliche Räume - Impulse zur Stärkung kommunaler Intelligenz. Klausur der Hauptabteilung Seelsorge des erzbischöflichen Ordinariats Bamberg, Vierzehnheiligen, 21.07.2016.

Redepenning, M. (2016): Stadt und Land sind in den Köpfen: Muss modernes Leben auf dem Land urban sein? Zukunftsforum Ländliche Entwicklung auf der Grünen Woche Berlin 2016, Berlin, 20.01.2016. (Auf Einladung des Deutschen Städte- und Gemeindebundes.)

Redepenning, M. (2016): Gedanken zu „Diskursen und lokalen Praktiken in schrumpfenden Regionen“, Workshop „Diskurse und lokale Praktiken in schrumpfenden Regionen“, Institut für Länderkunde Leipzig, 14.01.206.

Redepenning, M. (2015): Leitung der Fachsitzung „Doing the country – doing the city: Stadt/Land-Beziehungen als performative Praxis“. Deutscher Kongress für Geographie 2015, Berlin, 02.10.2015.

Redepenning, M. (2015): Ländliche Regionen zwischen Hoffen und Bangen? Probleme, Handlungsfelder und Lösungsansätze. VHS Landkreis Hof, 25.06.2015.

Redepenning, M. (2015): The rural ‘here’, the urban ‘there’: Is there some use in distinguishing the rural from the urban today? Konferenz „Re-Imagining Rurality“, Faculty of Architecture and the Built Environment, University of Westminster, London, 28.02.2015.

Redepenning, M. (2015): Stadt, Land, Fluss? Konturen aktueller Sozial- und Kulturgeographie. Antrittsvorlesung an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 20.01.2015.

Redepenning, M. (2014): The Boundaries of the Rural. Comments on the “Neue Ländlichkeit” (new rurality) in Germany from a social and cultural geographical perspective. Session „Rural Sociology in Poland and Germany. A comparison of current debates and issues“, 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Universität Trier, 08.10.2014. (auf Einladung).

Redepenning, M. (2012): Das Ländliche als medialer Topos: Bemerkungen zu einem (vermeintlichen) Gemeinplatz. Lecture-Series, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 26.01.2012.

Redepenning, M. (2011): Podiumsdiskussion auf der Zukunftswerkstatt „Zentrale Orte und ländlicher Raum“, gem. mit dem Thüringer Minister für Bau, Landesentwicklung und Verkehr (C. Carius) sowie dem Vizepräsidenten des Thüringer Bauernverbands in Knau (Thüringen), 21.06.2011.

Redepenning, M. (2009): Landl(i)eben. Ländlichkeit, Bioregionen und politische Visionen. Tagung „Neue Kulturgeographie VI“. Universität Osnabrück, 23./24.01.2009.