Solidarität und Einsamkeit. Eine literarische Reise nach Gdańsk/Danzig
Nach den Polen-Exkursionen „Zwischen Romantik und Kapitalismus. Auf den Spuren von Bolesław Prus’ Lalka in Warschau und Łódź“ (Mai 2024) und „Verflechtungen polnischer, deutschsprachiger und jüdischer Kulturen in Südwestpolen (Wrocław – Kraków)“ (Mai 2025; mit der Germanistik) hat uns die Exkursion „Solidarität und Einsamkeit. Eine literarische Reise nach Gdańsk/Danzig“ im Mai 2026 nach Nordpolen an die Ostsee geführt.
Solidarität und Einsamkeit (Solidarność i samotność, 1986) ist der Titel einer Essaysammlung des polnischen Dichters Adam Zagajewski (1945–2021): Bereits Mitte der 1980er Jahre sah Zagajewski, dass der gemeinschaftlich-nationale Aufbruch, den die Gewerkschaftsbewegung Solidarność auch für die Künste bedeutete, sich mit Individualisierung würde messen müssen. Gerade die Poesie, so Zagajewski, könne ihre raison d’être auf Dauer nicht aus einem geteilten Feindbild – dem „Drachen“ des Kommunismus – beziehen, sondern müsse ein primäres Fühlen und Sprechen jenseits der „kollektiven Perspektive“ geltend machen (Solidarität und Einsamkeit, 1986, S. 87). Und das war für Zagajewski die Perspektive der hier ganz unpathetisch zu verstehenden „Einsamkeit“. Wenige Jahre später war der Kommunismus in Polen Geschichte, der „Drachen“ war besiegt. Das Ausbalancieren von Solidarität und Einsamkeit blieb für die Literatur oder die Kultur überhaupt aber eine zentrale Herausforderung.
Auf einem langen Spaziergang lernten wir am ersten Tag die wiederaufgebaute historische Innenstadt von Gdańsk als sozialistische Neuschöpfung der Tradition kennen. Gemeinsame Lektüren von Danziger Texten (Günter Grass, Paweł Huelle, Stefan Chwin) und erste Referate gaben uns zugleich einen Eindruck von der menschlichen Uneinheitlichkeit hinter den Fassaden – und von den Schichten der Stadt. Zumal bei Chwin wurde Gdańsk/Danzig nach der Wende als „Palimpsest“ lesbar (Ein deutsches Tagebuch, 2015, S. 246). Am zweiten Tag beschäftigten wir uns mit Danzig als Ort des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, auch jetzt mit einer Reihe von Referaten in situ: Wir besuchten das Museum des Zweiten Weltkriegs und wurden dabei mit einer Protestaktion gegen die Ausstellung konfrontiert – eine konkrete Begegnung mit den „geschichtspolitischen“ Kämpfen in Polen… Anschließend machten wir einen Ausflug zur Westerplatte und dem Denkmal der Verteidiger der Küste. Vom Schiff aus eröffnete sich uns eine beeindruckende Aussicht auf den Hafen und seine Werften. Der dritte Tag (wiederum begleitet von mehreren Referaten) war ganz der Solidarność gewidmet: Im Europäischen Zentrum der Solidarność auf dem Gelände der einstigen Lenin-Werft konnten wir das außerordentliche Phänomen der ersten freien Gewerkschaft im „Ostblock“ in den feinsten Verästelungen erkunden. Am vierten Tag schließlich lernten wir die „Dreistadt“ kennen: Wir fuhren in die erst in den 1920er Jahren erbaute Hafenstadt Gdynia (wo unter dem Joseph-Conrad-Denkmal das hier zu sehende Gruppenfoto entstand) und machten Halt im Tourismusort Sopot – mit Referaten zur Geschichte des „polnischen Korridors“ und zur Wirtschaftsgeographie der Region.
Gleichsam als Epilog besprachen wir am Meer ausführlich das Gedicht „Spannung und Widerstand“ von Tadeusz Dąbrowski (geb. 1979), einem der heute bekanntesten Dichter des nördlichen Polen. Danach gefragt, „ob das Gedicht eine Form / des Widerstands sein kann“, erwidert Dąbrowskis Ich: „Ja, // wie die Ufer eine Form des Widerstands für den Fluss sind, die Vögel / eine Form des Widerstands für den Wind (…)“ (Wenn die Welt schläft, 2022, S. 74). Es ist, als würde Dąbrowski die von Zagajewski formulierte Problematik – die Spannung zwischen Solidarität und Einsamkeit – neu aufgreifen und nach Antworten suchen, wie Poesie auch dann bedeutsam sein kann, wenn sie nicht im Namen einer kollektiven Bewegung spricht.
Nach drei sehr bereichernden Polen-Exkursionen in drei Jahren ist eine Pause vorgesehen. Zu gegebener Zeit soll die Serie fortgesetzt werden – vermutlich mit einer Reise in den östlichen Teil des Landes.
Wir bedanken uns herzlich beim Universitätsbund Bamberg für die großzügige Unterstützung!
Christian Zehnder (Mitarbeit an der Konzeption der Exkursion: Jens Heinrich)

