Literatur am Ende – Putting *Schöpfung* in *Erschöpfung*

Tagung vom 16. bis 18. November 2022

an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg (Institut für Germanistik / Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
organisiert von Denise Dumschat-Rehfeldt, Julia Ingold, Simone Ketterl, Jonas Meurer, Magdalena Sperber, Antonia Villinger und Anna Lena Westphal

Überall zeigen sich Erschöpfungserscheinungen: In weniger lebenswichtigen Bereichen wie dem Literaturbetrieb wird das Papier knapp, in lebensnotwendigen Bereichen wie dem Gesundheitssystem verzehrt die Pandemie das Pflegepersonal. Es mag an dem Blick der erschöpften Individuen zu pandemischen Zeiten liegen, dass sich überall das Ende anzukündigen scheint. Viele fühlen sich erinnert an décadence und ennui der vorletzten Jahrhundertwende, andere an mementomori und vanitas im Barock. Literaturwissenschaftler*innen, die sich sowieso leidenschaftlich in endlosen Referenzsystemen verlieren können, werden immerhin nicht müde Parallelen zu suchen in den Erschöpfungszuständen unterschiedlicher Epochen. Wir sind nicht erschöpft genug, um nicht über Erschöpfung reden zu wollen. Deshalb laden wir zu einer Tagung, in der wir die Schöpfung in der Erschöpfung suchen wollen. Es ist uns um sehr viel zu tun:  

Die Literaturwissenschaft zeigt Erschöpfungserscheinungen. Die kanonischen Autoren [sic!] gelten als überforscht und so verlieren sich Forscher*innen in Details wie Goethes Wäschelisten. Das liegt nicht zuletzt an den zu enggefassten akademischen Kriterien für Literatur, die es wert ist, erforscht zu werden. Einer von drei Faktoren muss den Gegenstand legitimieren: 1. kommerzieller Erfolg – ‚da kommt man nicht drum rum‘; 2. ästhetische Qualität, gemäß von der Literaturwissenschaft selbst gesetzten Kriterien; 3. soziologisches Interesse, meist verbunden mit einem abschätzigen Blick auf ‚bildungsferne Milieus‘. Das macht es schwer, aus dem erschöpften Kanon auszubrechen. Dabei ist bereits die Literatur selbst, die sich diesen Kriterien beugt, erschöpft. Nicht nur im Sinne einer Überforschung, sondern auch im Sinne eines repetitiven Selbstbezugs, der sich im Zitat verliert. Literatur, die ästhetisch legitimiert sein will, scheint sich durch ihre immer koketter werdenden selbstreflexiven Volten nur noch der Literaturwissenschaft anzubiedern.

Hier könnte ein schöpferisches Moment in der Erschöpfung ansetzen: neue ästhetische Qualitäten entdecken in (noch) nicht kanonisierten Texten, soziologisch oder kommerziell legitimierte Gegenstände ästhetisch erkunden. Das geschieht teilweise bereits, wenn zum Beispiel endlich Dramatikerinnen des 18. oder Rapper des 21. Jahrhunderts in den Fokus rücken. Spätestens in der pandemischen Zeit mit der Wanderung des Soziallebens ins Virtuelle tut sich außerdem die Frage auf, ob gedruckte Texte überhaupt noch die Aufmerksamkeit verdienen, die sie (noch) in der Forschung bekommen. Ist nicht das Papier nicht nur im materiellen, sondern auch im idealen Sinne längst erschöpft, weil die Musik der Gegenwartsliteratur längst auf Twitter, Wattpad und Co. spielt? Und was ist damit, dass plötzlich durch Digitalisierung alter Bestände sehr viele physisch angegriffene Texte mit einem Klick einem Massenpublikum, so es sich dafür nur begeisterte, zugänglich wären?

Wir wollen über alles hören und über alles reden: Theoretisches zu Kanonbildung und literaturwissenschaftlichen Methoden, Historisches zum Motiv und der Tradition der Erschöpfung, Analytisches zu erschöpften Formen und Gattungen, Materialistisches zu Bildschirmen und Papier. Als Anregung zu literaturhistorischen, literaturphilosophischen bis hin zu poetologischen und literarischen Beiträgen mögen folgende Schlagwörter dienen:

  • Ecocriticism: Land unter in der Literatur/wissenschaft
  • Im Spiegel ist Welterschöpfungstag, im Traum wird geschlafen.
  • Aufschub: Warten als utopischer Zustand
  • Boreout: Überforderung durch Langeweile
  • Hedonismus und Euphorie haben als Allheilmittel versagt.
  • „Kapitulation ist das schönste Wort in deutscher Sprache.“ (Tocotronic)
  • Rache
  • Putting *Nation* in *Resignation*
  • Überforschung: Das Fach hat sich überlebt.
  • Bedeutungsüberfrachtung führt in die Bedeutungslosigkeit.
  • Zitieren und Kommentieren in Endlosschleife: von Jüdischen Texttraditionen lernen
  • Melancholie
  • Mythen der Er/schöpfung
  • Retina ist das neue Büttenpapier.
  • fehlgeschlagene Versuche, ästhetisch anspruchsvoll zu sein
  • Burnout, Depression, Fatigue – Zeitdiagnostik am Limit  
  • Untergang und Neubeginn? Zyklische (Kultur-)Modelle

Hier finden Sie den Call for Scholars / Call for Artists als PDF.(1.6 MB, 2 Seiten)

Programm

Mittwoch 16. November 2022

12:30 Uhr

Anreise und Anmeldung

13:00 Uhr

Begrüßung und Einführung

Panel 1: Politik und Gesellschaft

13:15 Uhr

Corinna Schlicht (Duisburg/Essen): »Ich bin die Fragen und Vorstellungen der anderen leid, und doch bin ich selbst diejenige, die sich daran festklammert, als ginge ich sonst unter.« Müdigkeit, Wut und Identitätssuche in zeitgenössischen deutschsprachigen Romanen

14:00 Uhr

Marcella Fassio (Berlin): Weibliche Erschöpfung als Verweigerung und Protest in der Literatur um 1900 und 2000

14:45 Uhr

Kaffeepause

15:15 Uhr

Corina Erk (Bamberg): Hat sich Europa erschöpft? Von literarischen Europa-Figurationen aus Vergangenheit und Gegenwart für die Zukunft lernen. Yes or no?

16:00 Uhr

Andrea Bartl (Bamberg): Feenflügel oder schwarzes Loch? Pathologische Erschöpfungssyndrome in Bilderbüchern der Gegenwart

16:45 Uhr

Kaffeepause

17:15 Uhr

Künstlerischer Beitrag

Siggiko (Cottbus): Poetik der Pśezpołdnica (Mittagsfrau): Niedersorbische Stimmen an der Schwelle der (Er)Schöpfung

18.00 Uhr

Abendessen

20.00 Uhr

Vortrag: Franziska Schutzbach

Donnerstag 17. November 2022

Panel 2: Nichtstun

9.00 Uhr

Bernd Auerochs (Kiel): Aufschub: Warten als utopischer Zustand 

9:45 Uhr

Florenz Gilly (Wien): Tribute des intensiven Lebens. Ätiologie der Erschöpfung in Ottessa Moshfeghs My Year of Rest and Relaxation

10:30 Uhr 

Kaffeepause

11.00 Uhr

Anna Seidel (Innsbruck): Sag alles ab! Oder: Was Diskurspop mit Bartleby zu tun hat

11:45 Uhr

Künstlerischer Beitrag

Zara Zerbe (Kiel): Poetik der Tagediebin. Von der literarischen Arbeit am Nichtstun

12:30 Uhr

Mittagspause

Panel 3: Ästhetik

14.00 Uhr

Yuuki Kazaoka (Sagamihara): Ingeborg Bachmanns Gedichtfragment Eine andere Rache aus der Perspektive ›Schöpfung‹ und ›Erschöpfung‹

14:45 Uhr

Kai Nonnenmacher (Bamberg): ›Comme si écrire c’était ne pas dormir‹: zur Poetik der Schlaflosigkeit bei Marie Darrieussecq

15:30 Uhr

Kaffeepause

16:00 Uhr

Sonka Hinders (Oldenburg): Oh, the boy’s a Slack: Erschöpfte Materialität und (post-)digitales Lesen in Calvin Kasulkes Several People Are Typing

16:45 Uhr

Susanne Talabardon (Bamberg): Zitieren und Kommentieren in Endlosschleife: von Jüdischen Texttraditionen lernen

17:30 Uhr

Edgar Hirschmann (Aachen/Bamberg): Minima Pluralia: Literarische Imagination gegen den Verlust an Vieldeutigkeit

18:15 Uhr

Abendessen

20:00 Uhr

Lesung: Max Czollek

Freitag 18. November 2022

Panel 4: Raum

9.00 Uhr

Alina Boy (Köln): In sickness and in health. Das Sanatorium als Ort der Erschöpfung

9:45 Uhr

Patrick Graur (Erlangen): (Er-)Schöpfungstendenzen um 1900. Die Siedlungsgemeinschaft auf dem Monte Verità als feministisches Projekt?

10:30 Uhr

Kaffeepause

11:00 Uhr

Willi Wolfgang Barthold (Berlin): Erschöpfte Städter raus aufs Land! Das Dorf als Erholungs- und Erschöpfungsraum in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

11:45 Uhr

Künstlerischer Beitrag

Leonhard F. Seidl (Fürth): Das Tal. Erschöpfung als Voraussetzung für Nature Writing

12:30 Uhr

Ende

Hier finden Sie das Programm als PDF.(1.7 MB, 3 Seiten)

Auswahlbibliographie

  • Barth, John: The Literature of Exhaustion. In: Ders.: The Friday Book. Essays and Other Non-Fiction. London: The Johns Hopkins University Press 1984, S. 62-76. [1967]
  • Böhme, Hartmut: Das Gefühl der Schwere. Historische und phänomenologische Ansichten der Müdigkeit, Erschöpfung und verwandter Emotionen. In: figurationen. gender, literatur, kultur. Jg. 16 (2015), H. 1, S. 26-49.
  • Baumgart, Reinhard: Am Rande der Erschöpfung weiter. Eine Momentaufnahme deutscher Prosa. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Jg. 35 (1981), H. 397, S. 579-587.
  • Boutin, Stéphane: Unbehagen im Rechtsstaat. Populismus, Nicht-Stil und die Erschöpfung der Demokratie in Show Me a Hero. In: Orbis Litterarum. International Review of Literary Studies. Jg. 74 (2019), H. 3, S. 219-236.
  • Breyer, Till: Die Erschöpfung des Rechts in Bachmanns Ein Wildermuth. In: Sprache und Literatur. Jg. 48 (2019), H. 2, S. 197-210.
  • Brittnacher, Hans: Erschöpfung und Gewalt. Opferphantasien in der Literatur des Fin de siècle. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2001.
  • Bröckling, Ulrich: Der Mensch als Akku, die Welt als Hamsterrad. Metaphern im Burnout-Diskurs. In: Sighard Neckel, Greta Wagner (Hg.): Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp 2013, S. 179-200.
  • Clément, Sarah: La parole épuisée chez Beckett et Bernhard. In: figurationen. gender, literatur, kultur. Jg. 16 (2015), H. 1, S. 84-97.
  • Coren, Stanley, Alan Posener: Die unausgeschlafene Gesellschaft. Hamburg: Rowohlt 1999. [1997]
  • Diez, Georg: schlagloch. Politikum Erschöpfung. In: taz. die tageszeitung. (22.12.2021).
  • Ehrenberg, Alain: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. 2., erw. Aufl. Frankfurt a.M.: Campus 2015. [1998]
  • Fellmann, Bettina: Zur Verteidigung der Traurigkeit. Ein erschöpftes Heft. Augsburg: Maro 2022.
  • Felten, Georges: Aus der Erschöpfung heraus erzählen. Anna Seghers' Prosa aus der Exilzeit. In: figurationen. gender, literatur, kultur. Jg. 16 (2015), H. 1, S. 70-83.
  • Felten, Georges, Edgar Pankow (Hg.): Erschöpfung/Épuisement. Ausgabe von figurationen. gender, literatur, kultur. Jg. 16 (2015), H. 1.
  • Garcia, Tristan: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession. Berlin: Suhrkamp 2017. [2016]
  • Geisenhanslüke, Achim: ‚Completely horizontal‘. Das erschöpfte Selbst in David Foster Wallace’ Infinite Jest. In: figurationen. gender, literatur, kultur. Jg. 16 (2015), H. 1, S. 99-111.
  • Gerstner, Jan, Julian Osthues (Hg.): Erschöpfungsgeschichten. Kehrseiten und Kontrapunkte der Moderne. Paderborn: Wilhelm Fink 2021.
  • Gontscharow, Iwan: Oblomow. Roman in vier Teilen. München: Hanser 2012. [1859]
  • Göpel, Maja, Eva von Redecker: Schöpfen und Erschöpfen. Berlin: Matthes & Seitz 2022.
  • Gottschalk, Katrin: Mütende Feministinnen. Feministische Neuveröffentlichungen. In: taz. die tageszeitung. (19.10.2021).
  • Han, Byung-Chul: Müdigkeitsgesellschaft. Berlin: Matthes & Seitz 2010.
  • Hartung, Harald: Die schöne Erschöpfung In: Marcel Reich-Ranicki (Hg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 16. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1993, S. 105, 108.
  • Hofmannsthal, Hugo von: Der Brief des Lord Chandos. Stuttgart: Reclam 2004. [1902]
  • Knott, Marie Luise: Dazwischenzeiten 1970. Wege in der Erschöpfung der Moderne. Berlin: Matthes & Seitz 2017.
  • Lafargue, Paul: Das Recht auf Faulheit. Zurückweisung des ‚Rechts auf Arbeit‘ von 1848. Ditzingen: Reclam 2018. [1848]
  • Lethen, Helmut: Die Erschöpfung des Neuen. Vier Überlegungen. In: Waltraud Wende (Hg.): Nora verläßt ihr Puppenheim. Autorinnen des 20. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur ästhetischen Innovation. Stuttgart, Weimar: Metzler 2000, S. 24-35.
  • Martynkewicz, Wolfgang: Das Zeitalter der Erschöpfung. Die Überforderung des Menschen durch die Moderne. Berlin: Aufbau 2013.
  • Mein, Georg: Verausgabung, Erschöpfung und andere Müdigkeitszustände. Vom Mythos beständiger Missernten im Weinberg der Geisteswissenschaften. In: Christine Bähr u. a. (Hg.) Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld: transcript 2009, S. 13-26.
  • Melville, Herman: Bartleby. Stuttgart: Reclam 1985. [1853]
  • Moshfegh, Ottessa: My Year of Rest and Relaxation. New York: Penguin Press 2018.
  • Neckel, Sighard, Greta Wagner: Erschöpfung als ‚schöpferische Zerstörung‘. Burnout und gesellschaftlicher Wandel. In: Dies. (Hg.): Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp 2013, S. 203-217.
  • Pankow, Edgar: Erschöpfende Lektüren. Wie Sigmund Freud und Honoré de Balzac die letzten Enden des Textes beschreiben. In: figurationen. gender, literatur, kultur. Jg. 16 (2015), H. 1, S. 51-69.
  • Rabinbach, Anson: The Human Motor. Energy, Fatigue, and the Origins of Modernity. Berkeley, Los Angeles: University of California Press 1992. [1990]
  • Sahner, Simon: Erschöpfungsfeuilleton. Über journalistische Ohrwürmer. In: 54books.de (20.07.2020).
  • www.54books.de/erschoepfungsfeuilleton-ueber-journalistische-ohrwuermer/
  • Schärf, Christian: Oblomow & Co. Zur Mentalitätsgeschichte der Erschöpfungsmoderne. In: Ders.: Der Flug der Fledermaus. Essays zu einer allgemeinen Poetik. Bielefeld: Aisthesis 2013, S. 191-211.
  • Schutzbach, Franziska. Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit. München: Droemer Knaur 2021.
  • Summer, Elisabeth: Macht die Gesellschaft depressiv? Alain Ehrenbergs Theorie des ‚erschöpften Selbst‘ im Licht sozialwissenschaftlicher und therapeutischer Befunde. Bielefeld: transcript 2008.
  • Vennemann, Kevin: Die Welt vom Rücken des Kranichs. Berlin: Matthes & Seitz 2020.
  • Vöing, Nerea: Arbeit und Melancholie. Kulturgeschichte und Narrative in der Gegenwartsliteratur. Bielefeld: transcript 2019.

Organisator*innen