Live Handbuch Literaturvermittlung

So wichtig Literaturvermittlung mit ihren Formen und Funktionen für mehr oder minder alle Prozesse im literarischen Feld ist, so wenig ist sie bislang umfassend reflektiert bzw. überblickt worden, von wenigen Versuchen abgesehen, das Feld überhaupt erst einmal (teilweise) abzustecken (siehe Literaturliste). Es gibt bislang nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag dazu, was wir unter ‚Literaturvermittlung‘ verstehen können. Systematiken, Ordnungsversuche und Einzelaspekte finden sich unter den Schlagwörtern Literaturbetrieb, Literaturdidaktik, Buchmarkt, literarisches Leben, Literatursystem, literarisches Feld und Literaturszene. Eine umfassende Darstellung, die Theorie und Praxisbezug vereint, ist bisher ausgeblieben. Auf dieses historische wie methodische Desiderat reagieren wir, indem wir ein Handbuch Literaturvermittlung projektieren, das bei J. B. Metzler erscheinen wird.
In der synchronen Perspektive fokussiert sich unser Interesse dabei auf die gegenwärtige Vermittlung von Literatur im engeren Sinne, also Belletristik. In der diachronen Perspektive ist die Ausweitung des Korpus auf einen erweiterten Textbegriff denkbar. Das Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie definiert Literaturvermittlung als „allgemein jede direkt oder in- direkt zwischen Autor und Leser vermittelnde Einrichtung, Unternehmung oder Instanz wie Veranstalter von Lesungen, Verlage (Lektorierung, mediale Realisierung, Distribution, Marketing), Buchhandel, Bibliotheken, Literaturunterricht in den Schulen, Textpräsentation im Internet usw.“*  Heuristisch fassen wir den Begriff der Literaturvermittlung ebenso weit und verstehen darunter alles, was in Form von Material, Akteur:innen und Ereignissen zwischen literarischem Text und Leserschaft vermittelt.

Live Handbuch

Das gedruckte Handbuch ist Grundlage und Grundstock für das von Metzler gehostete Live Handbuch Literaturvermittlung, das parallel dazu entstehen wird und nachher beständig aktualisiert sowie ergänzt werden soll. Es ist vorgesehen, in der online Version eine Fülle von Materialien, Quellen und Links bereitzuhalten, die sich gegen die Buchförmigkeit sperren. Sowohl die gedruckte als auch die digitale Version liefern ein Nachschlagewerk für Literaturvermittlung im gesamten deutschsprachigen Raum, das sowohl für Forschung und Studium als auch für literaturvermittelnde Praxis dienlich sein wird.
Die erste Leistung des Handbuchs soll entsprechend sein, eine Art umfassende Kartographie des beinahe unerschöpflichen Feldes der Literaturvermittlung im deutschsprachigen Raum vorzulegen. Im Gegensatz zu ‚typischen‘ Handbüchern sind die in Rede stehenden Objekte in einem andauernden Prozess zu beobachten, bei dem diachrone und synchrone Entwicklungen zusammenwirken. Es gilt etwa Literaturpreise in ihrer historischen Dimension genauso zu erfassen wie in ihrer Funktion im gegenwärtigen Literaturbetrieb. Um Ordnung in die Darstellung der solcherart eng vernetzten Strukturen und Akteur:innen zu bringen, folgt die Gliederung chronologisch den Wegen der Texte von der Entstehung bis zur Leserschaft.

Struktur

Eröffnet wird das Nachschlagewerk mit dem Großkapitel ‚Theoretische Zugänge‘, in dem die gängigen literatursoziologischen Modelle zur Beschreibung des literarischen Feldes und erste Forschungsansätze vorgestellt werden. Danach folgen die Großkapitel ‚Produktion‘, ‚Distribution‘, ‚Präsentation‘ und ‚Rezeption‘. Darin spiegelt sich beispielsweise der Weg eines Textes von Verlag über Buchhandel und Bibliothek bis zu Literaturkritik und etwaigem Literaturpreis. Freilich ist das ein abstrahierter und schematischer Ablauf, der sich im Einzelnen verschiebt. Gerade mit Blick auf diese nicht immer sachgerechte ‚Starrheit‘ der Darstellung von ‚lebendigen‘ und reichlich wechselvollen Prozessen scheint es uns notwendig, der Buchform ein Live Handbuch an die Seite zu stellen, in dem diese Überschneidungen anders (und vielleicht gelegentlich: ‚richtiger‘) abgebildet werden können.
Zur Struktur der einzelnen Kapitel unterhalb der Großgliederung: Die Kapitel zu großen Bereichen wie etwa Buchmessen oder Archiven sollen von einem Überblicksartikel eingeleitet werden, der kurz die Geschichte dieser Institution referiert, um sie dann im Hinblick auf ihre Rolle und ihre Macht einzuordnen, etwa bezüglich ihrer traditionell und sozial verfügbaren Kapitalsorten nach Bourdieu. Danach werden die Unterkapitel jeweils den wichtigsten Akteur:innen im deutschsprachigen Raum gewidmet sein, etwa der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse. Diese Artikel sollen jeweils dem gleichen Schema folgen, indem sie zuerst die Geschichte der Sache vorstellen, um dann ein Profil ihrer gegenwärtigen Funktion zu entwerfen und anschließend die konkrete Position im literarischen Feld der deutschsprachigen Literatur zu bestimmen. Der folgende Gliederungsentwurf gibt dabei einen Überblick über die geplante Struktur, eine Binnengliederung der Artikel steht freilich noch aus.

*Gebhard Rusch: Literaturvermittlung. In: Ansgar Nünning (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. 5. Aufl. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2013, S. 466f., hier S. 466.

Gliederung

1. Theoretische Zugänge
2. Produktion
3. Distribution
4. Präsentation
5. Rezeption

Auswahlbibliographie

  • Anz, Thomas (Hg.): Handbuch Literaturwissenschaft. Bd. 3: Institutionen und Praxisfelder. Stuttgar, Weimat: J. B. Metzler 2007.
  • Arnold, Heinz Ludwig, Matthias Beilein: Literaturbetrieb in Deutschland. 3. Aufl. München: Edition Text + Kritik 2009.
  • Beilein, Matthias, Claudia Stockinger, Simone Winko (Hg.): Kanon, Wertung und Vermittlung. Literatur in der Wissensgesellschaft. Berlin, Boston: De Gruyter 2012.
  • Bourdieu, Pierre: Les règles de l'art. Genèse et structure du champ littéraire. Paris: Éditions du Seuil 1992 (Deutsch: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999).
  • Casanova, Pascale: La République mondiale des Lettres. Paris: Éditions du Seuil 1999 (Englisch: The World Republic of Letters. Cambridge: Harvard University Press 2007).
  • Disoski, Meri, Ursula Klingenböck, Stefan Krammer (Hg.): (Ver)Führungen. Räume der Literaturvermittlung. Innsbruck: StudienVerlag 2021.
  • Eke, Norbert Otto, Stefan Eli (Hg.): Grundthemen der Literaturwissenschaft. Literarische Institutionen. Berlin: De Gruyter 2019.
  • Escarpit, Robert: Sociologie de la littérature. Paris: Presses universitaires de France 1958 (Englisch: Sociology of Literature. 2. Aufl. London: Frank Cass & Co. Ltd. 1971).
  • Gaiser, Gottlieb: Literaturgeschichte und literarische Institutionen. Zu einer Pragmatik der Literatur. Meitingen: Verlag Literatur und Wissenschaft 1993.
  • Gans, Michael: Literaturdidaktische Orientierungen. Entitäten – Prozesse – Systeme. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH 2021.
  • Giacomuzzi, Renate, Stefan Neuhaus, Christiane Zintzen (Hg.): Digitale Literaturvermittlung. Praxis – Forschung – Archivierung. Innsbruck: StudienVerlag 2010.
  • Grünewald, Andreas, Meike Hethey, Karen Struve (Hg.): Kontrovers. Literaturdidaktik meets Literaturwissenschaft. Trier: WVT 2020.
  • Hall, John A.: The sociology of literature. London: Longman 1979.
  • Lütge, Christiane (Hg.): Grundthemen der Literaturwissenschaft: Literaturdidaktik. Berlin: De Gruyter 2019.
  • Mann, Peter H.: From author to reader. A social study of books. London: Routledge & Kegan Paul 1982.
  • Moser, Doris (Hg.): Über Bücher reden. Literaturrezeption in Lesegemeinschaften. Göttingen: V&R unipress 2021.
  • Neuhaus, Stefan: Literaturvermittlung. Konstanz: UVK 2009.
  • Neuhaus, Stefan, Oliver Ruf (Hg.): Perspektiven der Literaturvermittlung. Innsbruck: StudienVerlag 2011.
  • Ott, Christine, Dieter Wrobel (Hg.): Öffentliche Literaturdidaktik. Grundlegungen in Theorie und Praxis. Berlin: Erich Schmidt 2018.
  • Phillips, Angus, Michael Bhaskar (Hg.): The Oxford Handbook of Publishing. Oxford: Oxford University Press 2019.
  • Plachta, Bodo: Literaturbetrieb. Paderborn: Fink 2008.
  • Richter, Steffen: Der Literaturbetrieb. Texte – Märkte – Medien. Eine Einführung. Darmstadt: WBG 2011.
  • Rippl, Gabriele, Simone Winko (Hg.): Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte. Stuttgart, Weimar: Metzler 2013.
  • Rusch, Gebhard: Literaturvermittlung. In: Ansgar Nünning (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. 5. Aufl. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2013, S. 466f.
  • Sapiro, Gisèle: La sociologie de la littérature. Paris: La Découverte 2014.
  • Schütz, Erhard u. a. (Hg.): Das BuchMarktBuch. Der Literaturbetrieb in Grundbegriffen. 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2010.
  • Corsten, Severin, Günther Pflug, Friedrich Adolf Schmidt-Künsemüller: Lexikon des gesamten Buchwesens. Stuttgart: Anton Hiersemann 1987–2016.
  • Tommek, Heribert: Der lange Weg in die Gegenwartsliteratur. Studien zur Geschichte des literarischen Feldes in Deutschland von 1960 bis 2000. Berlin, München, Boston: De Gruyter 2015.
  • Zimbler, Jarad: Literary Worlds and Literary Fields. In: Ben Etherington, Jarad Zimbler (Hg.): The Cambridge Companion to World Literature. Cambridge: Cambridge University Press 2018, S. 69–84.