Die Großschreibung im 11. und 12. Jahrhundert. Eine Pilotstudie für den Übergangszeitraum vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen

Forschungsförderung

Das von Dr. Marco Bruckmeier geleitete Projekt wird von der Internen Forschungsförderung der Universität Bamberg finanziert.

Zum Forschungsgegenstand

Die Forschung an der Großschreibung im Deutschen wurde bislang zwar von größeren Studien bereichert, doch betreffen diese vorwiegend den Zeitraum 1500–1700 (z. B. Bergmann/Nerius 1998; resümierend Bergmann 1999; mehrere Publikationen zu den Hexenverhörprotokollen im 16./17. Jahrhundert). Die historische Forschung an der Großschreibung ist relativ jung, obwohl die Großschreibung der Substantive eine Besonderheit der deutschen Sprache markiert, die zahlreiche Jahrhunderte zurückführt. Die systematische Großschreibung der Wortart Substantiv beginnt ausgehend von der gegenwärtigen Forschung im Wesentlichen im 15. Jahrhundert und ist um 1700 fest etabliert. Doch wurden in der althochdeutschen (ca. 8.–11. Jahrhundert) wie auch in der mittelhochdeutschen (ca. 11.–14. Jahrhundert) Zeit bereits Substantive und auch andere Wortarten in Texten großgeschrieben. Bekannt ist, dass im Althochdeutschen textzentrale Wörter mitunter großgeschrieben wurden (Szczepaniak 2011). Auch Sinnabschnitte, Absätze, Strophenanfänge etc. wurden mittels Großbuchstaben markiert – die Forschung vermutet hierbei eine Ausdehnung von der textinitialen Schmuckmajuskel in kleinere Textzusammenhänge, die schließlich in der syntaktischen Satzanfangsgroßschreibung mündet, so ist seit ca. 1500 die heute immer noch gängige Kombination aus Satzanfangsgroßschreibung und Satzschlusspunkt etabliert. Was hingegen die Großschreibung von Substantiven betrifft, liegt ein Ausdehnungsprozess über unterschiedliche Substantivklassen zugrunde. Einzeluntersuchungen existieren zur graphischen Gestaltung alter und insbesondere althochdeutscher Texte (z. B. Kleiber 1971), jedoch gibt es keine umfassende systematische Untersuchung der Großschreibung im Alt- und Mittelhochdeutschen. Dies alleine markiert ein signifikantes Desiderat. Doch gerade im Übergangszeitraum zwischen den Epochen (also 11.–12. Jahrhundert) werden auffallend viele Großschreibungen ersichtlich. Ein Blick in Digitalisate von Texten aus dieser Zeit (z. B. Otlohs Gebet, BSB Clm 14490) macht dies deutlich. Hier werden etwa zahlreiche Namen von Heiligen (im Text z. B. Georgii, Bonifacii), aber auch neue Sinnabschnitte im Text großgeschrieben. Die Differenzierung der Epochen (Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch) in dieser Übergangszeit und die Frage der Zugehörigkeit von Texten zur einen oder anderen Epoche markiert ein altbekanntes Problem, da systematische sprachliche Veränderungen über Jahrhunderte hinweg und nicht in kurzer Zeit geschehen. Dieser Zeitraum des Übergangs ist daher für linguistische Untersuchungen von besonderem Interesse und ermöglicht es, die Ausbreitung der Großschreibung im Deutschen von einer neuen und bislang weitgehend außer Acht gelassenen Perspektive aus zu betrachten.

Vorhaben, Projektziele und Methoden

Das übergeordnete Ziel des Projekts ist, die Großschreibung im 11. und 12. Jahrhundert anhand einer adäquaten Stichprobe geeigneter Texte zu untersuchen. Weitere Feinziele des Projektes bestehen darin, Muster und gegebenenfalls diachrone Veränderungen in der Großschreibung aufzuzeigen, den bislang untersuchten Zeitraum der Großschreibung weiter in die Vergangenheit zu verlagern, um so zu einem vollständigeren Bild von der diachronen Entwicklung der Großschreibung beizutragen. Hierfür ist es notwendig, diese Texte graphematisch unter Zuhilfenahme von Digitalisaten und einschlägigen Editionen – dabei handelt es sich insbesondere um Steinmeyer (1916) – zu untersuchen und auszuwerten. Die Edition Steinmeyers folgt, dies ergibt sich aus den Konventionen der Editionspraxis seiner Zeit, keiner originalgetreuen graphematischen Wiedergabe der Texte, sondern greift in die Schreibung der Texte ein. So schreibt Steinmeyer (1916) etwa Namen konsequent groß – auch dann, wenn diese vom Schreiber des Textes kleingeschrieben werden, was im Althochdeutschen meist der Fall ist. Die Folge sind Diskrepanzen zwischen Edition und tatsächlichem Text, die allerdings für das hier vorliegende Projekt von entscheidender Bedeutung sind. Damit ist eine präzisere Analyse der Handschriften notwendig, um neue Erkenntnisse zur Großschreibung zu gewinnen.