Parlamentarisches Verhalten in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49

Inhalt und Ziele

Prof. Dr. Ulrich Sieberer untersucht zusammen mit seinem Kollegen Dr. Michael Herrmann von der Universität Konstanz parlamentarisches Verhalten in der Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirchenversammlung) in den Jahren 1848 bis 1849.

Im Zentrum steht die Frage, wie Demokratien sich entwickeln und ob die Arbeitsweise der Frankfurter Nationalversammlung der Arbeitsweise heutiger Parlamente ähnelt. Lange war die Nationalversammlung als chaotisches Professorenparlament verschrien, die von ihm erarbeitete Verfassung trat nie in Kraft. Doch aktuelle Ergebnisse dieses Projekts zeigen: Die ersten deutschlandweit gewählten Abgeordneten arbeiteten erstaunlich professionell.

Methode

Grundlage der Studie ist ein umfassender Datensatz aller namentlichen Abstimmungen. Durch die Verwendung neuer statistischer Verfahren und der erstmals vollständig verfügbaren Abstimmungsdaten von 809 Parlamentariern bei 299 Abstimmungen sind im Vergleich zum aktuellen Forschungsstand präzisere und validere Schätzungen möglich.

Mithilfe der Basic Space Theorie untersuchten die Wissenschaftler, nach welchen Mustern die Abgeordneten ihre Stimme abgaben. Diese Theorie eines grundlegenden politischen Raumes geht davon aus, dass politische Konflikte in jeder Gesellschaft entlang weniger Konfliktlinien ausgetragen werden. So lässt sich das Abstimmungsverhalten von Abgeordneten vorhersagen.

(Erste) Ergebnisse:

Die Ergebnisse liefern neue Erkenntnisse über die grundlegenden Funktionsweisen der Demokratie und über das erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament: Obwohl fast allen Parlamentariern, dazu zählten neben führenden Staatsrechts-Professoren etwa auch der Sprachwissenschaftler und Märchensammler Jacob Grimm, Erfahrungen in der politischen Praxis fehlten, unterschied sich ihre parlamentarische Arbeit kaum von der Arbeit heutiger Abgeordneter. Innerhalb von sechs Wochen etablierten die Abgeordneten schon Fraktionen, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch gar keine politischen Parteien gab.

Zudem installierten die Parlamentarier eine provisorische Zentralregierung, die vom Vertrauen des Parlaments abhängig war. Dies zeigte sich etwa bei der Auseinandersetzung um den Waffenstillstand von Malmö zwischen Dänemark und den deutschen Truppen unter der Führung Preußens. Das Parlament lehnte das Abkommen im September 1848 mehrheitlich ab, woraufhin das erste Kabinett zurücktrat, das sich für den Waffenstillstand ausgesprochen hatte. Das Parlament setzte so faktisch eine parlamentarische Regierungsweise durch. Bis heute gehört es zum Wesen der Demokratie in Deutschland, dass die Regierung das Vertrauen des Parlamentes braucht.

In der Frankfurter Nationalversammlung haben Ulrich Sieberer und Michael Herrmann mit ihren statistischen Analysen zwei Konfliktlinien gefunden: Der eine Konflikt dreht sich um die Frage, wer künftig herrschen soll – ein Monarch oder das Volk. Der andere entzündet sich an dem Streitpunkt, ob für die Einigung Deutschlands die groß- oder die kleindeutsche Lösung verfolgt werden soll, ob Österreich also künftig zu Deutschland gehören soll oder nicht. Die beiden Politikwissenschaftler können mithilfe statistischer Berechnungen zeigen, dass sich das Entscheidungsverhalten von Abgeordneten in tagespolitischen Fragen, etwa zur Zollpolitik oder zum Jagdwesen, auf dieselben grundlegenden Konfliktdimensionen zurückführen lässt wie die ‚großen‘ Fragen nach der Rolle des Monarchen oder den Grenzen des zu schaffenden deutschen Nationalstaats. Selbst unter den ungünstigen Voraussetzungen einer Versammlung politischer Amateure ohne außerparlamentarische Parteien waren Abgeordnete also sehr schnell in der Lage, grundlegende Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren und in sich relativ geschlossene politische Programme zu entwickeln.

Gesellschaftliche Relevanz und Nutzung der Ergebnisse

Im Kontext der Paulskirche lassen sich Kernfragen parlamentarischen Verhaltens wie die Entstehung von Fraktionen und die Bildung legislativer Koalitionen besonders gut analysieren. Dies erlaubt ein besseres Verständnis von grundlegenden Mechanismen der repräsentativen Demokratie.

Bamberger Kompetenzen

Nur selten widmen sich Politikwissenschaftler historischen Themen – und noch seltener tun sie dies mit modernen sozialwissenschaftlichen Methoden. Doch dem empirisch-analytischen Schwerpunkt der Professur folgend werden auch in diesem Projekt neue statistische Verfahren angewendet. Zu finden waren die Daten der Frankfurter Nationalversammlung schon immer in den Protokollen des Parlaments. Doch die Zusammenführung in einen Datensatz und dessen Auswertung durch Sieberer und Hermann erlaubte erstmals eine umfassende Analyse.

Aktuelle Publikation

Erste Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Party Politics veröffentlicht:

Michael Herrmann und Ulrich Sieberer. 2018. The basic space of a revolutionary parliament: Scaling the Frankfurt Assembly of 1848/49, Party Politics, Online First, doi: 10.1177/1354068817749778.

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