Disinformation, Democracy and Epistemic Breakdown
Wenn der Verdacht auf Manipulation das Vertrauen erschüttert
Desinformation kann auch dann schaden, wenn sie kaum jemanden von einer falschen Behauptung überzeugt. Schon der Verdacht, gezielt getäuscht zu werden, kann das Vertrauen in eine Quelle erschüttern. Selbst eine aufrichtige Mitteilung kann diesen Verdacht auslösen.
Wir untersuchen, wann daraus eine Spirale des Misstrauens entsteht, die es erschwert, sich im politischen Streit auf gemeinsame Tatsachen zu stützen.
Wie sich Misstrauen ausbreitet
In agentenbasierten Computersimulationen bilden wir nach, wie Menschen in sozialen Netzwerken Informationen austauschen und die Glaubwürdigkeit ihrer Quellen beurteilen. Dabei untersuchen wir, wie das Vertrauen zwischen Menschen, das Vertrauen in Wissenschaft, Medien und staatliche Institutionen sowie die gemeinsame Erwartung aufrichtiger Kommunikation einander beeinflussen.
Im ersten Modell gehen wir der Frage nach, wie sich Misstrauen allein durch den Verdacht auf Manipulation ausbreiten kann. Im zweiten Modell kommen Akteure hinzu, die gezielt irreführende Informationen verbreiten. Ein Schwerpunkt liegt auf dem epistemischen Populismus, der den »gesunden Menschenverstand« über das Wissen von Fachleuten und Institutionen stellt und vorhandenes Misstrauen verstärken kann.
Wie können Demokratien reagieren?
Auf Grundlage der Simulationen untersuchen wir, unter welchen Bedingungen Maßnahmen wie Faktenchecks oder die Kennzeichnung irreführender Inhalte eine informierte öffentliche Debatte fördern können. Mit Mitteln der Demokratietheorie prüfen wir, wann solche Maßnahmen verhältnismäßig und mit Meinungsfreiheit und Pluralismus vereinbar sind.
Eine Websimulation für die politische Bildung
Mit dem Epistemic Walkthrough entwickeln wir eine frei zugängliche Websimulation für Schulen und die interessierte Öffentlichkeit. Darin können Nutzerinnen und Nutzer verschiedene Kommunikationssituationen und Gegenmaßnahmen ausprobieren und beobachten, wie sich Vertrauen im Modell verändert. Die Erprobung ist an einem Partnergymnasium in Augsburg geplant. Für den Einsatz im Unterricht entstehen Begleitmaterialien.
Projektleitung
Prof. Dr. Johannes Marx und Dr. Simon Scheller, Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Mitarbeitende
Soeun Jeon und Timucin Talay
Förderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Schwerpunktprogramm 2573 Rethinking Disinformation (Re)
Projektstart und Laufzeit
November 2026 · 36 Monate
