Übergreifende Forschungsthemen des Promotionskollegs
Im Folgenden werden die drei übergreifenden Forschungsthemen Hauptforschungsthemen dargestellt.
Eine ausführliche Fassung des Forschungsprogramms finden Sie in diesem PDF(1.1 MB, 28 Seiten).
In diesem Forschungszugang wird ausgehend von unterschiedlichen Qualitätsmerkmalen von Erwerbsarbeit untersucht, wie sich die Qualitätsmerkmale auf die individuellen und kollektiven Machtressourcen von Beschäftigten auswirken. Ausgangspunkt können sehr verschiedene Qualitätsmerkmale sein, etwa Arbeitsplatz- und Beschäftigungssicherheit, Einkommen, Qualifizierungs- und Lernmöglichkeiten, Entscheidungs- und Handlungsautonomie, Arbeitszeitgestaltung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Gesundheit (u. a. Bakker et al. 2023; Kleinöder et al. 2019; Reifenscheid & Möhring 2023; Struck 2023a). Im Kontext von Digitalisierung, Dekarbonisierung, demografischem Wandel und geopolitischen Umbrüchen wird analysiert werden, unter welchen Bedingungen diese Merkmale Engagement in Gewerkschaften, Betriebsräten oder anderen Formen der Interessenvertretung fördern oder hemmen. Dabei werden kumulative und intersektionale Ungleichheiten (Blossfeld et al. 2020; Winker & Degele 2011) ebenso berücksichtigt wie Unterschiede zwischen Berufsgruppen, Branchen und Lebensphasen. Ziel ist es, die ursächlichen Zusammenhänge von Arbeitsqualität auf die Handlungsfähigkeit und Mitbestimmung von Beschäftigten auf Mikro-, Meso- und Makroebene evidenzbasiert zu erklären.
Das zweite Forschungsthema richtet den Blick auf die umgekehrte Wirkungsrichtung von Machtressourcen, auf die Qualität von Arbeit. Hier wird untersucht, in welcher Weise individuelle, kollektive und institutionelle Machtressourcen auf die Beschäftigte zurückgreifen können, zur Verbesserung der Qualität von Arbeit beitragen. Analysiert werden primäre Machtressourcen wie Arbeitsmarkt-, Produktions- und disruptive Macht (Silver 2003; Wright 2000; Schmalz & Dörre 2014) ebenso wie Organisations- und institutionelle Macht durch Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte sowie tarifliche und gesetzliche Regelungen. Im Mittelpunkt stehen die Bedingungen erfolgreicher Mitbestimmung unter den Herausforderungen digitaler, ökologischer und wirtschaftlicher Transformationen. Betrachtet werden Strategien gewerkschaftlicher Erneuerung („organizing“), tarifpolitische Innovationen, neue Kooperationsformen mit gesellschaftlichen Akteuren sowie die Wirkungen betrieblicher Mitbestimmung auf Einkommen, Qualifizierung, Arbeitszeit, Gesundheit und Beschäftigungssicherheit (Brinkmann et al. 2008; Schnabel 2020; Bombardieri 2024). Ziel ist die Identifikation evidenzbasierter Erfolgsbedingungen wirksamer Interessenvertretung.
Das dritte Forschungsthema untersucht die Wechselwirkungen zwischen primären, organisationalen und institutionellen Machtressourcen sowie deren Bedeutung für Arbeitsqualität und Mitbestimmung. Im Zentrum steht die Frage, unter welchen wirtschaftlichen, betrieblichen und politischen Bedingungen sich individuelle Verhandlungsmacht, gewerkschaftliche Organisationsmacht und institutionelle Regelungen gegenseitig verstärken oder abschwächen (Schmalz & Dörre 2014; Wright 2000; Struck 2023b). Analysiert werden insbesondere Unterschiede zwischen Branchen, Qualifikationsgruppen und Transformationsfeldern sowie die Rolle staatlicher Regulierung, Tarifpolitik und betrieblicher Mitbestimmung. Ein besonderes Interesse gilt den Ursachen erfolgreicher Revitalisierung von Mitbestimmung in einer Arbeitswelt, die durch Digitalisierung, Fachkräftemangel, Dekarbonisierung und neue geopolitische Rahmenbedingungen geprägt ist. Das Forschungsthema verbindet damit arbeitssoziologische, arbeitsmarktökonomische und institutionentheoretische Perspektiven und zielt darauf, die Mechanismen nachhaltiger Sicherung von Arbeitsqualität und demokratischer Teilhabe auf individueller, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene zu identifizieren.
Literatur
Bakker, A. B.; Demerouti, E.; Sanz-Vergel, A. (2023): Job Demands-Resources Theory: Ten Years Later. In: Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 10, 25–53.
Blossfeld, H.-P.; Kilpi-Jakonen, E.; Vono de Vilhena, D.; Buchholz, S. (2020): Is there a Matthew effect in adult learning? Results from a cross-national comparison. In: Schrader, J.; Ioannidou, A.; Blossfeld, H.-P. (Hrsg.): Monetäre und nicht monetäre Erträge von Weiterbildung / Monetary and non-monetary effects of adult education and training. Springer, 1–26.
Bombardieri, L. (2024): Trade unions’ positions and roles for a just transition. The case of the automotive industry in France, Germany, and Italy. Sciences Po, School of Public Affairs, Paris.
Brinkmann, U.; Choi, H.-L.; Detje, R.; Dörre, K.; Holst, H.; Karakayali, S.; Schmalstieg, C. (2008): Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung? Umrisse eines Forschungsprogramms. Wiesbaden.
Kleinöder, N., Müller, S. & Uhl, K. (Hrsg.) (2019): „Humanisierung der Arbeit“. Aufbrüche und Konflikte in der rationalisierten Arbeitswelt des 20. Jahrhundert. Bielefeld.
Reifenscheid, M.; Möhring, K. (2023): Towards a new working time paradigm? Public support for trade union demands for working time reduction. In: Industrielle Beziehungen, 29(3–4), 186–210.
Schmalz, S.; Dörre, K. (2014): Der Machtressourcenansatz: Ein Instrument zur Analyse gewerkschaftlichen Handlungsvermögens. In: Industrielle Beziehungen, 21(3), 217–237.
Schnabel, C. (2020): Betriebliche Mitbestimmung in Deutschland: Verbreitung, Auswirkungen und Implikationen. In: Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 21(4), 361–378.
Silver, B. J. (2003): Forces of Labor: Workers’ Movements and Globalization since 1870. Cambridge: Cambridge University Press.
Struck, O. (2023a): Betriebliche Beschäftigungssysteme. In: Bohn, R. et al. (Hrsg.): Lexikon der Arbeits- und Industriesoziologie. Baden-Baden, 115–118.
Struck, O. (2023b): Sozialpartnerschaft. Probleme und Möglichkeiten ihrer Vitalisierung für Transformationsaufgaben. In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, 92(4), 35–48.
Winker, G.; Degele, N. (2011): Intersektionalität als Mehrebenenanalyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Wright, E. O. (2000): Working-Class Power, Capitalist-Class Interests, and Class Compromise. American Journal of Sociology, 105(4), 957–1002.