Tagungen

Reihenbildung im Literaturbetrieb

Zeit 

17. bis 19. Juni 2026

Ort

Universität Bamberg (Institut für Germanistik / Neuere deutsche Literaturwissenschaft)

Organisation

In Kooperation mit der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft 

Über die Tagung

Reihenbildung ist aus dem Literaturbetrieb nicht wegzudenken: Von der edition suhrkamp über Lübbe Belletristik bis zu Schöner Lesen (SuKuLTuR); von der Insel-Bücherei über Die Andere Bibliothek des Aufbau Verlags bis zu Reclams Universal-Bibliothek; von Rowohlts rororo über Wagenbachs SALTO-Bände bis zu Zeitungsreihen wie SZ Bibliothek, Bild Bestseller-Bibliothek oder Brigitte-Edition – die Reihe der Reihen ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Und Fantasy-, Krimi- oder Romance-Reihen wie die Edinburgh Love Stories von Ullstein oder der Piper-Imprint everlove sind damit noch gar nicht genannt. Gleiches gilt für historische, zwischenzeitlich eingestellte oder nur geplante, aber nie realisierte Reihen. Als Organisationseinheiten der Produktion, Vermittlung, Medialisierung und Rezeption buchförmiger Literatur ist Reihenbildung allgegenwärtig. Es gibt kaum ein Segment des Literaturbetriebs, das ohne sie auskommt: Reihen bestimmen das populäre Sachbuch genauso wie den Young Adult-Bereich, den sich selbst als High Culture beschreibenden Buchmarkt oder die Publikationsformate diverser wissenschaftlicher Disziplinen, inklusive der Literatur- und Buchwissenschaft. Reihen sind denn auch weit mehr als nur eine Abfolge von Büchern, die unter einem gemeinsamen (Reihen-)Titel erscheinen. Sie sind Gegenstand und Ausdruck von Verlags- und Vermittlungsstrategien und beeinflussen diese ebenso wie die konkreten Buchformen. Sie haben Auswirkungen sowohl auf individuelle Leseerfahrungen als auch auf feldübergreifende Marketing- und Kanonisierungsformationen.

Die geplante Veranstaltung setzt an dieser Stelle an und nimmt historische wie aktuelle Formen und Funktionen literaturbetrieblicher Reihenbildung erstmals systematisch und in vergleichenden Fallstudien in den Blick. Den Fluchtpunkt der Tagung bildet ein historisch-systematischer Zugriff auf das Phänomen der Reihe, der diese als textmaterielles Medium zu konturieren und als Element sozialer Praxis mit eigenen Routinen, Techniken und Wissensbezügen zu bestimmen vermag. Um Reihen als komplexe, dynamische und sozial verwobene textmaterielle Formen des literarischen Feldes untersuchen zu können, profiliert die Veranstaltung eine interdisziplinäre Perspektive, die drei theoretisch-methodische Bausteine miteinander kombiniert: 

  1. Literatur- und kulturwissenschaftliche Studien zur Serialität im Allgemeinen, zur Reihe im Besonderen,
  2. Medientheoretische Erweiterungen der Paratexttheorie,
  3. Praxeologische Arbeiten aus dem Feld der Sozialwissenschaften.

Elemente einer Theorie literaturbetrieblicher Reihenbildung

Im Anschluss an die literatur- und buchwissenschaftliche Reihen-Forschung lässt sich das Reihenförmige der Reihe als Form eines seriellen Verfahrens verstehen, das sich in einer Abfolge einheitlich präsentierter, abgeschlossener Bände unterschiedlicher Autor:innenschaft manifestiert. Literaturbetriebliche Reihenbildung ist an einem möglichst prägnanten, kommunikativ anschlussfähigen Image des jeweiligen Verlagsprogramms orientiert, ermöglicht aber zugleich eine gewisse Flexibilität innerhalb des vorgegebenen Rahmens. Während die Sachdimension einer Reihe durch ein thematisch-inhaltlich-konzeptionelles Programm bestimmt wird, das als stabile Einfassung der Bände fungiert, kennzeichnet ihre Zeitdimension eine buchförmige Unbegrenztheit: Der Abschluss der Reihe bleibt stets offen.

Aus der Perspektive der Paratexttheorie kommt der Reihe mit Bezug auf die Einzelbände, die sie rahmt, eine paratextuelle Funktion zu. Die ihnen zugeschriebene lektüresteuernde Relevanz lässt Reihen sowohl als ordnende Elemente kommunikativer Prozesse als auch als Medien der Einflussnahme auf die Öffentlichkeit hervortreten. Daneben haben Reihen selbst Paratexte. Elemente der paratextuellen Gestaltung – wie etwa eine typisierte Ausstattung und wiedererkennbare Buchgestaltung – konstituieren in zentraler Weise Reihenzugehörigkeit, visuelle Kohärenz und markenspezifische Imagebildung.

Als paratextuelle Arrangements sind Reihen in sozialmaterielle Kollektive vielfältiger Akteurs- und Formatkonstellationen eingebunden. Eine praxeologische Sichtweise fokussiert auf kollektiv geteilte, habitualisierte Handlungsmuster: die alltäglichen Routinen, impliziten Regeln und Techniken der Akteure, die an der Entstehung, Gestaltung, Vermittlung und Rezeption von literaturbetrieblichen Reihen beteiligt sind und deren Erwartungen (etwa an thematische Kontinuitäten, programmatische Anforderungen oder Leseerfahrungen) gleichzeitig durch Reihenbildung gelenkt wird.

Analysedimensionen

Die geplante Veranstaltung schlägt vor, drei Dimensionen der Analyse von Reihenbildung im Literaturbetrieb heuristisch zu unterscheiden:

1) Formen und Verfahren
Welche Elemente bestimmen wie die Form einer Buchreihe? Welche Formen von literaturbetrieblichen Reihen lassen sich unterscheiden? Wie und mit welchem Selbstverständnis beschreiben sich Reihen selbst? Wie beginnen Reihen, wie enden sie, wie stellen sie ihre eigene Fortsetzung sicher? Inwiefern lässt sich für Reihenbildung im Literaturbetrieb sagen, dass sie auf einer mittleren Ebene zwischen Produktionsweisen, die auf spontane, individualisierte Schöpfungsakte zurückgeführt werden, und solchen, die sich durch die systematische Umsetzung vorgegebener Pläne und Normen auszeichnen, operiert? Wie verhandelt Literatur ihre eigene Einbindung in Reihen?

2) Akteure und Praktiken
Welche Akteure gestalten wie und wozu literaturbetriebliche Reihenbildung? In welchem Verhältnis stehen Autor:innen, Verleger:innen, Lektor:innen, Buchhändler:innen, Leser:innen etc. zur Produktion, Verbreitung und Rezeption einer bestimmten Reihe? Wie beeinflusst die Kooperation zwischen Verlagen, Autor:innen oder Lektor:innen die thematische Ausrichtung von Buchreihen? Inwiefern lässt sich literaturbetrieblicher Reihenbildung eine geplante Vorträglichkeit attestieren? Was kennzeichnet die Rolle des/der Reihenherausgeber:in (im Unterschied zu Autor:innen oder Herausgeber:innen einzelner Bände)? Welche Routinen, Kompetenzen und impliziten Wissensbestände sind im Umfeld von Reihen wirksam? Welche Konflikte stellen sich zwischen den Beteiligten ein? Wie verändern sich Kooperationsformen in historischer Perspektive? Inwieweit spiegeln sich Erwartungen des lesenden Publikums in der inhaltlichen Gestaltung und dem Erfolg von Buchreihen wider? In welcher Reihenfolge werden Reihen gelesen?

3) Medialität und Materialität
Die paratextuell in Form gebrachte Medialität des Buches beeinflusst maßgeblich die Produktion, Vermittlung und Rezeption von Reihen. Diese sind nicht nur diskursive Texte, sondern dreidimensionale Formate, die Reihenbildung als textmaterielle Objekte zu erkennen geben. Wie beeinflussen diese medialen Eigenschaften die Etablierung, Wahrnehmung und Nutzung von Reihen? Welche paratextuellen Formen konstituieren eine Reihe? Inwiefern ist das (zum Beispiel buchhändlerische) Hantieren mit Reihen an spezifische Reihenmerkmale – etwa Covergestaltung, Seriennummerierung oder fortlaufende Kollektionen, Buchformat – gebunden? Wie werden Buchreihen im Regal positioniert? In welchem Maße beeinflussen technologische Entwicklungen die Art und Weise, wie Buchreihen entstehen und verbreitet werden? Welche langfristigen Auswirkungen hat die physische Präsenz buchförmiger Reihen auf ihre Rezeption?
 

Vergangene Tagungen

»Du mußt nur die Laufrichtung ändern« – Tagung zum 80. Geburtstag von Hermann Kinder

Zeit 

26. bis 28. Juni 2024

Ort

Universität Bamberg (Institut für Germanistik / Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
An der Universität 5, 96047 Bamberg
Seminarraum U5/02.22

Organisation

Förderung

Fritz Thyssen Stiftung und Literarisches Forum Oberschwaben

Über die Tagung

Am 18. Mai 2024 wäre der wunderbare Erzähler und Literaturwissenschaftler Hermann Kinder 80 Jahre alt geworden. Wir nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, im Rahmen einer Tagung sowohl über seine literarischen als auch seine germanistischen Texte zu sprechen und damit einen Autor neu in den Blick zu nehmen, der vom ‚Literaturbetrieb‘ aus schlechten Gründen marginalisiert wurde.

Den Höhepunkt der Tagung bildet die Lesung von Arnold Stadler am Donnerstag, dem 27. Juni 2024, 18.00 Uhr im Hörsaal U7/01.05 (An der Universität 7, Raum 01.05): Einmal auf der Welt. Und dann so.

Die Vorträge wie die Lesung sind öffentlich und wir freuen uns auf eine rege Resonanz.

Das Programm finden Sie hier(930.4 KB).

Tagungsband

Der Tagungsband entsteht derzeit beim Wallstein Verlag.

»wer hinten geht / hat seine eigene welt« – Lutz Seilers literarische Arbeit (Forschungskolloquium zur Poetikprofessur 2023)

Zeit

13. bis 14. Juli 2023

Ort

Internationales Künstlerhaus Villa Concordia
Concordiastraße 28, 96049 Bamberg

Organisation

Förderung

Fritz Thyssen Stiftung

Über die Tagung

Lutz Seiler übernimmt die 36. Poetikprofessur 2023 an der Universität Bamberg unter dem Titel Spaziergänge im Niemandsland. Seiler ist einer der profiliertesten Autoren im gegenwärtigen literarischen Leben. Im Feld der Lyrik gehört er ohne Frage zu den führenden Köpfen des Schreibens und Nachdenkens über eine zeitgemäße, geschichtsbewusste und zugleich gegenwartsorientierte Form der Dichtung. Seine Prosa ist von ebendieser Suche nach lyrischer Präzision geprägt. Der Autor von Gedichten, Romanen, Essays, Hörspielen und Übersetzungen wird in vier Poetikvorträgen seine Gedanken über Literatur und sein eigenes Schreiben ausbreiten.

Lutz Seiler (*1963), aus dem ostthüringischen Dorf Culmitzsch stammend, arbeitete nach einer Lehre zum Baufacharbeiter zunächst als Maurer und Zimmermann. Seit seinem Studium der Germanistik und Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle (Saale) bis Anfang der 1990er-Jahre leitet er unter anderem seit 1997 das literarische Programm im Peter-Huchel-Haus in Potsdam, war von 1993 bis 1998 Mitherausgeber und -begründer der literarischen Zeitschrift moosbrand und Writer in Residence in der Villa Aurora in Los Angeles.

Lutz Seilers Schaffen begann mit Lyrik. Er veröffentlichte bis heute fünf Gedichtsammlungen, etwa berührt / geführt (1995), pech & blende (2000), im felderlatein (2010) und schrift für blinde riesen (2021), die jeweils bei Suhrkamp erschienen. Des Weiteren publizierte er zahlreiche Essays, beispielsweise über Peter Huchel (Peter Huchels Lebensbibliothek. In: text + kritk. Peter Huchel. Heft 157, 2003) und über Jürgen Becker (Nie hört die Nachkriegszeit auf. Über Jürgen Becker. In: text + kritik. Jürgen Becker. Heft 159, 2003). Zu seinem lyrischen und essayistischen Werk kamen später Romane und Erzählungen hinzu. Für sein Romandebüt Kruso erhielt er 2014 den Deutschen Buchpreis und für seine Erzählung Turksib 2007 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sein aktueller und zweiter Roman Stern 111 wurde jüngst 2020 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Noch in diesem Jahr wird Lutz Seiler mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet, dessen Jury ihre Wahl mit der „poetischen Sprachkraft und der zeitpolitischen Intensität“ seines Werkes begründet.

Die Vorträge finden am 14. Juni, 21. Juni, 28. Juni und 12. Juli an der Universität statt, ein begleitendes Forschungskolloquium am 13. und 14. Juli im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia. Interessierte sind sowohl zu den Vorträgen als auch dem Kolloquium herzlich willkommen.

Die abschließende Tagung findet im Anschluss an den letzten Vortrag am 13. und 14. Juli im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia unter dem Titel "wer hinten geht / hat seine eigene welt" - Lutz Seilers literarische Arbeit statt.

Tagungsprogramm(225.0 KB)

Tagungsband

Julia Ingold u. Christoph Jürgensen (Hg.): Spaziergänge im Niemandsland. Beiträge zum Werk Lutz Seilers. Würzburg: Königshausen & Neumann 2025.

»Gebt OG Keemo den Büchner-Preis!« Literaturwissenschaftliche Perspektiven auf Deutschrap

Zeit

29. bis 31. März 2023

Ort

Literaturforum im Brecht-Haus, Berlin

Und im Livestream

Organisation

  • Julia Ingold (Bamberg)
  • Manuel Paß (Berlin)

Förderung

Über die Tagung

Rap ist nicht nur die kommerziell erfolgreichste Musikrichtung der Gegenwart, sondern seit einigen Jahren auch in Deutschland fest verankert im kulturellen und medialen Mainstream. Künstler:innen wie Haftbefehl oder Hayiti werden in den Feuilletons besprochen, Gangstarap ist Thema soziologischer und kulturwissenschaftlicher Arbeiten, die sich um dessen Verständnis als gesellschaftliches Phänomen bemühen. Dabei gerät eines häufig aus dem Blick: die genuin literarische Dimension der Texte. Auf der Tagung werden Literaturwissenschaftler:innen, Popmusikforscher:innen, Journalist:innen und Rapper:innen die poetischen Verfahren des Deutschrap und die damit verknüpften sozialen Repräsentationsprozesse diskutieren.

Weitere Informationen auf der Tagungswebsite

Literatur am Ende – Putting *Schöpfung* in *Erschöpfung*

Zeit

16. bis 18. November 2022

Ort

Universität Bamberg (Institut für Germanistik / Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
An der Universität 5, 96047 Bamberg
Seminarraum U5/02.22

Und im Stream über Zoom

Organisation

  • Denise Dumschat-Rehfeldt
  • Julia Ingold
  • Simone Ketterl
  • Jonas Meurer
  • Magdalena Sperber
  • Antonia Villinger
  • Anna Lena Westphal

Förderung

Wüstenrot Stiftung und Universitätsbund Bamberg e.V.

Über die Tagung

Überall zeigen sich Erschöpfungserscheinungen: In weniger lebenswichtigen Bereichen wie dem Literaturbetrieb wird das Papier knapp, in lebensnotwendigen Bereichen wie dem Gesundheitssystem verzehrt die Pandemie das Pflegepersonal. Es mag an dem Blick der erschöpften Individuen zu pandemischen Zeiten liegen, dass sich überall das Ende anzukündigen scheint. Viele fühlen sich erinnert an décadence und ennui der vorletzten Jahrhundertwende, andere an mementomori und vanitas im Barock. Literaturwissenschaftler*innen, die sich sowieso leidenschaftlich in endlosen Referenzsystemen verlieren können, werden immerhin nicht müde Parallelen zu finden in den Erschöpfungszuständen unterschiedlicher Epochen. Wir sind nicht erschöpft genug, um nicht über Erschöpfung zu reden. Deshalb laden wir zu einer Tagung, in der wir die Schöpfung in der Erschöpfung suchen wollen. Es ist uns um sehr viel zu tun:  

Die Literaturwissenschaft zeigt Erschöpfungserscheinungen. Die kanonischen Autoren [sic!] gelten als überforscht und so verlieren sich Forscher*innen in Details wie Goethes Wäschelisten. Das liegt nicht zuletzt an den zu enggefassten akademischen Kriterien für Literatur, die es wert ist, erforscht zu werden. Einer von drei Faktoren muss den Gegenstand legitimieren: 1. kommerzieller Erfolg – ‚da kommt man nicht drum rum‘; 2. ästhetische Qualität, gemäß von der Literaturwissenschaft selbst gesetzten Kriterien; 3. soziologisches Interesse, meist verbunden mit einem abschätzigen Blick auf ‚bildungsferne Milieus‘. Das macht es schwer, aus dem erschöpften Kanon auszubrechen. Dabei ist bereits die Literatur selbst, die sich diesen Kriterien beugt, erschöpft. Nicht nur im Sinne einer Überforschung, sondern auch im Sinne eines repetitiven Selbstbezugs, der sich im Zitat verliert. Literatur, die ästhetisch legitimiert sein will, scheint sich durch ihre immer koketter werdenden selbstreflexiven Volten nur noch der Literaturwissenschaft anzubiedern.

Hier könnte ein schöpferisches Moment in der Erschöpfung ansetzen: neue ästhetische Qualitäten entdecken in (noch) nicht kanonisierten Texten, soziologisch oder kommerziell legitimierte Gegenstände ästhetisch erkunden. Das geschieht teilweise bereits, wenn zum Beispiel endlich Dramatikerinnen des 18. oder Rapper des 21. Jahrhunderts in den Fokus rücken. Spätestens in der pandemischen Zeit mit der Wanderung des Soziallebens ins Virtuelle tut sich außerdem die Frage auf, ob gedruckte Texte überhaupt noch die Aufmerksamkeit verdienen, die sie (noch) in der Forschung bekommen. Ist nicht das Papier nicht nur im materiellen, sondern auch im idealen Sinne längst erschöpft, weil die Musik der Gegenwartsliteratur längst auf Twitter, Wattpad und Co. spielt? Und was ist damit, dass plötzlich durch Digitalisierung alter Bestände sehr viele physisch angegriffene Texte mit einem Klick einem Massenpublikum, so es sich dafür nur begeisterte, zugänglich wären?

Wir wollen über alles hören und über alles reden: Theoretisches zu Kanonbildung und literaturwissenschaftlichen Methoden, Historisches zum Motiv und der Tradition der Erschöpfung, Analytisches zu erschöpften Formen und Gattungen, Materialistisches zu Bildschirmen und Papier. Als Anregung zu literaturhistorischen, literaturphilosophischen bis hin zu poetologischen und literarischen Beiträgen mögen folgende Schlagwörter dienen:

  • Ecocriticism: Land unter in der Literatur/wissenschaft
  • Im Spiegel ist Welterschöpfungstag, im Traum wird geschlafen.
  • Aufschub: Warten als utopischer Zustand
  • Boreout: Überforderung durch Langeweile
  • Hedonismus und Euphorie haben als Allheilmittel versagt.
  • „Kapitulation ist das schönste Wort in deutscher Sprache.“ (Tocotronic)
  • Rache
  • Putting *Nation* in *Resignation*
  • Überforschung: Das Fach hat sich überlebt.
  • Bedeutungsüberfrachtung führt in die Bedeutungslosigkeit.
  • Zitieren und Kommentieren in Endlosschleife: von Jüdischen Texttraditionen lernen
  • Melancholie
  • Mythen der Er/schöpfung
  • Retina ist das neue Büttenpapier.
  • fehlgeschlagene Versuche, ästhetisch anspruchsvoll zu sein
  • Burnout, Depression, Fatigue – Zeitdiagnostik am Limit  
  • Untergang und Neubeginn? Zyklische (Kultur-)Modelle

Call for Scholars / Call for Artists(1.6 MB, 2 Seiten)

Tagungsband

Denise Dumschat-Rehfeldt, Julia Ingold, Simone Ketterl, Jonas Meurer, Magdalena Sperber u. Anna Lena Wesphal (Hg.): Literatur am Ende. Putting *Schöpfung* in *Erschöpfung*. Marburg: Büchner 2024.

27. Deutscher Germanistentag: ›Mehrdeutigkeiten‹

Zeit

25. bis 28. September 2022

Ort

Universität Paderborn

Organisation

Deutscher Germanistenverband (DGV)

Über die Tagung

Der Deutsche Germanistentag wird alle drei Jahre von beiden Teilverbänden des DGV (Deutscher Germanistenverband) gemeinsam veranstaltet. Der Deutsche Germanistentag stellt seit vielen Jahren ein gemeinsames Forum für Hochschulgermanist*innen und Deutschlehrer*innen aus der ganzen Welt dar. Neben einem Rahmenprogramm laden Keynotes, Plenarvorträge, Panels, Workshops und Diskussionsforen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen in der germanistischen Forschung und Lehre ein. Der Deutsche Germanistentag wird von 650 bis 800 Interessierten aus dem In- und Ausland besucht.

Ausführliche Informationen auf der Website.

Tagungsprogramm

Agitation, Improvisation und Abgrenzung – Protestpop und Krautrock in der Sattelzeit der deutschen Popmusik

Zeit

14. bis 16. September 2022

Ort

Literaturforum im Brecht-Haus, Berlin

Organisation

  • Markus Joch
  • Christoph Jürgensen
  • Gerhard Kaiser

Über die Tagung

Die knapp eineinhalb Jahrzehnte nach 1970 erscheinen im Rückblick als eine Art Sattelzeit der deutschen Popmusik: Fast alle maßgeblichen, zukunftsträchtigen Stile, Artikulations- und Inszenierungsweisen des deutschen Pop entwickeln und etablieren sich in diesem Zeitraum. Das sich in zunehmendem Maße ausdifferenzierende Spektrum reicht vom Protestpop über den sogenannten Krautrock bis hin zu einer auf Breitenwirksamkeit setzenden Rockmusik sowie den später unter dem ebenso unpräzisen wie wirkmächtigen Label „Neue Deutsche Welle“ rubrizierten Spielweisen.

Unser Workshop, der – im Sinne Diederichsens von einem weiten Begriff der Popmusik ausgehend – unter Popmusik den „Zusammenhang aus Bildern, Performances, (meist populärer) Musik, Texten und an reale Personen geknüpften Erzählungen“ (Diederichsen 2014) versteht, zielt auf die Analyse exemplarischer Songs, Alben, Ereignisse und/oder Akteur:innen und setzt zwei thematische Schwerpunkte:

Zum einen wollen wir einen neuen Blick auf die Geschichte und die Spielarten des Protestpop werfen. Mit dem Begriff Protestpop überdachen wir Produktionen, die sich vom älteren und bedächtigeren Modell Liedermacher(in) leicht abgrenzen lassen, aber intern eine beträchtliche textuelle, habituelle und regionale Heterogenität zeigen, der gerecht zu werden das Hauptziel dieses Workshop-Teils ist. Die Bandbreite reicht, um nur wenige Beispiele zu nennen, vom Berliner Anarcho-Rock der Ton Steine Scherben bis zum DKP-nahen Agitprop-Rock von Floh de Cologne; von der Post-Punk-Ästhetik der Fehlfarben bis zu BAP, den Anfang der achtziger Jahre gleich zwei Millionenseller landenden Kölschrockern, die Lindenberg in punkto Massenresonanz überholen. Bei aller Heterogenität des Protestpop zeichnen sich allerdings zwei übergreifende Tendenzen ab: An die Stelle von direkter, mitunter plakativer und/oder didaktisierender Gesinnungsmarkierung treten zunehmend Lyrics mit politischen Anspielungen, und die wachsende textuelle Subtilität geht in der Regel mit einer Verbreiterung des musikalischen Spektrums einher. Verfolgen lässt sich die teils rasante Ausbildung eines textuell wie musikalisch elaborierteren Codes etwa an der Entwicklung ein und derselben Musiker im Verlauf einer knappen Dekade (von Lokomotive Kreuzberg zu Spliff). Leitfragen in diesem Zusammenhang könnten sein: Welche kritischen deutschen Lyrics der 1970er und frühen 1980er Jahre hatten aus welchen Gründen Klassikerpotential? Was ist der spezifisch feministische Beitrag, performativ wie in ihren Texten, von Frontfrauen wie Nina Hagen und Annette Humpe? Bildet der Protestpop zwischen den ambitionierten deutschsprachigen Pop-Lyrics der 2000er Jahre (von Jochen Distelmeyer bis Ja, Panik) und den Texten heute fast vergessener Pioniere um 1930 das missing link?

Zum anderen soll es um die musikalischen, textlichen und performativen Inszenierungsstrategien des Krautrock der frühen 1970er Jahre gehen. Der vor allem von der englischsprachigen Popbeobachtung zunächst pejorativ verwendete Begriff des Krautrock ist freilich intensional diffus und extensional dispers (s. Dallach 2021). Umfasst er doch – mit der Absicht, die aus Deutschland kommende Musik der frühen 1970er Jahre unter einem Etikett zu rubrizieren – ein Spektrum ganz unterschiedlicher Stile. Dieses reicht, um hier nur einige zu nennen, von den stark rhythmusdominierten, oft noch mit traditioneller Rockinstrumentierung operierenden Improvisationen von Can, Neu! oder (bisweilen) Faust über die hippiesk-psychedelischen Soundlandschaften von Amon Düül II bis zu den elektronischen Klangexperimenten von so unterschiedlichen Bands wie Tangerine Dream, Cluster oder Kraftwerk. Einigendes Band dieser unterschiedlichen Akteure scheint jedoch – neben dem Willen, im (oft improvisatorischen) Experiment traditionelle Songformen und Popartikulationsweisen zu überwinden – vor allem die dezidierte Abgrenzung von angloamerikanischen Vorbildern zu sein. Ob und inwiefern es sich bei letzterem nicht auch um eine nachträgliche Selbststilisierung handelt, gilt es im Rahmen des Workshops zu überprüfen und zu diskutieren. In diesem Zusammenhang sollen folgende Aspekte im Mittelpunkt stehen: Welche Text-Musik-Relationen, welche performativen Konzepte, welche band- und akteursgeschichtlichen Narrative, welche regionalhistorischen Zusammenhänge lassen sich analysieren, und schließlich: Wie verhalten sich Krautrock und Protestpop zueinander, welche Überschneidungen und welche Abgrenzungen lassen sich beobachten?

Tagungsprogramm

Podiumsdiskussion: Protestpop und Krautrock in der Sattelzeit der deutschen Popmusik – Ulrich Gutmair und Uwe Schütte im Gespräch mit Christoph Jürgensen und Gerhard Kaiser (Aufzeichnung)

Tagungsband

Markus Joch, Christoph Jürgensen u. Gerhard Kaiser (Hg.): Protestpop und Krautrock. Berlin: Metzler 2024.

»Eins zu eins ist jetzt vorbei« – Popschreibweisen seit 2000

Zeit

22. bis 24. September 2021 

Ort

Universität Bamberg (Institut für Germanistik / Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
An der Universität 5, 96047 Bamberg
Hörsaal U5/00.24

Organisation

  • Christoph Jürgensen und Denise Dumschat-Rehfeldt (Otto-Friedrich-Universität Bamberg)
  • Stefan Neumann und Antonius Weixler (Bergische Universität Wuppertal)

Über die Tagung

Das Verhältnis der künstlerischen Felder zueinander, das Neben- und Ineinander ihrer Logiken und Geschichten, ist gleichermaßen interessant und schwer zu vermessen. Zwei fast zeitgleiche Momentaufnahmen mögen das illustrieren: Während Matthias Politycki in der Folge von Nine-Eleven (wie das etablierte Geschichtszeichen für die Anschläge vom 11.9.2001 lautet) einen 'Relevanten Realismus' forderte und sich gegen eine "nur selbstreferenzielle Literatur" mit ihren "solipsistischen Selbsterkundungen" wendete, sangen Tocotronic auf ihrem 'Weißen Album': "Eines ist jetzt sicher / eins zu eins ist jetzt vorbei". Während in der Folgezeit im literarischen Feld tatsächlich ein neuer Realismus reüssierte (man blicke nur auf die ersten Buchpreisgewinner), wendeten sich die vormaligen Hamburger Schüler von ihrer Sturm- und Drang-Phase im Zeichen juvenilen Protestes gegen die herrschenden Zustände ab und ihrer Kunstphase zu, die bis heute andauert. Auch Blumfeld, um von vielen möglichen Beispielen nur noch ein weiteres zu nennen, hatten ihr Testament der Angst zu diesem Zeitpunkt schon geschrieben, und der "Apfelmann" war von hier aus nicht mehr fern. Während die Schreibweisen im literarischen Feld seit der Jahrtausendwende vielfach untersucht wurden, sind die zumindest historisch parallellaufenden Popschreibweisen vergleichsweise wenig ausgeleuchtet. Hier setzte unsere Tagung an.

Tagungsprogramm(679.5 KB, 1 Seite)

Playlist zur Tagung

Tagungsband

Denise Dumschat-Rehfeldt, Julia Ingold, Christoph Jürgensen, Stefan Neumann u. Antonius Weixler (Hg.): »Eins zu eins ist jetzt vorbei« Popschreibweisen seit 2000. Berlin/Heidelberg: Metzler 2023.

Natur – Form – Autorschaft. Das literarische Werk Jan Wagners (Forschungskolloquium zur Poetikprofessur 2020/21)

Zeit

15. bis 16. Januar 2021

Ort

Zoom

Organisation

  • Christoph Jürgensen
  • Friedhelm Marx
  • Holger Pils

Förderung

Fritz Thyssen Stiftung und Interne Forschungsförderung der Universität Bamberg

Über die Tagung

Der Büchner-Preisträger Jan Wagner ist der 33. Poetikprofessor der Universität Bamberg. Im Wintersemester 2020/21 hält der Lyriker, Essayist und Übersetzer vier Vorlesungen über das literarische Schreiben.

Jan Wagner (*1971) gehört zu den wichtigsten und renommiertesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. 2001 erschien sein erster Gedichtband Probebohrung im Himmel, seither folgten zahlreiche weitere Lyrikbände, Essays, Anthologien und Übersetzungen, zuletzt (mit Tristan Marquardt) die Minnesang-Anthologie Unmögliche Liebe (2017) und (mit Federico Italiano) die Anthologie Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas (2019). Für seinen Lyrik-Band Regentonnenvariationen (2014) erhielt er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse. 2017 folgte mit dem Georg-Büchner-Preis die nächste große Auszeichnung: Seine Gedichte, längst in mehr als vierzig Sprachen übersetzt, vereinten „spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung", hieß es in der Laudatio.

Das Kolloquium zum Werk Jan Wagners, das die Poetikprofessur wissenschaftlich ergänzt, folgt im Anschluss an die dritte Vorlesung am 15. und 16. Januar 2021. Das Kolloquium findet online statt und steht allen Interessierten offen! 

Tagungsprogramm(225.0 KB)

Tagungsband

Christoph Jürgensen, Friedhelm Marx u. Holger Pils (Hg.): Natur – Form – Autorschaft. Das literarische Werk Jan Wagners, Würzburg: Königshausen & Neumann 2022.