Frau Annen, würden Sie sich zu Beginn kurz vorstellen und erzählen, wie Sie an die Universität Bamberg gekommen sind?
Ich bin Professorin für Wirtschaftspädagogik an der Fakultät SoWi. Mein Weg nach Bamberg ist durch viele Erfahrungen geprägt: Nach dem Abitur habe ich zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht, merkte aber schnell, dass das nicht meine berufliche Welt ist. Durch meinen Berufsschullehrer bin ich auf das Studium der Wirtschaftspädagogik aufmerksam geworden und habe anschließend auch darin promoviert.
Meine Leidenschaft gilt der Forschung. Ich habe zunächst im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gearbeitet. Ein DFG-Forschungsstipendium ermöglichte mir von 2017 bis 2019 einen Forschungsaufenthalt in Kanada. Nach dieser Erfahrung habe ich mich auf die Professur in Bamberg beworben – eher aus Neugier als verbunden mit einem festen Karriereziel.
Inwiefern hat Ihnen die Ausbildung zur Bankkauffrau auf Ihrem Karriereweg geholfen?
Meine Ausbildung war ein Vorteil, insbesondere für meine Arbeit am BIBB sowie im Kontext Berufsbildung insgesamt. Ich habe im BIBB in einem Bereich gearbeitet, wo kaufmännische Aus- und Fortbildung bildungspolitisch gestaltet und erforscht wurden. Wer das System der beruflichen Ausbildung aus eigener Erfahrung kennt, versteht es besser aus einer Innenperspektive heraus.
Hatten Sie auch Nachteile durch Ihren Werdegang?
Mein Werdegang war weniger gradlinig als der vieler Kolleg*innen, die direkt nach dem Studium durch Promotion und Post-Doc bzw. Habilitation an der Universität bleiben. Während meines Forschungsaufenthalts in Kanada habe ich gemerkt, dass ich älter war als viele andere Post-Docs und ihm Vergleich zu ihnen einen eher ungewöhnlichen Lebenslauf hatte. Rückblickend war das jedoch ein Vorteil: Ich konnte breitere Erfahrungen sammeln und unterschiedliche wissenschaftliche Kontexte kennenlernen.
In Bamberg haben Sie sich auf eine Tenure-Track-Professur beworben. Würden Sie einmal erklären, was das ist?
Eine Tenure-Track-Professur ist ein Mittelweg zwischen befristeter Beschäftigung und Lebenszeitprofessur. Für eine Zeit von fünf oder sechs Jahren werden verbindliche Ziele in verschiedenen Bereichen wie Forschung, Lehre, Nachwuchsförderung und akademischer Selbstverwaltung festgelegt. Am Ende entscheidet eine Evaluation, ob diese Ziele erreicht wurden. Fällt diese Entscheidung positiv aus, bekommt man eine Professur auf Lebenszeit.
Der große Vorteil ist die klare Perspektive: Man ist nicht sofort verbeamtet, hat aber Planungssicherheit und eine klare Aussicht auf eine dauerhafte Professur.
Tenure-Track wird als „alternativer Weg zur Professur“ bezeichnet. Was ist damit gemeint?
Der klassische Weg in Deutschland führt über Promotion und Habilitation oder Post-Doc zur Professur. Die Aussichten, am Ende des Wegs eine Professur zu bekommen, sind dabei sehr ungewiss. Tenure Track orientiert sich stärker am angloamerikanischen Modell: Der Weg sieht hier beispielsweise so aus, dass man nach der Promotion in der Post-Doc-Phase habilitationsäquivalente Leistungen erbringt und dann direkt in eine Tenure-Phase von W1 auf W2 oder W3 einsteigt, die in einer Professur mündet.
Der deutsche Sonderweg über die Habilitation ist eher ein Auslaufmodell. In vielen Disziplinen – auch in meiner – sind äquivalente Qualifikationsleistungen längst etabliert. Ich denke daher, dass Tenure Track kein Sonderweg ist, sondern künftig weiter an Bedeutung gewinnen wird.
Sehen Sie auch potenzielle Probleme im Tenure-Track-Programm?
Ein möglicher Nachteil ist der sehr frühe Einstieg auf eine W1 Tenure Track Stelle direkt nach der Promotion. Zu diesem Zeitpunkt ist oft noch schwer abzusehen, wie sich ein wissenschaftliches Profil entwickelt. Mir persönlich hat es geholfen, zunächst selbstgesteuert Erfahrungen zu sammeln und mein Profil zu schärfen und ich habe die Freiheit, die damit einherging, sehr geschätzt.
Es ist eine Frage der Abwägung: Tenure Track bietet Sicherheit für die eigene Karriere, legt einen aber auch stärker auf die vereinbarten Ziele fest.
Sehen Sie aus Gleichstellungsperspektive einen besonderen Vorteil im Tenure-Track-Programm?
Aus Gleichstellungsperspektive bietet Tenure Track vor allem Verlässlichkeit und Planbarkeit. Dies kann insbesondere für Frauen in Hinblick auf Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Vorteil sein. Zudem stärkt das Verfahren den meritokratischen Gedanken: Die Kriterien sind transparent festgelegt, und bei deren Erfüllung folgt die Professur. Informelle Faktoren wie Netzwerke treten dadurch stärker in den Hintergrund.
Weitere Informationen zu Silvia Annen finden sich auf der Website des Lehrstuhls für Wirtschaftspädagogik
