Professur - Wie wichtig ist die Persönlichkeit für eine wissenschaftliche Karriere, Astrid Schütz?
Interview: Sophia Wagner
Frau Schütz, würden Sie sich zu Beginn kurz vorstellen und erzählen, was Sie aktuell an der Uni Bamberg machen?
Ich bin Professorin für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik sowie Universitätsgleichstellungsbeauftragte. Außerdem leite ich das Kompetenzzentrum für Angewandte Personalpsychologie, das Organisationen fachlich berät. Auch bin ich Sprecherin des Smart City Research Labs, in dem wir die Entwicklung der menschenorientierten Digitalisierung in Bamberg begleiten. Schließlich bin ich wissenschaftliche Leitung der Säule Persönlichkeit und Motivation im Nationalen Bildungspanel und habe das Zentrum für Geschlechtersensible Forschung gegründet.
War Ihnen zu Beginn des Studiums klar, dass Sie Professorin werden wollen? Wann haben Sie sich für diesen Weg entschieden und warum?
Zunächst wollte ich, wie so viele, Profilerin werden, dann Therapeutin. Eine Therapieausbildung habe ich begonnen und auch Erfahrungen in der Praxis gesammelt, aber mir wurde die Tätigkeit zu repetitiv – ich wollte Neues erfahren.
Ich habe mich dann aus wissenschaftlicher Neugier für eine akademische Laufbahn. Das treibt mich heute noch an.
Sie sind Professorin am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik. Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung? Können Sie erklären, was mit „Persönlichkeit“ aus psychologischer Sicht gemeint ist?
Persönlichkeit ist das individuelle Muster der überdauernden Tendenzen des Erlebens und Verhaltens eines Menschen.
Ich beschäftige mich in meiner Forschung vor allem mit Unterschieden in sozialen Interaktionen und Beziehungen – und das in vielerlei Hinsicht. Im Team haben wir zum Beispiel politische Wahlkämpfe und Skandale analysiert, aber auch das Verhalten von Führungspersonen und dessen Effekte auf Mitarbeitende sowie Beziehungen in Partnerschaften. Dabei haben wir zum Beispiel Macht oder Selbstdarstellung untersucht und Eigenschaften wie Selbstwert, Emotionale Intelligenz, Mitgefühl, aber auch Narzissmus. Auch haben wir zahlreiche diagnostische Instrumente entwickelt, die weniger leicht als Fragebogen verfälschbar sind – denn Verfälschung beziehungsweise Simulation und deren Detektion ist ein weiterer Arbeitsbereich in unserem Team. In meiner Forschung setze ich mich systematisch für Transparenz und Open Science ein.
Wenn man über eine wissenschaftliche Karriere nachdenkt, sollte man einen scharfen Verstand und Begeisterung für sein Fach mitbringen. Aber darüber hinaus können für den Weg in der Wissenschaft auch weitere Charakterzüge wichtig sein. Welche Rolle spielen Persönlichkeitseigenschaften für eine wissenschaftliche Karriere?
Ja, brennen für ein Thema und neugierig sein - verstehen wollen - ist wichtig. Außerdem aber auch Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und Risikobereitschaft.
Gibt es Persönlichkeitstypen, die für eine wissenschaftliche Karriere besonders geeignet sind?
Neben der eigenen Forschungstätigkeit ist es wichtig, sich zu vernetzen und überzeugend aufzutreten. Eine gewisse Portion Extraversion ist da hilfreich.
Umgekehrt: Welche Eigenschaften können – trotz fachlicher Kompetenzen – bedeutende Hindernisse darstellen?
Ein sehr großes Sicherheitsbedürfnis ist hinderlich, ebenso labiler Selbstwert.
Um sich innerhalb der Wissenschaft zu beweisen, muss man in einem sehr kompetitiven Umfeld bestehen. Gibt es allgemein negativ bewertete Charaktermerkmale, die sich im wissenschaftlichen Betrieb besonders gut durchsetzen oder durch diesen gefördert werden?
Ich habe schon den Eindruck, dass Personen, denen es gelingt zu glänzen und andere zu beeindrucken, einen gewissen Vorteil haben.
Haben Sie sich durch Ihr Leben in der Wissenschaft verändert?
Das ist schwer zu sagen, da ich nicht weiß, wie ich mich sonst entwickelt hätte. Mein Umfeld sagt mir jedenfalls, dass ich dazu tendiere, Phänomene verstehen zu wollen, auch im Alltag immer wieder Hypothesen aufstelle – und versuche, diese zu prüfen.
Anfangs war ich recht zurückhaltend und musste erst im Laufe meiner Karriere lernen, vor großen Personengruppen zu sprechen.
Wenn Sie auf ihre Erfahrungen im wissenschaftlichen Betrieb zurückblicken: Würden Sie sagen, dass sich Charakterzüge von Wissenschaftler*innen verändert haben?
Auch das ist schwer zu sagen, aber das lange Arbeiten an einem großen Thema oder Projekt ist wohl seltener geworden. Häufig sieht man nun, dass Personen intensiv produzieren, viele Publikationen in kurzer Zeit auf den Markt bringen.
Sind Universitäten sensibler oder diverser in Bezug auf verschiedene Persönlichkeiten geworden?
Ich denke ja. Ich erinnere mich, als ich in den Raum meiner ersten wissenschaftlichen Versammlung trat und von hinten auf lauter dunkle Jacketts und graue Haare blickte. Wissenschaft ist weiblicher, internationaler, bunter geworden.
Weitere Informationen zu Astrid Schütz finden sich auf der Website des Lehrstuhls für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik
