JuPart - Projekt zur Partizipation Jugendlicher im Landkreis Bamberg

Projektabstract

Im Projekt JuPart wird mit Hilfe einer partizipativen Forschungsausrichtung die Jugend im Landkreis Bamberg, ihre Partizipationsmöglichkeiten- und wünsche erforscht. Die Forschung bewegt sich dabei zwischen der Vielfalt von Jugendlichkeit und ländlichen Räumen, kommunaler (Jugend)politik, Demokratie und politischer Bildung. Die Diversität jener Themen spiegelt sich in dem Forschungsnetzwerk aus dem Kreisjugendring Bamberg, dem Bildungsbüro Landkreis Bamberg und der Jugendarbeit des Landkreises Bamberg, sowie der Lehrstuhl Sozialpädagogik der Universität Bamberg und den coforschenden Jugendlichen wider. Das Projekt startet im Herbst 2021 mit einer Pilotstudie im Rahmen von Lehrforschungsprojekten, die mit Hilfe von Interviews mit verschiedenen Jugendlichengruppen erste Erkenntnisse über das Forschungsthema liefern soll.

Ansprechperson

Tilman Kallenbach

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Projektskizze

 

Von der Jugend zu sprechen ist heute genauso problematisch, wie von dem ländlichen Raum – Vielfalt und gesellschaftlicher Wandel bestimmen jeweils das Bild. Jugend verstanden als Phase der Integration in und Veränderung von Gesellschaft, sowie als eine spezifische kulturelle Praxis in Generationenbeziehungen (Grundmann 2020, S.24) findet im ländlichen Raum in einer Umgebung statt, die ihrerseits vielfältig vernetzt sein kann und sich ihrerseits in beachtlichen Entwicklungsdynamiken wiederfindet (Neuburger 2019, S.55).

Unter dem Stichwort der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse (Redepennig/Singer 2019, S.58f.; Art. 72 GG; Art. 3 BayVerf), wird bei Ausbau und Erhalt (sozialer) Infrastruktur nicht zuletzt auf die Partizipation der gesamten Bevölkerung abgestellt. Die Inklusion Jugendlicher in Politik und Demokratie erfüllt in diesem Zusammenhang nicht nur legitimatorische Funktionen, sondern sorgt langfristig für Nachwuchs in den Institutionen und Gremien (Ottersbach 2021, S.70).

 

Demographischer Wandel

Die Erforschung der Jugend im ländlichen Raum gewinnt vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in Deutschland stetig an Bedeutung. Jene Entwicklung lässt sich prägnant unter dem Motto „weniger – älter – bunter“ zusammenfassen. Auch wenn sich in diesem Zusammenhang deutliche regionale Unterschiede zeigen “bildet sich ein Nebeneinander von wachsenden und schrumpfenden Gemeinden. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen wächst nur noch in wenigen Kreisen und Städten; eine Alterung der Gesellschaft findet überall statt und die Zuwanderung konzentriert sich auf Großstädte und Ballungsgebiete.” (Faulde 2017, S. 136). Insbesondere in Oberfranken ist langfristig mit Bevölkerungsverlusten zu rechnen (Bayerisches Landesamt für Statistik 2019, S. 471). Dies kann zu negativen wirtschaftlichen Entwicklungen und damit verbunden Engpässen in den kommunalen Finanzen dieser Regionen führen. Große Teile des Landkreises Bamberg stellen hier eine erfreuliche Ausnahme dar (Dudek/Kallert 2017, S. 15ff.). Eine Schwächung der Infrastruktur führt insbesondere in strukturschwachen und dünn besiedelten Landregionen zu einem sinkenden Angebot an Freizeitangeboten und Einrichtungen der Jugendarbeit (Faulde 2017, S. 133f.). Somit sinkt auch die Attraktivität ländlicher Lebensräume für Jugendliche. Da der Anteil der Jugendlichen an der Bevölkerung proportional abnimmt und sie ohnehin über wenig Möglichkeiten demokratischer Partizipation verfügen, gestaltet sich die Artikulation ihrer Interessen als bedeutsam und zählt deshalb zu den genuinen Aufgaben einer zukunftsgewandten Jugendforschung (Schippling et al. 2018, S. 1487). Durch einen partizipativen Forschungsprozess können die Interessen junger Menschen erforscht, sowie deren Teilhabemöglichkeiten und Lebensqualität gesteigert werden. Wie oben dargestellt wurde, ist dies ein Prozess von dem nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern die ganze Gemeinde profitiert.

 

Kommunale (Jugend)Politik

Die Kommunalpolitik gilt allenthalben als Keimzelle demokratischer Regierung für den gesamten Staat (Holtmann 2017, S.12f.) - damit sind die Kommunen nicht zuletzt auch als Lernorte der Demokratie zu verstehen. Soll dieser Anspruch eingelöst werden, ist eine Ausrichtung der kommunalen Jugendpolitik auf "die Stärkung der partizipativen Möglichkeiten von Mitwirkung, Beteiligung, Mitbestimmung und Selbstorganisation” (Pletzer 2017, S.124) unerlässlich. Diese Programme sollten einen konkreten Nutzen für die Jugendlichen aufweisen, um diese zur Teilnahme zu bewegen (Pigorsch 2021, S. 12). Inhaltlich bewegen in diesem Feld “die Themen Mobilität, Digitalisierung, jugendgerechte Wohnformen, Freiräume und Freizeitangebote viele junge Menschen auf dem Land. Zentral in Bezug auf die Lebensplanung sind zudem die Ausbildungsmöglichkeiten und beruflichen Perspektiven” (Grebe et al 2017, S. 51). Den Fachkräften der Jugendarbeit kommt neben Politik und Verwaltung in diesem Zusammenhang ein ganzes Bündel an Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu (ebd. S. 53ff.; §11 SGB VIII). 

 

Demokratie und politische Bildung im Kontext von Digitalisierung

77% der Jugendlichen halten die repräsentative Demokratie für eine eher oder sehr gute Staatsform (Albert/Schneekloth 2019, S. 91). Die Shell-Jugendstudie zeigt, dass sich 45% der Jugendlichen als politisch interessiert einstufen. Dabei ist zwar einerseits eine Politisierung von bestimmten Gruppen, z.B. Mädchen besonders im Zuge von Fridays for Future zu beobachten, andererseits bezieht sich die Politisierung auf eine schon im Vorhinein politisch interessierte Gruppe (Albert/Schneekloth 2019, S. 49f.). Was aber ist mit dem Rest der Jugendlichen? Befindet sich etwa die Demokratie in der Krise, wie es Brühlmeier und Mastronardi (2016) in ihrem Buch konstatieren? Geringe Wahlbeteiligungen bei jungen Menschen (Abendschön/Roßteutscher 2016, S .73), Fake News i.S. von Miss- und Desinformationen und eine komplexe Medienwelt im Wahlkampf (Schmid et al. 2018, S.87ff.; Jakubczyk 2017, S. 22) sowie erstarkende extremistische Parteien und Bewegungen in Europa (Decker 2017, S. 43f.) stellen jedenfalls hohe Anforderungen an die (politische) Demokratiekompetenz von jungen Menschen. 

Die Wichtigkeit von Internet und Social Media bei der politischen Informationsgewinnung der 12- bis 25-Jährigen zeigt sich auch darin, dass diese die klassischen Medien inzwischen überholt haben (Albert/Schneekloth 2019, S. 53). Dabei schätzen sich zwei Drittel der jungen Menschen als sicher bei der Erkennung von Falschnachrichten ein, wobei dies stark mit dem Bildungshintergrund zusammenhängt und lediglich bei 30% der Jugendlichen in der Schule behandelt wurde (Vodafone Stiftung Deutschland  2020, S.5ff.). Demokratie braucht also eine starke demokratiebezogene Bildung. Gleichzeitig ist der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft, Bildungsabschluss und politischem Desinteresse bei Jugendlichen in Deutschland sehr stark vorhanden (Schulz et al 2018, S.184ff.; Albert/Schneekloth 2019, S. 51f.).

 

JugendSozialRäume 

Ein sozialräumlicher Blick ist in der Jugendarbeit zu einer Selbstverständlichkeit geworden und kann aufschlussreiche Hinweise geben: So sind lebensweltlichen Bezüge und Räume des Aufwachsens nicht einfach gegeben, sondern ständig in Veränderung und durch die Jugendlichen anzueignen (Deinet/Reutlinger 2019, S.8). Zu untersuchen ist daher welche Räume von Jugendlichen aufgesucht, genutzt und gestaltet werden. Neben physisch-materiell verortbaren - und in ländlichen Regionen oft weit verteilten - Räumen wie Schulen, Vereinen und Jugendzentren oder dem öffentlichen Raum geraten in diesem Zusammenhang aber auch Jugendkulturen oder andere informelle (online) Communities in den Blick (ebd., S. 9; Ludwig/Grunert 2019, S.41ff.).

 

Fahrplan

Das Projekt folgt langfristig einer partizipativen Ausrichtung. Im Kern beschreibt partizipative Forschung den Versuch einen Erkenntnisgewinn und eine positive Veränderung der sozialen Umwelt zu initiieren. Dieses Forschungsvorhaben zeichnet sich dadurch aus, dass die jungen Menschen aktiv am Forschungsprozess mitwirken (Bergold 2013, S. 2). So können die Interessen junger Menschen erforscht, sowie deren Teilhabemöglichkeiten und Lebensqualität gesteigert werden, davon profitiert das gesamte Gemeinwesen. Ein Netzwerk, bestehend aus Akteuren wie dem Kreisjugendring Bamberg, dem Bildungsbüro und der Jugendarbeit des Landkreises Bamberg, sowie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg arbeitet in stetiger Kooperation zusammen, um den beschriebenen Prozess auf den Weg zu bringen.

 

Literatur 

Abendschön, S., & Roßteutscher, S. (2016). Wahlbeteiligung junger Erwachsener - Steigt die soziale und politische Ungleichheit? In S. Roßteutscher, U. Rosar, & T. Faas (Hrsg.), Bürgerinnen und Bürger im Wandel der Zeit (S. 67–92). Wiesbaden: Springer VS.

Albert, M., & Schneekloth, U. (2020). Jugend und Politik: Demokratieverständnis und politisches Interesse im Spannungsfeld von Vielfalt, Toleranz und Populismus. In K. Hurrelmann & G. Quenzel (Hrsg.), Jugend 2019: Eine Generation meldet sich zu Wort (Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, S. 47–101). Bundeszentrale für politische Bildung.

Bayerisches Landesamt für Statistik (2019): Bayern in Zahlen. In: Fachzeitschrift für Statistik 8 (150), S. 454–520.

Bergold, J. (2013): Partizipative Forschung und Forschungsstrategien. Hg. v. Stiftung MITARBEIT.  

Brühlmeier, D., & Mastronardi, P. (Hrsg.). (2016). Demokratie in der Krise: Analysen, Prozesse und Perspektiven. Zürich: Chronos.

Decker, F. (2017). Populismus und Extremismus in Europa - eine Gefahr für die Demokratie? In Populismus und Extremismus in Europa: Gesellschaftswissenschaftliche und sozialpsychologische Perspektiven (S. 43–63.). Bielefeld: Transcript Verlag.

Deinet, U. & Reutlinger, C. (2019) Sozialraumarbeit und digital werdende Lebenswelten Jugendlicher. In: Sozialmagazin 3 (44), S.6-16

Dudek, S. & Kallert, A. (2017) Gleichwertig Lebensverhältnisse in Bayern. Berlin: Rosa Luxemburg Stiftung

Faulde, J. (2017): Kommunale Jugendpolitik und Regionalentwicklung in ländlichen Räumen. In: W.Lindner & W. Pletzer (Hrsg.) Kommunale Jugendpolitik. (S.133-148) Weinheim/Basel: Beltz Juventa

Grebe, A.; Rusche, N. & Schulze, H. (2020). Jugendgerechte Gesellschaft auf dem Land? In: j. Faulde; F. Grünhäuser & S. Schulte-Döinghaus (Hrsg.) Jugendarbeit in ländlichen Regionen, (S.50-59). Weinheim/Basel: Beltz Juventa

Grundmann, M. (2020): Doing Youth: Eine Bestimmung von Jugend als sozialisatorische Praxis. In: A. Heinen; C. Wiezorek; H. Willems (Hrsg.), Entgrenzung der Jugend und Verjugendlichung der Gesellschaft (S.14-27) Weinheim/Basel: Beltz Juventa

Holtmann, E.; Rademacher, C. & Reiser, M. (2017): Kommunalpolitik. Wiesbaden: Springer VS  

Jakubczyk, U. (2017). „Fake News“, Social Bots, Hacks & Co: Manipulationsversuche demokratischer Willensbildungsprozesse im Netz. In O. Jantschek, H. Lorenzen, & Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (Hrsg.), Getrennte Wirklichkeiten? Demokratiebildung in Zeiten von Filterblasen und gesellschaftlicher Polarisierung (S. 22–29).

Ludwig, K. & Grunert, C. (2020) Jugend im ländlichen Raum In: j. Faulde; F. Grünhäuser & S. Schulte-Döinghaus (Hrsg.) Jugendarbeit in ländlichen Regionen, (S.40-49). Weinheim/Basel: Beltz Juventa

Neuburger, M. (2019): Entangled Ruralities – Hierachien, Verwobenheit und Hybriditäten des Ländlichen. In: M. Mießner & M. Naumann (Hrsg.), Kritische Geographien ländlicher Entwicklung (S. 42-57) Münster: Westfälisches Dampfboot

Ottersbach, M. (2021): Politische Partizipation marginalisierter Jugendlicher und Soziale Arbeit. In Österreichisches Jahrbuch für Soziale Arbeit (3), S.69-82.

Pigorsch, S. (2021): Miesepetrige Sozialarbeitende in Situationen veranstalteter Partizipation. In: Widersprüche 159 (41), S.9-30.

Pletzer, W. (2017): Skizzen zum Profil der Jugendpolitik sowie Anmerkungen zu den aktuellen jugendpolitischen Aufgaben der Jugendarbeit. In: deutsche Jugend 3 (66), S. 121-131.

Redepenning, M & Singer, R. (2019): Raumbezogene Gerechtigkeit als zentrales Element ländlicher Entwicklung. In: M. Mießner & M. Naumann (Hrsg.), Kritische Geographien ländlicher Entwicklung (S. 58-72) Münster: Westfälisches Dampfboot

Schippling, A.; Krüger, H.; Grunert, C. (2018): Jugendforschung. In K. Böllert (Hrsg.), Kompendium Kinder- und Jugendhilfe (S. 1477–1496). Wiesbaden: Springer VS

Schmid, C. E., Stock, L., & Walter, S. (2018). Der strategische Einsatz von Fake News zur Propaganda im Wahlkampf. In Fake News, Hashtags & Social Bots: Neue Methoden populistischer Propaganda (S. 69–96.). Wiesbaden: Springer VS.

Schulz, W., Ainley, J., Fraillon, J., Losito, B., Agrusti, G., & Friedman, T. (2018). Becoming Citizens in a Changing World: IEA International Civic and Citizenship Education Study 2016 International Report.

Vodafone Stiftung Deutschland (Hrsg.). (2020). Die Jugend in der Infodemie. Eine repräsentative Befragung zum Umgang junger Menschen in Deutschland mit Falschnachrichten während der Coronakrise. URL: https://www.vodafone-stiftung.de/wp-content/uploads/2020/12/Studie-Vodafone-Stiftung-Umgang-mit-Falschnachrichten.pdf. Abgerufen am 27.07.2021.