Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Historische Geographie

Forschung

Laufendes Forschungsprojekt

FNZGIS - Historisches Informationssystem zu den Staatenwelten Mitteleuropas in der Frühen Neuzeit

In Kooperation mit Dr. Andreas Kunz, Mainz, gefördert von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Essen, im Förderzeitraum 2016-2019

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist als staatsrechtliches Gebilde bereits für die Zeitgenossen eine intellektuelle Zumutung und Herausforderung gewesen. Weder absoluter Zentralstaat noch Staatenbund, ist die Fülle an verschiedenartigen territorialen Strukturen mit ihren vielfältigen regionalen Besonderheiten sehr groß. Nach einer langen Phase der Geschichtsschreibung, in der dieses Reich in seiner Funktionalität und Handlungsfähigkeit negativ beurteilt wurde, haben die Forschungen der letzten Jahre doch ein wesentlich differenzierteres Bild entworfen.

Dennoch fehlt immer noch für weitere Forschungen, für den Schulunterricht sowie zur allgemeinen Information für historisch Interessierte eine zuverlässige historisch-geographische Grundlage dieses Staatsgebildes. Entweder liegen Historische Atlanten in einem relativ großen Maßstab vor, die aber nur ein heutiges Bundesland oder eine Region umfassen oder unzureichende, kleinmaßstäbige Übersichtskarten, deren Reichweite ebenfalls begrenzt ist. Regelhaft stößt man bei Projektideen auf das Problem, dass man eigentlich über keine flächendeckende Kartengrundlage der Territorien des Alten Reiches verfügt. Gerade für Vergleiche einer größeren Zahl von Territorien soll mit dem folgenden Projekt eine zuverlässige und möglichst exakte Übersicht der territorialen Binnenstruktur des gesamten Alten Reiches und seiner Nachbarstaaten als Basis für weitere Forschungen geschaffen werden.

Das hier vorgeschlagene Projekt versteht sich als Ergänzung des von der Krupp-Stiftung von 2004 bis 2008 geförderten Projekts HGIS Germany, in dem die Staatenwelten Deutschlands und Mitteleuropas im Zeitraum 1820 bis 1914 mithilfe eines Geographischen Informationssystems (GIS) auf interaktiven Oberflächen dargestellt worden sind. Auch im FNZGIS soll daher das Auffinden und die interaktive Abfrage von Staaten und Staatengruppen in GIS-gestützten Karten (=GIS-Oberflächen) im Mittelpunkt stehen und dies auf zwei Ebenen:

  1. Staatenwelten Mitteleuropas in der Frühen Neuzeit – interaktiver Zugriff auf mehr als 300 Staaten von 1648 in ihrer Entwicklung bis 1806 bzw. 1820. Die Komplexität der Territorialverhältnisse - insbesondere auf dem Gebiet des Alten Reichs - macht eine jahresweise Abfolge unmöglich. Deshalb sollen für fünf Zeitschnitte GIS-Oberflächen erstellt werden: 1648, 1791, 1803, 1806, 1810 (oder: 1812), mit deren Hilfe die Territorialisierung als Entwicklungsprozess der Frühen Neuzeit fassbar wird. Für das Verständnis dieses Prozesses einer zunehmenden Kumulation von raumbezogenen Rechten und des anwachsenden Zugriffs auf Menschen und Ressourcen ist diese flächendeckende, möglichst präzise und zuverlässige Kartengrundlage ein großer Fortschritt.
  2. Rückschreibung der territorialen Entwicklung der in HGIS Germany für das Ausgangsjahr 1820 erscheinenden 40 Staaten der Deutschen Bundes und anderer Staaten Mitteleuropas. Dabei sollen vor allem zeitschnittübergreifende interaktive Karten (sog. Zeitdifferenzkarten) oder auch Videos der territorialen Entwicklungen, Verwendung finden. Videos dieser Art können seit kurzem direkt aus dem im Projekt verwendeten GIS-Programm ArcGIS erstellt werden. Sie geben eine Multimedia-Dimension, die 2004-2008 bei der Arbeit an HGIS Germany noch nicht zur Verfügung stand. In den Zeitdifferenzkarten/Videos können auch ergänzende Zeitschnitte berücksichtigt werden, beispielsweise 1521, 1618, 1755, so dass hier als Gesamtzeitraum 1500 bis 1820 zum Tragen kommt.

Abgeschlossene Forschungsprojekte

  • Vergleichende regionalisierte Analyse der Frequenz und Magnitude gravitativer Massenbewegungen in historischer Zeit im Verbundprojekt „Integrative Frühwarnsystem für gravitative Massenbewegungen“ (ILEWS) (BMBF-/DFG-Sonderprogramm Geotechnologien)
  • Historische Hangrutschungen im Bereich der Schwäbischen Alb: Rekonstruktion, Wahrnehmung und Umgang früherer Gesellschaften mit einem Naturrisiko (DFG-Bündelprojekt InterRISK)
  • Regionalisierung von historischen Landnutzungs- und Siedlungsdaten im Einzugsgebiet des Rheins (DFG-Bündelprojekt RheinLUCIFS)
  • Multikausale Erklärungsmuster für mittelalterliche und frühneuzeitliche Be- und Entsiedlungsvorgänge im hessischen Mittelgebirgsraum (Thyssen-Stiftung, Landesamt für Denkmalpflege Hessen)
  • Historische Industrielandschaft Holtorf (Denkmalpflegeplan Bonn-Beuel)