Privatdozent*innen – Was machen die eigentlich, Gabriele Mehling?
Interview: Sophia Wagner
Frau Mehling, würden Sie sich zu Beginn kurz vorstellen und erzählen, was Sie an der Uni Bamberg machen?
Ich arbeite am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Uni Bamberg. Dort bin ich Lehrkraft für besondere Aufgaben. Zudem bin ich seit Anfang Oktober 2025 auch Universitätsgleichstellungsbeauftragte.
Wie sah ihr Weg in die Wissenschaft aus?
Ich habe an der LMU in München Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft studiert und mit Magistra abgeschlossen. Während meines Studiums war ich als studentische Hilfskraft tätig, bekam nach meinem Abschluss dort eine Stelle angeboten und habe meine Promotion begonnen. Nach Auslauf der Stelle wechselte ich an die Filmhochschule und habe dort meine Promotion beendet. In Bamberg bin ich seit Mai 2007. Hier habe ich viel Lehre gemacht und nebenbei meine Forschung betrieben. Daraus ist 2024 meine Habilitation entstanden.
Sie tragen das Kürzel „PD“ im Namen. Können Sie erklären, was sich dahinter verbirgt?
PD steht für Privatdozentin, das sind habilitierte Wissenschaftler*innen, die aber (noch) keine Professur haben. Mit meiner Habilitation habe ich alle formalen Voraussetzungen erfüllt und nachgewiesen, dass ich geeignet bin, eine Professur anzunehmen. Hierfür müsste ich mich nun auf eine freie Stelle als Professorin bewerben und erfolgreich ein Berufungsverfahren durchlaufen.
Man könnte auch sagen, man hängt als Privatdozentin zwischen Baum und Borke – man ist nicht mehr wirklich wissenschaftliche Mitarbeiterin, aber auch noch nicht Professorin.
Wie wird man Privatdozent*in?
Privatdozent*in ist ein Titel, der einem nach der Habilitation von der Fakultät auf Antrag verliehen wird. Das ist eigentlich eine reine Formsache. Der Titel hat erst einmal keine Konsequenzen, weder kriege ich mehr Geld oder ein größeres Büro oder sonstige Privilegien (lacht).
Um den Titel zu behalten, muss man ein vorgeschriebenes Lehrdeputat erfüllen, die sogenannte Titellehre. So zeigt man, dass man aktiv Wissenschaftlerin ist. Für mich ist das nicht schwer, weil ich in meinem beruflichen Alltag sowieso Lehre mache. Wäre man außerhalb der Universität angestellt, müsste man sich um Lehraufträge bemühen.
Welche Beschäftigungsmöglichkeiten stehen einem als Privatdozent*in offen?
Da PD nur ein Titel ist und kein Angestelltenverhältnis stehen einem im Prinzip alle Möglichkeiten offen, solange man seine Titellehre erfüllt. Man kann als wissenschaftliche Mitarbeiter*in arbeiten, so wie ich. Andere Privatdozent*innen arbeiten in Forschungsprojekten oder machen sich selbstständig. Wahrscheinlich würde man sich weiter auf Professuren bewerben, denn hierfür ist der Titel ja gedacht – er hat in dem Sinne Signalwirkung: „Ich bin reif für eine Professur.“
Sucht man das Wort „Privatdozent“ in Wikipedia, findet sich eine Karikatur mit der Überschrift: „Ein deutscher Privatdozent, welcher eingehüllt in seine Hoffnungen zur Mumie wird.“ Worauf spielt diese Karikatur an?
Die Karikatur spielt darauf an, dass man als Privatdozent*in alle Voraussetzungen erbracht hat, um Karriere zu machen, aber den letzten Schritt nicht schafft. Als Privatdozentin bin ich so gesehen eine halbe Professorin, mir fehlt nur noch die Stelle dazu. Mit der Promotion und vor allem der Habilitation ist die Hoffnung verbunden, eine Professur zu erreichen und am obersten Ende der akademischen Karriereleiter anzukommen – der Privatdozent auf dem Bild ist eine Mumie, weil er über diese Hoffnung alt geworden ist.
Ist die Karikatur heute noch angemessen?
Ich denke, dass an der Karikatur auch heute noch etwas Wahres dran ist, weil sie ausdrückt, dass so mancher Wunsch auf eine Karriere einfach nicht erfüllt werden kann. Ich sehe die Problematik aber nicht mit dem Titel „PD“ verbunden, als vielmehr mit den Rahmenbedingungen im wissenschaftlichen Betrieb.
Da ist zum Beispiel das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) in dem festgelegt ist, dass man 6 Jahre vor der Promotion und 6 Jahre nach der Promotion im wissenschaftlichen Bereich befristet arbeiten kann. Danach kann man nicht mehr befristet beschäftigt werden, nicht an der Uni und nicht in allen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Eine Professur schafft dagegen berufliche Sicherheit. Mich betrifft das nicht, da ich eine unbefristete Stelle als Angestellte im öffentlichen Dienst habe. Aber ich kenne Kolleg*innen, die habilitiert sind und denen es nicht gelungen ist, auf eine Professur zu kommen oder eine andere unbefristete Stelle zu erlangen. Wenn man vertraglich aus der Bindung an die Universität rausfällt, nützt einem der Titel nicht mehr viel. Man kann zwar immer noch Lehraufträge annehmen, aber die Unikarriere ist dann zu Ende.
Sehen sie Änderungsbedarf in Bezug auf das Privatdozent*inennverhältnis?
In Bayern darf die Titellehre laut Gesetz unbezahlt sein – das geht gar nicht. (Siehe BayHIG, Fassung vom 05.08.2022: https://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayHIG-70 ) Für mich zeigt das, dass der Titel ein Überbleibsel aus einer alten Zeit ist, in der man dankbar dafür sein musste, die Ehre zu haben, an einer Universität zu lehren. Ich halte das jedoch einfach für Ausbeutung.
Auch Lehrbeauftragte werden aktuell nur für die Zeit bezahlt, in der sie im Seminarraum stehen und nicht für die Vor- und Nachbereitung, weshalb es äußerst schwierig ist, sich so seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Den größten Änderungsbedarf sehe ich jedoch in Bezug auf das WissZeitVG und die Befristung innerhalb der Wissenschaft: Es gibt einfach viel zu wenige unbefristete Stellen unterhalb der Professur. Dies übt einen wahnsinnig starken Druck aus und führt dazu, dass viele intelligente und hochqualifizierte Leute die Wissenschaft wieder verlassen oder verlassen müssen.
Hat der Titel der Privatdozent*in auch Vorteile?
Durch den Titel habe ich die Lehrbefugnis, ich darf also Vorlesungen halten und andere Wissenschaftler*innen promovieren. Auch kann ich nun Ämter einnehmen, wie z.B. das Amt der Universitätsgleichstellungsbeauftragten.
Ich mag meinen Titel und bin auch ein bisschen stolz drauf, aber faktisch ist es nicht viel mehr als eine etwas altmodische Zierde an meinem Türschild.
Weitere Informationen zu Gabriele Mehling finden sich auf der Website des Insituts für Kommunikationswissenschaft

