Der Gender Care Gap

Care Arbeit ist Frauensache? Leider ist das immer noch so. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit den aktuellen Zahlen, Gründen und Folgen der ungleichen Aufgabenverteilung.


Da wir uns hier auf Statistiken beziehen, die nur binäre Geschlechter erfassen, müssen wir ebenfalls von „Frauen und Männern“ sprechen, auch wenn uns bewusst ist, dass das nicht die Realität abbildet. 

Was ist Care Arbeit?

„To care“ ist Englisch und bedeutet „sich kümmern“. Care Arbeit ist also „Sorgearbeit“. Das beinhaltet unter anderem Kinderbetreuung, Pflege und Betreuung von alten oder behinderten Angehörigen, familiäre Unterstützung, Hilfe unter Freunden, und Aufgaben im Haushalt. 
 

Pflegende und erzieherische Berufe sind bezahlte Care Arbeit, der Großteil davon passiert allerdings unbezahlt im Privatleben. Auch bei bezahlten Care-Berufen gibt es einen großen Gender-Gap, wir beschäftigen uns in diesem Beitrag aber mit unbezahlter Care Arbeit und den Einflüssen auf Arbeit und Studium. 
 

Was ist der Gender Care Gap?

Die statistischen Ämter der Länder und des Bundes veröffentlichen alle 10 Jahre die sogenannte „Zeitverwendungserhebung“, bei der erfragt wird, wie viel Zeit Menschen in Deutschland für Lohnarbeit, Ehrenamt und Care-Arbeit aufbringen. Die letzte Erhebung fand 2022 statt. (Quelle)

Im aktuellen Bericht des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden die Ergebnisse der statistischen Ämter aufbereitet. (Quelle)

Frauen verbringen im deutschen Durschnitt ca. 29 Stunden pro Woche mit unbezahlter Care Arbeit. Bei Männern sind es ca. 20 Stunden pro Woche. Das entspricht einer Stunde und 16 Minuten Unterschied pro Tag, die Frauen mehr für unbezahlte Care Arbeit aufwenden.

Gründe

Aber warum ist das so? 


Häufig wird versucht den Gender Care Gap mit „natürlichen Veranlagungen“ und Talenten zu begründen. Frauen seien genetisch bedingt eher fürsorglich und besser für Sorgearbeit geeignet, Männer seien natürliche „Versorger“. Das ist selbstverständlich wissenschaftlich nicht haltbar. Alle Menschen sind grundsätzlich gleich gut darin, sich um andere zu kümmern. 


Diese veraltete Vorstellung und „positiver Sexismus“ wirken als selbsterfüllende Prophezeiung. Rollenbilder und Vorurteile sind durch die Sozialisierung in einer patriarchalen Gesellschaft Teil von uns allen.  


Schon sehr früh werden kleine Mädchen eher dazu ermutigt fürsorgliche Aufgaben zu übernehmen, bei kleinen Jungs wird eher technisches Verständnis gefördert. Das passiert meistens gar nicht bewusst, sondern ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Ohne Gegensteuerung verbreiten sich die Rollenbilder so von Generation zu Generation weiter.


Diese Vorstellung der fürsorglichen Frau wird durch biologische Faktoren verstärkt. Schwangerschaft und Stillen sind in der Regel Aufgaben, die nur cis Frauen übernehmen können. Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen, Geschlechtervielfalt und Queerness sind allerdings leider nicht weit genug in der Mitte der Gesellschaft akzeptiert, um gegen die veralteten Rollenbilder anzukommen.


Es entsteht eine sich verstärkende Spirale: die Annahme, dass Frauen sich besser um Care Aufgaben kümmern können, führt dazu, dass ihnen diese Aufgaben auch häufiger zufallen, zum Beispiel wenn ein Paar entscheidet welcher Elternteil die Arbeitszeit reduziert. Dadurch wird einerseits das Bild der „natürlichen Hausfrau“ verstärkt, andererseits haben Frauen ganz reale wirtschaftliche und berufliche Nachteile und Einschränkungen. 
 

Folgen

Die Folgen der Gender Care Gap sind weitreichend für die gesamte Gesellschaft. 


Finanzielle Schieflage


Am offensichtlichsten sind die Karriere-Nachteile, die für Frauen entstehen. Sie landen häufig in der sogenannten „Teilzeit-Falle“, das bedeutet, dass sie, nachdem sie für Care-Arbeit ihre Arbeitszeit reduziert, haben keine Vollzeitstelle mehr bekommen.

 Die Entscheidung, welcher Elternteil die Arbeitszeit reduzieren muss, wird häufig damit begründet, dass die Frau sowieso schon weniger verdient. Hier spielen also Gender-Pay-Gap und Gender-Care-Gap eng zusammen. 


Frauen haben nicht nur kurzfristig weniger Einkommen und werden potenziell von ihren Partnern finanziell abhängig, sie haben auch weniger bis keine Aufstiegschancen, selbst wenn sie die Qualifikationen dafür haben. Hinzukommt die geringere Rente aufgrund der (durchgehenden) Teilzeitarbeit und geringerem Einkommen. Dieses Phänomen nennt man dann „Gender Pension Gap“. 


Die Suche nach dem Gender-Pension-Gap  führt zu zwei Ergebnissen: Zahlen, die die Hinterbliebenenrente (Witwen-/Witwerrente) mit einbeziehen und Zahlen ohne diese. Hinterbliebenenrente ist eine Fortzahlung eines Teils der Rente verstorbener Ehepartner*innen an hinterbliebene Ehepartner*innen. 
Wenn die Hinterbliebenenrente einbezogen wird, beträgt der Gender Pension Gap im Jahr 2025 24,2%.
Wenn die Hinterbliebenenrente nicht mit einbezogen wird, beträgt der Gap sogar 36,0%. (Quelle)
 

An diesen Zahlen ist auch klar erkennbar, dass eine Einschränkung oder Abschaffung der Hinterbliebenenrente besonders Frauen treffen würde. 


Psychische Belastungen


Während die finanziellen Nachteile schon schlimm genug sind, sind die Folgen des Gender Care Gap noch viel weitreichender. 
Erwartungen, die an stereotype Rollenbilder geknüpft sind, haben negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit aller Menschen. 


Auch Männer leiden häufig unter dem (wahrgenommenen) Druck der Versorgerrolle, würden oft gerne mehr Zeit in Kinderbetreuung stecken oder sogar in Elternzeit gehen. Die Angst vor Verurteilung, Spott und Ausschluss ist aber nicht selten genauso groß, wenn nicht größer. 


Die Belastung ist für Frauen vielschichtig. Care Arbeit kommt mit einem großen Mental Load. Mental Load beschreibt die oft unsichtbaren zusätzlichen mentalen Aufgaben, zum Beispiel alle Termine der Familie im Kopf haben und koordinieren, Einkaufslisten vorbereiten, Geschenke planen und vieles mehr. Dieses permanente Projektmanagement wird in der Gesellschaft meist hauptsächlich von Frauen erwartet. 


Psychische Probleme entstehen auch durch fehlende Selbstverwirklichung und unfreiwillige Unterbeschäftigung. Viele Frauen arbeiten in Teilzeitstellen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind, können diese aber nicht mehr verlassen. Dieses Festsitzen in nicht-erfüllenden Positionen führt langfristig zu Unzufriedenheit, Depression und Burnout.


Auch fehlende soziale Kontakte und Netzwerke sind ein belastender Faktor. Frauen die wenig oder gar nicht arbeiten haben auch weniger bis keine Chance sich mit Kolleg*innen auszutauschen oder anzufreunden. 


Und auch in heterosexuellen Partnerschaften, in denen beide Partner*innen gleich viel arbeiten, haben Männer, die weniger Care Arbeit leisten mehr Zeit für Freizeitaktivitäten und Freund*innenschaften. Mütter sind häufig mit anderen Müttern befreundet und beschäftigen sich auch in ihrer Freizeit mental mit Care Arbeit. Der fehlende Ausgleich und die fehlende Möglichkeit mal abzuschalten, fördern ebenfalls Depressionen und Burnout.