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Zehn Jahre Kooperation der Universität Bamberg mit der Elfenbeinküste

Seit inzwischen zehn Jahren besteht eine enge Kooperation zwischen der Universität Bamberg und ihren Partnerhochschulen in der Elfenbeinküste (französisch Côte d’Ivoire). 2008 unterzeichnete Universitätspräsident Prof. Dr. Godehard Ruppert in Abidjan das bis heute geltende Kooperationsabkommen mit der größten staatlichen Universität des Landes, der Université de Cocody, die seit 2012 den Namen des Staatsgründers Félix Houphouët-Boigny trägt. Hinzugekommen sind inzwischen die zweitgrößte staatliche Universität in Bouaké, wo seit einigen Jahren der erste aus der Universitätskooperation mit der Elfenbeinküste hervorgegangene Bamberger Doktorand Mittelalterliche Geschichte lehrt, und in Yamoussoukro das Institut national polytechnique Houphouët-Boigny (INPHB), die Elitehochschule des Landes für die technischen Disziplinen und die Wirtschaftswissenschaften.

Am vergangenen Freitag kamen Vertreter der ivorischen Botschaft in Berlin, unter ihnen der derzeitige Geschäftsträger, und Vertreter der Partnerhochschulen, unter anderen der Vizepräsident der Université Félix Houphouët-Boigny und der Leiter der Schule für Wirtschaftswissenschaften des INPHB, mit Professoren, Nachwuchswissenschaftlern und Studierenden an der Universität Bamberg zusammen, um gemeinsam eine Bilanz des in den letzten zehn Jahren erreichten Standes der Kooperation zu ziehen und Perspektiven für den zukünftigen Ausbau der Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Vertreter der Botschaft und der Partnerhochschulen führten zudem ein Gespräch mit dem Präsidenten der Universität Bamberg. Er unterstrich, dass gerade auch der Bereich der Kulturgutsicherung und Bauforschung zahlreiche Möglichkeiten einer Zusammenarbeit bietet, insbesondere bei der Dokumentation und Erhaltung der seit 2012 als Weltkulturerbe anerkannten Kolonialstadt Grand Bassam.

Zu den Besonderheiten der Bamberger Universitätskooperation mit Westafrika gehört es, dass von Anfang großer Wert auf die Einbeziehung von Studierenden gelegt wurde und dass diese Studierendenmobilität in beide Richtungen funktioniert. So konnte schon 2008/09 die erste Bamberger Teilnehmerin am Austausch ihr Studium an der Université de Cocody mit einer Licence (= Bachelor) in Politikwissenschaften abschließen. Vor zwei Jahren verbrachten zwei Studierende der Wirtschaftswissenschaften ein Studienjahr bzw. ein Semester am INPHB. Ihr Mut, an eine afrikanische Hochschule zu gehen, zahlte sich aus, denn ihr Aufenthalt spielte in Vorstellungsgesprächen als Ausweis von Belastbarkeit, Flexibilität und interkultureller Kompetenz eine zentrale Rolle. Andere Studierende nutzten ihr Studienjahr oder -semester in Abidjan für umfangreiche Praktika. Einer von ihnen, Riccardo Schreck, war sogar an der Gründung einer Schule in einem sozialen Brennpunkt im Norden von Abidjan beteiligt, die bis heute existiert und von dem von Riccardo Schreck mitgegründeten Verein Change e.V. unterstützt wird.

Warum arbeitet die Universität Bamberg gerade mit der Elfenbeinküste zusammen? Das westafrikanische Land galt wegen seiner stabilen politischen Ordnung und aussichtsreichen wirtschaftlichen Entwicklung als weltgrößter Kakaoexporteur und einer der wichtigsten Erzeuger von Kaffee und Ananas lange als die „Schweiz Westafrikas“. Ethnische und religiöse Vielfalt prägten die ivorische Identität als „Land der Gastfreundschaft“ (terre de l’hospitalité), wie es in der Nationalhymne heißt. Auf den ersten Blick scheint das Land von Gegensätzen geprägt. Die vier großen Sprachfamilien Westafrikas treffen in der Elfenbeinküste aufeinander und auch die Wirtschaftsweise und Ernährung in den einzelnen Teilen des Landes unterscheidet sich grundlegend. Gerade diese Vielfalt aber garantiert den Zusammenhalt: In einem Land mit über 60 Sprachen kann keine Ethnie für sich in Anspruch nehmen, die eigentliche Staatsnation zu sein und auf die anderen als „Minderheiten“ herabblicken. Weder Christen noch Muslime noch die Anhänger traditioneller Religionen haben die Mehrheit im Land. Die sprachlichen und religiösen Grenzen verlaufen zudem quer durch die Familien, so dass in Krisenzeiten der Zusammenhalt von Dorf und Verwandtschaft über ideologischen und religiösen Gegensätzen steht.

Trotz dieser eigentlich günstigen Voraussetzungen stand und steht die Elfenbeinküste vor großen Herausforderungen. Die politische Krise der Jahre 2002 bis 2011, die zeitweise zur Spaltung des Landes in einen von Rebellen kontrollierten Norden und einen von der Regierung kontrollierten Süden führte, eskalierte nach den Präsidentschaftswahlen von 2010 für kurze Zeit in bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Die Verhältnisse stabilisierten sich zwar rasch wieder; die Wiederherstellung des Vertrauens zwischen den Bevölkerungsgruppen vollzog und vollzieht sich jedoch deutlich langsamer.

Wie überall in Westafrika haben zudem die Abwertung der westafrikanischen Gemeinschaftswährung Franc CFA 1995 und der Verfall der Kakaopreise in den letzten Jahren die Wirtschaftskraft des Landes geschwächt, gleichzeitig aber zeigen sich die Folgen des rapiden demographischen Wachstums. Die Einwohnerzahl ist von 3,5 Millionen im Jahr der Unabhängigkeit von Frankreich (1960) auf über 20 Millionen angewachsen, fast die Hälfte der Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt. Eine ständig wachsende Zahl junger Leute drängt in die Schulen und Hochschulen des Landes und auf einen Arbeitsmarkt mit nur wenigen offenen Stellen.

Für die Bewältigung dieser Schwierigkeiten haben die Universitäten in der Elfenbeinküste eine Schlüsselstellung. Anders als im englischsprachigen Afrika, wo Universitäten Studiengebühren erheben und daher nur für die Kinder der reicheren Schichten zugänglich sind, stehen Staatsuniversitäten im französischsprachigen Afrika Studierenden aller Schichten offen. Die am Austausch mit Bamberg teilnehmenden ivorischen Studierenden stammen oft aus Familien, die ihren Kindern mit großer Anstrengung den Schulbesuch ermöglichten, sie aber im Studium kaum unterstützen können. Sie studieren unter schwierigen Bedingungen, ohne Zugang zu gut ausgebauten Bibliotheken und Internetdatenbanken. Umso wichtiger ist es gerade für Masterstudierende und Doktoranden, dass sie in Bamberg die Möglichkeit erhalten, unter europäischen Bedingungen ihr Studium abzuschließen und mit dem in Deutschland erworbenen Wissen in ihr Heimatland zurückkehren und zu seiner Entwicklung beitragen.

Erstaunlich groß ist das Interesse an der deutschen Sprache in der Elfenbeinküste. Ein Drittel aller Schüler an weiterführenden Schulen lernt Deutsch als zweite Fremdsprache, entsprechend groß sind die Germanistikabteilungen an den Universitäten, die den Deutschlehrernachwuchs ausbilden. Außerordentlich wichtig ist es daher, dass das bayerische Kultusministerium auf Initiative des Koordinators der Kooperation der Universität Bamberg mit der Elfenbeinküste, Prof. Dr. Klaus van Eickels, seit drei Jahren jährlich drei ivorische Studierende einlädt, als Fremdsprachenassistenten zum Französischunterricht an bayerischen Gymnasien beizutragen. Wie französische und englische Teilnehmer an dem seit vielen Jahrzehnten bestehenden Pädagogischen Austauschdienst erhalten sie die Chance, für ein Jahr in dem Land zu leben, dessen Sprache sie später unterrichten sollen. Außerdem bietet sich ihnen die Möglichkeit, Kontakt zu deutschen Professorinnen und Professoren aufzunehmen, die in der Folge ihre Dissertationen betreuen. Die von ihnen unterrichteten Schülerinnen und Schüler erhalten dagegen einen Einblick in die Vielfältigkeit der Kulturen der Frankophonie und erleben, dass Französisch nicht nur in Frankreich gesprochen wird, sondern eine Weltsprache ist.

Bei einem Besuch der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken konnten sich die Vertreter der ivorischen Botschaft und der Partnerhochschulen einen Eindruck davon verschaffen, wie ivorische Doktoranden der Germanistik ihre didaktischen Fähigkeiten im Deutschunterricht für die neu angekommenen Migranten aus Russland, Eritrea, dem Iran, Afghanistan und anderen Ländern einsetzen. Der Umgang mit sprachlich gemischten Gruppen, die zunächst keine gemeinsame Verständigungssprache mit ihrem Lehrer haben, ist für jeden auf dem Land aufgewachsenen Ivorer eine selbstverständliche Kindheitserfahrung, da Dorfschulen in der Elfenbeinküste nach diesem Prinzip funktionieren. Den ivorischen Doktoranden der Germanistik ermöglicht die Tätigkeit als Sprachlehrer die Finanzierung ihres Studiums, der Aufnahmeeinrichtung ermöglicht ihr Einsatz ein Kursangebot, das ansonsten kaum sicherzustellen wäre.