CALL FOR PAPERS
Herausgegeben von Christoph Jürgensen und Lena Stottele
Anfang des Jahres machte ein Berliner Gymnasium Schlagzeilen, weil es im Deutschunterricht eine vereinfachte Fassung ausgerechnet von Goethes Faust I durchnahm. Dabei handelte es sich um eine Fassung aus der Reihe Einfach klassisch des Cornelsen Verlags, der sich zuvor schon einige mediale Aufmerksamkeit verdient hatte. Bereits die Gründung der Reihe vor mittlerweile 23 Jahren löste nämlich eine Kontroverse aus: Die „Zurichtung der klassischen deutschen Dichtung“ (Mühlenhort 2003) wurde als Symptom einer sich etablierenden „Schnipseldidaktik“ disqualifiziert, „die die Behandlung diverser Textauszüge der Lektüre einer Ganzschrift vorzieh[e]“ (Freund 2004, o.S.) und die Schüler:innen somit produktiver ästhetischer „Fremdheitserfahrungen“ beraube (Mühlenhort 2003, S. 606). Dass die Vereinfachung die Lektüre des Originals im gymnasialen Deutschunterricht keineswegs ersetzen, sondern vielmehr als verstehensanleitendes Hilfsmittel begleiten soll, wurde und wird in der größtenteils hitzig geführten Debatte kaum thematisiert.
Die zunehmende Konjunktur vereinfachter Literatur auch jenseits der Klassenzimmer konnte diese Kritik jedoch nicht aufhalten (Kater 2025, S. 295). So gibt es derzeit gleich drei auf Literatur in vereinfachter Sprache spezialisierte Verlage, den Passanten Verlag, die edition naundob und den Spaß am Lesen Verlag, deren Angebote sich vor allem an Menschen mit Leseschwierigkeiten richten. Und auch im Literaturbetrieb ist vereinfachte Literatur angekommen; am resonanzträchtigsten ist wohl das Projekt LiES! Literatur in Einfacher Sprache des Frankfurter Literaturhauses, aus dem seit 2020 drei gleichnamige Anthologien hervorgegangen sind, die vom Programmleiter des Hauses Hauke Hückstädt herausgegeben werden, bei Piper erscheinen und ein Who’s Who der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur versammeln. Mehr noch, einige der Beiträger:innen von LiES! produzieren auch abseits dieses Projekts ‚einfache Literatur‘, so beispielsweise Annette Pehnt mit ihrem Erzählband Einen Vulkan besteigen. Minimale Geschichten (2025).
‚Einfache Literatur‘ meint dabei im Original nach den Vorgaben Einfacher oder Leichter Sprache verfasste Texte (Köster 2018, S. 59f.), während es sich bei ‚vereinfachter Literatur‘ um eine sekundäre Textform handelt, die sich explizit auf einen Ausgangstext bezieht und Ergebnis einer vereinfachenden Textpraxis ist (Spoerhase 2024, S. 25). Und beide Spielarten, einfache und vereinfachte Literatur, lassen sich unter der Bezeichnung ‚Literatur in vereinfachter Sprache‘ (LivS) zusammenfassen.
Anregungen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit LivS kommen bisher vorrangig aus der Linguistik, hier v.a. mit Untersuchungen zu Leichter Sprache, sowie aus der Literaturdidaktik, die diskutiert, wie und inwieweit Textkomplexität und -schwierigkeit für die Literaturvermittlung zu berücksichtigen seien (vgl. bspw. Rosebrock 2015, Köster 2018, Mesch 2020 oder Frickel 2018). Den Anstoß für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit LivS geben häufig bildungs- oder sprachpolitische Veränderungen oder Trends auf dem Buchmarkt, wie zum Beispiel die Rechtschreibreform (Eisenberg 2010), Lehrplanänderungen oder die Publikation von Unterrichtsmaterial, wie die Gründung der eingangs genannten Reihe Einfach klassisch des Cornelsen Verlags. So sinnvoll diese Ansätze und Dimensionen aus didaktischer Perspektive erscheinen, ist doch zugleich zu beachten, dass auch LivS nicht nur eine Form der Vermittlung ist, sondern zuallererst eben auch: Literatur. Entsprechend ruft sie Fragen auf, die vor allem von der Literaturwissenschaft zu beantworten sind. Wir wollen das Phänomen daher aus dezidiert literaturwissenschaftlicher Perspektive untersuchen und schlagen hierfür drei Analysedimensionen vor:
1) Betriebs-Szenen
Welche Akteure produzieren wie und wozu LivS? In welchen kooperativen oder konfligierenden Verhältnissen stehen die an der Produktion, Distribution und Rezeption beteiligten Instanzen (Auftraggeber:innen, Autor:innen, Herausgeber:innen, Verlage, Buchhändler:innen, Leser:innen, Konsekrationsinstanzen etc.)? Wie verändern sich diese Verhältnisse in historischer Perspektive? Welche (urheber-)rechtlichen Probleme können sich bei der Anfertigung von vereinfachten Fassungen ergeben?
2) Schreib-Szenen
Welche Verfahren der Vereinfachung und welche Formen (ver)einfach(t)er Literatur lassen sich unterscheiden? Welche Konzepte von Autorschaft sind mit solchen Vertextungsverfahren verbunden? Wen adressieren diese verschiedenen Formen? In welchem Verhältnis stehen vereinfachte Fassungen zu ihren Hypotexten? Welche Auswirkungen haben sie auf Werkbegriffe? Inwiefern/-weit lassen sich ein traditionell an Komplexität interessierter literarischer Diskurs und Einfachheit überhaupt vereinbaren? Und wenn sie das sind, lassen sich Gattungen identifizieren, die prädestiniert sind für eine Darstellung in einfacher statt in komplexer Sprache bzw. für eine vereinfachende Umschreibung?
3) Lese-Szenen
Von wem wird LivS wie gelesen? Inwiefern unterscheiden sich private und öffentliche Lektürepraktiken? Lassen sich Unterschiede in der Rezeption von einfacher und vereinfachter Literatur feststellen? Inwieweit hängt die Rezeption von LivS als autonome oder heteronome Textsorte von ihren jeweiligen Gebrauchszusammenhängen ab? Welche Rolle spielen vereinfachte Fassungen in Kanonisierungs- und Überlieferungsprozessen, und welche Wertungshandlungen hängen mit diesen Prozessen zusammen?
Willkommen sind Beiträge zu den genannten oder weiteren Aspekten von Literatur in vereinfachter Sprache. Vorschläge werden in Form eines Abstracts (max. 350 Wörtern und CV) bis zum 31. Oktober 2026 an die unten angegebenen E-Mail-Adressen erbeten. Die fertigen Beiträge im Umfang von ca. 40.000 Zeichen erwarten wir zum 31. Juli 2027. Der Band wird in der Reihe Studien zur Literaturvermittlung des Metzler Verlags erscheinen.
Kontakt
Christoph Jürgensen und Lena Stottele
Institut für Germanistik
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
An der Universität 5
96047 Bamberg
christoph.juergensen(at)uni-bamberg.de
lena.stottele(at)uni-bamberg.de
Zitierte Literatur
Eisenberg, Peter (Hg): Der Jugend zuliebe. Literarische Texte, für die Schule verändert. Göttingen: Wallstein 2010 (= Valerio 11).
Freund, Wieland.. Goethe „...einfach klassisch“. Der Schulbuchverlag Cornelsen hat literarische Texte für den Unterricht vereinfacht – und entstellt. In: Die Welt (2004), https://www.welt.de/print-welt/article294419/Goethe-einfach-klassisch.html.
Frickel, Daniela A.: Textpassung. Theoretische und empirische Ansätze zur Ermittlung der Gegenstandsadäquanz von (literarischen) Texten zwischen ‚Einfachheit‘ bzw. ‚Verständlichkeit‘ und ‚Komplexität‘. In: Empirische Forschung in der Deutschdidaktik, Bd. 3: Forschungsfelder, hg. v. Jan Boelmann, Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren 2018, S. 185–201.
Kater, Thomas: „Kulturfrevel“ oder kulturelle Teilhabe? Vereinfachte Literatur als literaturwissenschaftliches und zugangsethisches Problem. In: DVjs 99/3 (2025), S. 293–317.
Köster, Juliane: Literatur in einfacher Sprache. In: Der Deutschunterricht 70/5 (2018), S. 58–67.
Mesch, Birgit: Nicht einfach klassisch – dafür klassisch einfach und leicht. Klassiker für Kinder und Jugendlicher zwischen leichter, einfacher und poetischer Sprachvarietät. In: Sprache als Herausforderung – Literatur als Ziel. Kinder- und jugendliterarische Texte und Medien als Ressource für sprachsensibles Lernen, Teil 1, hg. v. Jörn Brüggemann u. Birgit Mesch, Baltmannsweiler: Schneider 2020, S. 33–52.
Mühlenhort, Michael: …einfach klassisch. Von der Zurichtung der klassischen deutschen Dichtung für den Deutschunterricht. Rezension einer neuen Reihe von Schullektüren des Cornelsen-Verlags. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 50/4 (2003), S. 594–607.
Rosebrock, Cornelia: Der Mut zur Einfalt. Vereinfachte Klassikerausgaben für den Schulgebrauch. In: Didaktik Deutsch 20/38 (2015), S. 33–39.
Spoerhase, Carlos: Kurzfassungen. Über das Komprimieren von Literatur. Göttingen: Wallstein 2024.