Katholische Theologie

Kirchengeschichte und Patrologie

 

Dissertation Nagengast

Gothorum florentissima gens – Gotengeschichte als Heilsgeschichte bei Isidor von Sevilla, Frankfurt a. Main 2011, 482 S. ISBN 978-3-631-61944-5

 

Isidor von Sevilla (560-636 n. Chr.) genoss bereits zu Lebzeiten großen Ruhm aufgrund seiner Gelehrtheit und seines Bemühens, die antike Bildung im westgotischen Spanien wieder zu etablieren. Sowohl sein Freund und Schüler Braulio von Zaragossa wie auch die späteren Konzilstexte des Reiches preisen den vir egregius als nostri quoque saeculi doctor.

Dieser hohen Anerkennung der bildungs- und kirchenpolitischen Leistungen Isidors steht diametral die Sicht Isidors im Spanien des 13. Jahrhunderts entgegen. Wir finden den spanischen Kirchenvater auf einer Kreuzzugsflagge im Kampf gegen die Mauren abgebildet wieder, und Lucas von Tuy († 1249) berichtet von einer Erscheinung des Heiligen bei den christlichen Kämpfern. Diesen sichert Isidor – wie auch der Matamoros Jakobus – seinen Beistand in der Schlacht zu. Die Vorstellung von Isidor als Schlachtenhelfer fand schließlich sogar noch im 16. Jahrhundert auf der Fassade der Real Colegiata de San Isidoro ihren Niederschlag.

 

Die im Erscheinen begriffene Dissertation zeigt, dass dieser Wandel des Isidorbildes zurückzuführen ist auf dessen Gotengeschichte und die in ihr nachweisbare heilsgeschichtliche Darstellung des gotischen Volkes und des spanischen Landes. Das Werk entstand nach der Konversion der Westgoten zum Katholizismus. Es beschreibt den Zug des Volkes vom Nordosten des Imperium Romanum bis zu ihrem Reich in Toledo. Bei dieser Darstellung nutzte Isidor großzügig die Geschichtswerke anderer Autoren, was seinem Werk seitens der Gelehrten des 19. Jahrhundert den Ruf des „Plagiats“ und der „Kompilation“ einbrachte.

Vielmehr muss Isidors Darstellung der Goten, vor allem in ihrer zweiten und ausgefeilteren Fassung De origine Gothorum, als Nationalgeschichte und identitätsstiftendes Grundwerk des gotischen und spanischen Volkes angesehen werden. Gemäß seiner etymologischen Herangehensweise will Isidor – wahrscheinlich nach der vollständigen Eroberung Spaniens unter Suinthila 625 – die aktuelle Macht der Goten erklären und vor allem die Herrschaft einer geringen gotischen Schicht über die breite Masse der hispano-romanischen Bevölkerung legitimieren. Bei der beschriebenen Wanderung des gotischen Volkes nach Spanien wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine Aneinanderkettung von Zufällen handelt: Es ist Gott, der sein neues Erwähltes Volk in das neue Gelobte Land führt.

Der das Werk einleitende Lobpreis des spanischen Landes in der Laus Spaniae lässt sowohl antike wie auch biblische Anklänge erkennen. Auffällig ist, dass es sich dabei weniger um Bezüge zum alttestamentlichen Tarschisch handelt, das im frühen Mittelalter in Spanien lokalisiert wurde, sondern um motivliche Übereinstimmungen zu Beschreibungen des Gelobten Landes oder des apokalyptisch-himmlischen Jerusalem. Diesem Befund entsprechen die weiteren biblischen und außerbiblischen Anspielungen in der Darstellung des Gotenzuges. Dass dieser zwar parallel zur Wanderung des erwählten Volkes Israel verläuft, jedoch nördlicher und entgegengesetzt, verstärkt den Eindruck des Lesers, dass mit den Goten das göttliche Eingreifen in die menschliche Geschichte, die mit dem Volk Israel begonnen hatte, zu ihrem Ende kommt.

Ein (relativ) nahes Ende der Welt impliziert ebenfalls Isidors Zeitrechnung. Auch wenn er vorgibt, das Ende der Welt nicht berechnen zu wollen, liegt den sechs Weltzeitaltern, in die Isidor die Weltgeschichte in seiner Chronik unterteilt, das chiliastische Denken von 6000 Jahren bis zur Wiederkehr des Herrn zugrunde. Isidor verwirft zwar in der Nachfolge des Augustinus den Millenarismus, dennoch steht das nahende Ende des letzten, kirchlichen Zeitalters im Jahr 800 im Raum. Die herausragende Stellung Spaniens und der Goten in dieser aetas wird in De origine Gothorum durch die Verwendung der Spanischen Ära als maßgebliche Datierung betont. Die Verwendung dieser genuin christlichen Zeitrechnung, die auf einem altkirchlichen Ostercomputus beruht, ist als Alleinstellungsmerkmal der Goten und Spaniens zu verstehen, hält Isidor es doch selbst für nötig, diese Epoche in den Etymologien zu erklären. Die Einordnung der gotischen Wanderung mittels der im katholischen Spanien entstandenen Ära zeigt dem Leser zum einen von Anfang an den Zielpunkt des Gotenzuges, zum anderen die gotische Bestimmung, den Arianismus abzulegen und zum Katholizismus zu konvertieren.

Diese Konversion unter König Rekkared stellt einen Markstein in De origine Gothorum dar. Während die biblischen Libri Regum eine absteigende Tendenz der Könige von Israel und Juda beobachten lassen, stellt die Gotengeschichte als Buch der gotischen Könige einen moralischen und politischen Aufstieg dar. Als Referenz dient hierbei Isidors moralisches Lehrwerk, die Sententien, dessen Kritierien für einen optimalen König in De origine Gothorum schließlich fast wörtlich übernommen werden, nämlich bei König Suinthila. Die Ausrichtung des Werkes auf diesen Herrscher sowie die zeitgleiche Entwicklung eines sakralen Königsamtes in den Sententien zeigen, dass Isidor die Absetzung Suinthilas auf dem vierten Konzil von Toledo 633 nicht abgesehen hatte. Zwar wird die Sakralität der gotischen Könige nach dem Vorbild des Alten Testamentes hier erstmals vom Konzil unter der Leitung Isidors und auf der Basis seiner Sententien promulgiert, ob möglicherweise die erste Königssalbung im Westgotenreich bereits vorher bei Suinthila stattfand, kann jedoch nicht endgültig festgestellt werden.

Auch wenn Isidors De origine Gothorum aus heutiger Sicht eine „Kompilation“ aus früheren Quellen darstellt, so wird nach der Untersuchung, wie die Komponenten neu zusammengestellt wurden, offensichtlich, dass es sich um ein theologisch ausgefeiltes Gesamtkunstwerk handelt. Die Gotengeschichte Isidors hat derart maßgeblich zur Identitätsbildung des spanisch-gotischen Reiches beigetragen, dass man gerade in Zeiten massiver islamischer Bedrohung immer wieder auf dieses Werk und seinen Autor zurückgriff, um sich seiner Geschichte und Erwählung bewusst zu werden. Noch heute finden sich in León, wohin die Gebeine Isidors 1063 überführt wurden, Hinweise auf ein gotisches Selbstbewusstsein.

Zur Autorin:

* Jahrgang 1981

* 2000-2006 Studium der katholischen Theologie und der Latinistik an der Otto- Friedrich-Universität Bamberg

* 2006-2009 Dissertation über das Thema „Gothorum florentissima gens – Gotengeschichte als Heilsgeschichte bei Isidor von Sevilla“ im Rahmen des Graduiertenkollegs „Generationenbewusstsein und Generationenkonflikte in Antike und Mittelalter“ der Universität Bamberg

* 2009-2011 Referendariat für das Lehramt an Gymnasien am Neuen Gymnasium Nürnberg und Otto-Hahn-Gymnasium Marktredwitz