Mehr Lohn schafft nicht automatisch mehr Vertrauen
Vertrauen in demokratische Institutionen ist eine wichtige Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine funktionierende Demokratie. Gleichzeitig schwindet dieses Vertrauen seit Jahren. Als mögliche Ursache gilt häufig eine wachsende wirtschaftliche Ungleichheit. Doch lässt sich das Vertrauen umgekehrt stärken, wenn die Ungleichheit abnimmt und insbesondere Menschen mit niedrigen Einkommen finanziell bessergestellt werden? Dieser Frage sind Dr. Alexander Patzina von der Universität Bamberg und Dr. Matthias Collischon vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nachgegangen. Ihre Studie zeigt: Obwohl die Löhne von Beschäftigten im Niedriglohnbereich zwischen 2019 und 2023 real deutlich stiegen und die Lohnungleichheit zurückging, wuchs ihr Vertrauen in demokratische Institutionen nicht. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Acta Sociologica erschienen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich wirtschaftliche Verbesserungen nicht automatisch in einem stärkeren Vertrauen in demokratische Institutionen niederschlagen“, sagt Alexander Patzina vom Lehrstuhl für Soziologie, insbesondere Soziale Ungleichheit. „Für Vertrauen scheint nicht allein entscheidend zu sein, wie sich die eigene wirtschaftliche Situation entwickelt. Auch der gesellschaftliche Kontext und die Wahrnehmung politischer Entwicklungen spielen eine wichtige Rolle.“
Mindestlohn steigt, Lohnungleichheit sinkt
Die beiden Forscher untersuchten, wie sich Löhne und institutionelles Vertrauen in Deutschland zwischen 2019 und 2023 entwickelten. Rund um diesen Zeitraum stieg der gesetzliche Mindestlohn in mehreren Stufen deutlich – von unter 9 Euro im Jahr 2018 auf über 12 Euro im Jahr 2024. Zusätzlich führte der Fachkräftemangel in der selben Zeit ebenfalls zu Gehaltssprüngen. Viele Beschäftigte am unteren Rand der Lohnverteilung erhielten dadurch spürbar mehr Lohn. Grundlage der Untersuchung sind Daten des Panels „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Forschenden unterschieden drei Gruppen danach, wie viel die Befragten 2019 pro Stunde verdienten: weniger als 12 Euro, zwischen 12 und 16 Euro sowie mehr als 16 Euro. Die stärksten Lohnzuwächse verzeichnete die erste Gruppe. Ihre realen Stundenlöhne lagen 2023 rund 18 Prozent höher als 2019. Die Lohnungleichheit zwischen den Gruppen verringerte sich damit.
Trotz steigender Löhne kein Vertrauenszuwachs
Beim institutionellen Vertrauen zeigte sich ein anderes Bild: Zwar vertrauen Menschen mit höheren Löhnen politischen Parteien, Bundesregierung, Bundesverfassungsgericht und Polizei im Durchschnitt stärker. Doch zwischen 2019 und 2023 sank das Vertrauen in allen drei Lohngruppen. Auch bei den Beschäftigten im Niedriglohnbereich, deren Löhne besonders stark gestiegen waren, nahm es nicht zu.
Die Grenzen ökonomischer Politik
„Die Jahre 2019 bis 2023 waren zugleich von der COVID-19-Pandemie, hoher Inflation, geopolitischen Krisen und politischen Konflikten geprägt“, sagt Matthias Collischon. Solche Entwicklungen könnten positive Effekte wirtschaftlicher Verbesserungen überlagert haben, meinen die Forschenden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Vertrauen nicht allein von der eigenen finanziellen Situation abhängt, sondern auch davon, wie Menschen gesellschaftliche Entwicklungen, Ungleichheit und politische Entscheidungen wahrnehmen. Damit zeigt die Studie zugleich Grenzen ökonomischer Politik auf: „Maßnahmen, die Löhne erhöhen und Lohnungleichheit verringern, reichen allein offenbar nicht aus, um das Vertrauen in demokratische Institutionen zu stärken“, sagt Matthias Collischon.
Publikation:
Collischon, Matthias & Patzina, Alexander (2026): Wages and institutional trust between 2019 and 2023. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00016993261442013.
Ausführlich beschäftigt sich Alexander Patzina mit dem Zusammenhang von Löhnen und institutionellem Vertrauen auch in der neuen Ausgabe des Forschungsmagazins uni.vers Forschung der Universität Bamberg: https://www.uni-bamberg.de/univers-forschung/
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