Benjamin Herges / Universität Bamberg

Marvin Reuter ist Juniorprofessor für Soziologie, insbesondere Arbeit und Gesundheit an der Universität Bamberg.

Geplante Änderungen im Arbeitsrecht senken den Krankenstand nicht

Bamberger Soziologe Marvin Reuter ordnet Reformpläne der Bundesregierung ein

Die Bundesregierung plant unter anderem, die Regelungen für Krankmeldungen zu verschärfen. Nach den Beschlüssen des Koalitionsausschusses von Union und SPD soll die telefonische Krankschreibung entfallen. Außerdem sollen Beschäftigte künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vorlegen müssen. Bislang ist eine ärztliche Bescheinigung erst ab dem vierten Krankheitstag erforderlich. Ziel dieser Maßnahmen ist es, den Krankenstand in Deutschland zu senken.

Prof. Dr. Marvin Reuter, Inhaber der Juniorprofessor für Soziologie, insbesondere Arbeit und Gesundheit an der Universität Bamberg, bewertet die Pläne kritisch. Er forscht insbesondere zu prekären Beschäftigungsverhältnissen, physische und psychosoziale Arbeitsbedingungen und zu Präsentismus – also dem Arbeiten trotz Krankheit. Marvin Reuter sagt: „Maßnahmen wie die Ausweitung der Attestpflicht sowie die Einschränkung der telefonischen Krankschreibung dürften dazu führen, dass mehr Beschäftigte krank zur Arbeit gehen – ohne dass sie einen nennenswerten Beitrag zur Senkung des Krankenstands leisten.“ Denn: „Kurze Fehlzeiten machen nur einen vergleichsweise kleinen Teil des gesamten Krankenstands aus. Der Anstieg der Fehlzeiten geht vor allem auf längere krankheitsbedingte Ausfälle zurück – insbesondere infolge psychischer Erkrankungen.“ Stattdessen erwartet der Soziologe zusätzliche Belastung für Hausarztpraxen sowie einen Anstieg des Präsentismus. „Viele Beschäftigte werden den Gang in eine volle Arztpraxis scheuen – sei es aus Sorge, ihre Beschwerden zu verschlimmern oder sich mit einer weiteren Krankheit anzustecken.“

Das Reformpaket der Bundesregierung sieht außerdem eine Ausweitung der zulässigen sachgrundlosen Befristung bei Neueinstellungen von derzeit zwei auf vier Jahre vor. Zu Präsentismus einerseits und einem längeren Krankheitsausfall andererseits tragen auch solche befristeten Beschäftigungsverhältnisse bei. „Aus der Forschung wissen wir sehr gut, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse die psychische Belastung dauerhaft erhöhen und Beschäftigungsunsicherheit verstärken. Langfristig dürften sie das Problem eher verschärfen als lösen“, sagt Marvin Reuter.

Soll der Krankenstand nachhaltig sinken, müsse die Politik aus seiner Sicht vor allem die Ursachen längerer Fehlzeiten angehen. „Dazu gehören bessere Arbeitsbedingungen und eine wirksamere Prävention psychischer Belastungen.“

Erst kürzlich hat Marvin Reuter eine aktuelle Studie veröffentlicht, die den Zusammenhang zwischen verschiedenen Regelungen zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Präsentismus untersucht. Weitere Informationen dazu: https://blog.uni-bamberg.de/forschung/2026/lohnfortzahlung-und-praesentismus/

Bild:(3.9 MB) Marvin Reuter ist Juniorprofessor für Soziologie, insbes. Arbeit und Gesundheit
Quelle: Benjamin Herges / Universität Bamberg

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