Heinrich Bedford-Strohm war beim Evangelischen Forum in Mannheim zu Gast (Foto: Pressestelle).

- Tanja Eisenach

Lebenskraft für Mensch und Gemeinschaft

Heinrich Bedford-Strohm über den Wert der Kirche in unserer heutigen Gesellschaft

Körperliche Gewalt, Alkohol am Steuer, sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen: Negativschlagzeilen prägen das aktuelle Bild der christlichen Kirchen in Deutschland. Dennoch zählen sich immer noch ca. 63 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung zu ihren Mitgliedern. Braucht unsere Zivilgesellschaft die Kirche also doch noch? Eine Antwort von Heinrich Bedford-Strohm.

„Kirche und Gesellschaft im Wandel“ war das Thema des diesjährigen Evangelischen Forums in Mannheim. Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Inhaber des Lehrstuhls für Evangelische Theologie an der Universität Bamberg, stellte die Frage „Wie viel Kirche braucht die Zivilgesellschaft?“ in den Mittelpunkt seines Vortrags am 15. April. Sein Standpunkt ist eindeutig: Die moralische Glaubwürdigkeit der Kirche und damit auch ihre orientierende Rolle in der Zivilgesellschaft haben aufgrund der jüngst bekannt gewordenen Missbrauchsfälle eine schwere Erschütterung erfahren. Gerade jetzt brauche man aber eine authentische Kirche als Stimme der Menschlichkeit umso dringender. Er forderte in diesem Zusammenhang Einsicht statt Schuldzuweisungen: „Wer in dieser Situation meint, die Medien der Hetzkampagne gegen die Kirche verdächtigen zu können statt in einen tiefgehenden Prozess selbstkritischen Nachdenkens einzutreten, der muss sich nicht wundern, wenn die Menschen auf die Frage „Wie viel Kirche braucht die Zivilgesellschaft ?“ antworten: „Möglichst wenig oder am besten gar nichts!“

Aufklärung statt Vertuschung

Der Kirche aufgrund dieser Vorfälle jetzt ihre Daseinsberechtigung abzusprechen, ist für den Bamberger Professor jedoch der falsche Weg. „Es gibt viele Kirchenleute, die aufrichtiges Erschrecken zum Ausdruck bringen und Aufklärung vor die Wahrung des Images setzen“, erläuterte Bedford-Strohm. Als positives Beispiel erwähnte er den bayerischen Landesbischof Johannes Friedrich. Dieser hatte kürzlich in seinem Bischofsbericht vor der Synode erklärt, dass es bei Missbrauch keine Toleranz geben dürfe. Er kündigte eine rückhaltlose Aufklärung, die Zusammenarbeit mit den Justizbebörden sowie personelle Konsequenzen für mutmaßliche Täter an und sagte den Opfern alle erdenkliche Unterstützung zu.

Bedford-Strohm kommt zudem aufgrund gesellschaftstheoretischer und theologischer Überlegungen zu dem Schluss, dass „die Zivilgesellschaft eine Kirche mit geistlicher Substanz, gesellschaftlicher Kompetenz und ethischer Orientierungskraft dringend braucht“. Seiner Ansicht nach vermittelt die Kirche Grundorientierungen, die auch heute noch hohe Relevanz haben: Dankbarkeit und Demut, von der her das Leben als Geschenk erfahren werden kann, eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit, die eine Anerkennung des eigenen Versagens erlaubt oder auch Kommunikation in der Differenz, die es ermöglicht, das Fremde als Bereicherung für die Gemeinschaft zu sehen.

All dies gründe, so der Theologe, in klassischen Inhalten des christlichen Glaubens, die die Kirche über Jahrhunderte hinweg geprägt haben und wichtige Impulse zum Um- oder Weiterdenken beinhalten – sowohl für das persönliche Leben als auch für die Gesellschaft.