Die Rolle der Kirche in Ostdeutschland gleiche einem Labyrinth... (Foto: P tasso/wikimedia/cc-by-sa)

... stellte Michael Gabel fest (Fotos: Erik Riemenschneider).

Die Zuhörer erlebten einen eindrucksvollen Vortrag.

- Erik Riemenschneider

Fremde in ihrer Heimat

Das Theologische Forum diskutierte die Situation der Katholiken in Ostdeutschland

 

Michael Gabel ist Professor an der Theologischen Fakultät Erfurt und darüber hinaus auch Pfarrer. Er weiß also, wovon er spricht, wenn er sagt, dass es die katholische Kirche im Osten schwer habe: „Nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung bekennen sich offiziell zu ihr.“ Eindrücklich aber auch humorvoll führt er sein Publikum an ein Thema heran, das vielen Bambergern weniger präsent sein dürfte – die Sorge der katholischen Kirche zu überleben:

Aufbruchstimmung nach dem Krieg

Die Geschichte des Katholizismus im Osten ist noch relativ jung. „Bis auf ganz wenige traditionell katholische Gebiete gab es bis zum Ende des zweiten Weltkrieges nur ‚reines protestantisches Land‘“, erzählt Prof. Dr. Gabel. Mit der Einwanderung der Flüchtlinge kam auch der katholische Glaube in die sowjetische Besatzungszone, so dass sich die Anzahl der Katholiken innerhalb kurzer Zeit auf etwa 2,7 Millionen verdreifachte. „Trotzdem blieben die Katholiken immer Fremde in ihrer Heimat“, berichtet der Religionswissenschaftler. Mit der von der SED angestrebten und umgesetzten „atheistischen Uniformierung“ der Bevölkerung seien sie damit „doppelte Fremde“ gewesen.

„Die Situation“, so Gabel weiter, „gleicht sich heute frappierend mit der vor 60 Jahren.“ Damals hätten sich die katholischen Flüchtlinge in einer Gegend wiedergefunden, die kaum katholische Strukturen aufwies. Und doch blickten sie voller Zuversicht in die Zukunft. Jene zwei Drittel, um die die Kirche nach 1945 wuchs, seien ziemlich genau nach der Wende 1989 auch wieder verschwunden – als Abwanderer in den Westen oder einfach deshalb, weil Traditionen nicht mehr an die Kinder weitergegeben würden. Heutzutage sehe man die Zukunft allerdings weniger optimistisch und hoffe vor allem, nicht vollends unterzugehen.

Atheismus im Osten?

An dieser Lage sei auch das kulturelle Langzeitgedächtnis der Menschen schuld. „Bis heute werden im öffentlichen Leben der evangelischen Kirche Türen geöffnet, wo sie der katholischen verschlossen bleiben“, stellt Gabel fest. „Und das, obwohl nur jeder Fünfte sich im Osten zur evangelischen Konfession bekennt“. Es sei nun einmal dieses tief verwurzelte Gefühl, dass die katholische Kirche hier nicht her gehöre. „Atheisten“ möchte Gabel die 75 Prozent der ostdeutschen Bürger, die keiner der beiden Kirchen angehören, dennoch nicht nennen. Seiner Meinung nach haben sie lediglich keine Verbindung mehr zur Institution Kirche.

Die Zukunft als Labyrinth

„Sollten die Kirchen wieder mehr Zulauf bekommen, so wird die katholische Seite davon weniger profitieren können“, lautet die harte Prognose des Fundamentaltheologen. Dafür sei sie zu fremd, zu wenig verwurzelt. Daraus zieht er den Schluss: „Wenn die Leute zu uns kommen, dann nicht um zu bleiben.“. Dies sei jedoch kein Grund, sich entmutigen zu lassen: „Aber sollen wir deshalb sagen, wir haben kein Interesse? Ist es denn die schlechteste Aufgabe der Kirche zu helfen?“ Wichtig sei nun, mit dieser zurückhaltenden und unsicheren Rolle der Kirche konstruktiv umzugehen. Sie gleiche, so Gabels Resümee, einem Labyrinth. „Es gibt viele Sackgassen, aber irgendwo führt auch ein Weg zum Ziel.“

Fortgesetzt wird die Vorlesungsreihe am 19. November um 20 Uhr im Hörsaal U2/025 mit dem Vortrag „Multi – Kulti, und was dann? Religiöse Pluralität als Herausforderung für religiöses Lernen.“