"Unsere Sprache ist ohne ein korrektes Timing nicht denkbar", lautete eine der drei Thesen der Antrittsvorlesung von Patrizia Noel (Foto: Gerd Altmann/PIXELIO).

Aus allen Fakultäten kamen die Zuhörerinnen und Zuhörer und lauschten der Sprachwissenschaftlerin (Foto: Susanne Gierhan).

„Sprache ist zutiefst rhythmisch“

Antrittsvorlesung von Patrizia Noel

Spannende Kompetenzen und ein bewundernswertes Engagement in Forschung und Lehre attestierte die Prodekanin der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften Prof. Dr. Andrea Bartl ihrer Kollegin Prof. Dr. Patrizia Noel, die am 15. Januar ihre Antrittsvorlesung hielt. So habe sie längere Zeit nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als selbständige Trainerin für EDV-Anwendungsprogramme gearbeitet, baute für den Münchner Radiokanal AFK das Kulturressort aus und bildete viele Jahre lang Hörfunkjournalisten aus. Ihr auch dabei erworbenes Wissen und ihre langjährige praktische Erfahrung im Umgang mit Sprache und Sprechweisen fließe bis heute in ihre „unglaublich vielen Vorträge und Aufsätze“ ein und bereichere sie.  

Ihr Interesse und ihre Begeisterung für die Sprachwissenschaft sind auch in ihrem aktuellen Beruf unverkennbar: Seit dem Wintersemester 2009/10 ist Patrizia Noel Professorin für germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Bamberg und lehrt und forscht zu den Themen Phonologie, Metrik, historische Syntax, Syntax gesprochener Sprache oder Interaktionen zwischen diesen und weiteren linguistischen Subsystemen beispielsweise zwischen Phonologie, Syntax und Informationsstruktur.

In ihrer Antrittsvorlesung gab Patrizia Noel Universitätsangehörigen und  interessierten Gästen einen Einblick in ihr Forschungsfeld und sprach zum Thema „Timing in der Sprache“. 

Pausen lassen sich unterschiedlich interpretieren

„Unsere Sprache ist ohne ein korrektes Timing nicht denkbar“, lautete dabei eine ihrer Kernthesen. Beim Artikulieren von Lauten, Sätzen sowie in der Kommunikation generell sei das Timing, also der Zeitpunkt, zu dem etwas in einer bestimmten Form gesagt wird, entscheidend, damit der Zuhörer den Sinn der getätigten Aussage und den dazugehörigen Kontext verstehen kann.

Ein Beispiel: Anhand der Länge einer Pause, die während des Sprechens gemacht wird, kann ein Zuhörer erkennen, ob der Sprecher eine Atempause oder eine Denkpause macht. Besonders deutlich wird der Zusammenhang zwischen Sprechweise und Sinnverständnis in der Komik. „Beim Timing in der Komik sind Rhythmus, Tempo und Pause so aufeinander abgestimmt, dass die komische Wirkung verstärkt wird und die Zuhörer wahrnehmen, dass sich genau an dieser Stelle die Pointe befindet“, erläuterte die Wissenschaftlerin.

Die Pausen werden somit zu bedeutungsvollen Elementen in der Sprache. Und auch das Publikum reagiere ganz genau auf dieses Timing und spiele mit, indem es nicht zu lang und auch nicht zu kurz lache. „Unsere Sprache ist zutiefst rhythmisch und jede Abweichung von dieser Rhythmik, sei sie noch so klein, nehmen wir sofort wahr“, so Noels zweite Kernthese. Das gilt aber nicht nur für die deutsche Sprache: „Die Beziehung zwischen Sprache und Zeit ist grundlegend für alle Sprachen“, so die Sprachwissenschaftlerin. Die kleinsten Zeiteinheiten, auf die ein Sprecher zurückgreift, sind jedoch sprachspezifisch und typisch für jede einzelne Sprache.

Bereits die Kleinsten haben schon ein Gefühl für das Timing ihrer Muttersprache

Dieses Feingefühl für unsere Sprache entstehe schon im frühesten Kindesalter, lautete Noels dritte Kernthese und sie belegte sie mithilfe eines Beispiels: Anhand eines Experiments mit drei Tage alten Säuglingen stellten Wissenschaftler fest, dass schon die Kleinsten ein Gefühl für die Rhythmik ihrer Sprache haben, da sie den Rhythmustyp ihrer Muttersprache schon von dem einer Fremdsprache unterscheiden könnten.

Was sich für das Erlernen der Muttersprache von Vorteil erweist, gereicht beim Aneignen von Fremdsprachen zum Nachteil: Durch die frühe Prägung auf das muttersprachliche Timing ist es besonders schwer, das Timing einer Fremdsprache zu erlernen. Denn jede Sprache hat ihr eigenes Timing, wie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts mithilfe eines Experiments herausfanden, in dem sie die Zeitspanne zwischen Frage und Antwort bei Muttersprachlern verschiedener Nationen ermittelten: Am langsamsten wurde im Dänischen geantwortet, am schnellsten im Japanischen.

Mit einem kleinen Einblick in den Wandel von Sprachrhythmen beendete Patrizia Noel ihre Antrittsvorlesung. Der anschließende Empfang bot die Gelegenheit, das neu erworbene Wissen über Timing in der Sprache untereinander und auch im Austausch mit der neuen Professorin praktisch anzuwenden. 

Hinweis

Diesen Pressetext verfasste Susanne Gierhan für die Pressestelle der Universität Bamberg.