Schafft tatsächlich nur der Actionheld Chuck Norris den Bachelor in sechs Semestern? (Bild: Christian Hellermann/Ottfried).
Nathalie Forster hat Bachelor Germanistik studiert und berichtet von ihren Erfahrungen (Bild: privat).
„Nur Chuck Norris schafft den Bachelor in Regelstudienzeit“
Zehn Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses ist der „Bachelor-Bluff“ in aller Munde. Als im Dezember 2009 der Bildungsstreik seinen Höhepunkt erreichte, forderten Studierende aus ganz Europa das Ende von Verschulung, Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung. Die Anschuldigungen häufen sich, doch was ist Vorurteil und was ist Wahrheit?
1. Der Bachelor ist ein berufsqualifizierender Abschluss
Bis auf wenige Ausnahmen beträgt die Regelstudienzeit von Bachelorstudiengängen sechs Semester. Sie ist damit deutlich kürzer als bei Magister- oder Diplomstudiengängen. Eigentlich ist der Bachelor ein berufsqualifizierender Abschluss, aber immer wieder bemängeln Firmen, dass der Bachelor nur ein Grundstudium sei. Von mangelnder fachlicher Ausbildung kann bei den vollen Stundenplänen allerdings nicht die Rede sein. Im Bachelorstudiengang Germanistik der Universität Bamberg beispielsweise werden - an den ECTS-Punkten gemessen - fast ebenso viele Leistungspunkte gefordert wie im Diplomstudiengang. Das Inhaltliche, das „was“, spricht demnach für die Qualifikation von Bachelorabsolventen für den Arbeitsmarkt.
2. Man lernt nicht mehr fürs Leben
Durch den stark reglementierten Studienverlauf bleiben den Studierenden nur wenige Möglichkeiten, ihre Kurse frei zu wählen, persönlichen Interessenschwerpunkten nachzugehen und gewissermaßen eine individuelle akademische Persönlichkeit zu entfalten. Durch die verkürzte Studiendauer können Studierende beispielsweise nur bedingt Einblick in das bibliothekarische Arbeiten bekommen. Das Studium endet häufig an dem Zeitpunkt, an dem zwar der Überblick da ist, aber die Praxis noch fehlt. „Jetzt wo ich meine Bachelorarbeit geschrieben habe, weiß ich auch endlich, wie man Literatur sucht – leider etwas zu spät“, denn für seine Hausarbeitsnoten, so BWL-Student Henning, „wäre es gut gewesen, wenn mehr Übung in der Literaturrecherche da gewesen wäre“. Der Bachelor ist zwar offiziell ein berufsqualifizierender Abschluss, durch die verkürzte Studienzeit allerdings ist die persönliche Entwicklung noch nicht gleichermaßen ausgeprägt wie nach Ende der alten Studiengänge. Zwischenfazit: nicht das „was“, sondern das „wie“ fehlt bei Bachelorabsolventen!
3. Nur Chuck Norris schafft den Bachelor in Regelstudienzeit
Den Bachelor in nur sechs Semestern erfolgreich abzuschließen, sei kaum möglich, außer, man sei ein absoluter Überflieger wie der amerikanische Schauspieler Chuck Norris, wetterten Studierende beim Bildungsstreik im vergangenen Winter. Sechs Klausuren an fünf Tagen und jede Note zählt - das spricht eigentlich für sich. Dennoch gibt es auch schlagkräftige Gegenbeispiele: Romanistik-Studentin Susanna beispielsweise hat ihr Studium im Wintersemester 2006/07 in Bamberg begonnen und blickt zurück: Sechs Semester hat sie in Deutschland gebraucht für ihren Bachelor, hinzu kommt ein Auslandssemester. Weil es in ihren Zeitplan gepasst hat, hat Susanna von September 2009 bis April 2009 gleich zwei Semester in Frankreich absolviert. „Die Semesterferien sind dann eben einmal ausgefallen.“ Mit Disziplin und Engagement kann man den Bachelorabschluss durchaus in sechs Semestern schaffen. Ein klassisches „Studentenleben“ kann man dann allerdings nicht mehr führen. Wer seinen Bachelor in sechs Semestern schafft, mag - was den Stress angeht - zwar für den Berufsalltag gewappnet sein, „für‘s Leben“ nimmt man dann allerdings aus der Studienzeit nicht allzu viel mit. Für die Entwicklung sozialer Kompetenzen, die man beispielsweise durch Mitarbeit in Hochschulgruppen erwerben kann, bleibt den Bachelorstudenten oftmals keine Zeit.
4. Jede Note zählt
Was passiert eigentlich wenn ein Bachelorstudent eine 4,0 schreibt und diese Note verbessern möchte? Hier gibt es je nach Fach unterschiedliche Handhabungen. Was beispielsweise die Psychologie angeht, so „gibt es keine Freischussregelung“, so Prof. Dr. Jörg Wolstein, Professor für Pathopsychologie. „Eine bestehende Freischussregelung würde den Leistungsdruck in der Psychologie jedenfalls nicht reduzieren, wahrscheinlich eher das Gegenteil bewirken, weil sich die Studierenden verpflichtet fühlen, die Prüfungen bis zur Bestleistung zu wiederholen“, ergänzt er. Auch in der Politikwissenschaft bleibt eine 4,0 eine 4,0. - „Leider“, beklagen die Studierenden, denn „jede Note zählt“. In einigen geisteswissenschaftlichen Fächern dagegen können Studierende mehrere Proseminare belegen und anschließend das beste werten lassen. Im Hinterkopf zu behalten ist hier aber auch der große Zeitaufwand, der durch die Doppelbelegung von Seminaren entsteht. Wer also eine gute Abschlussnote braucht, der muss unter Umständen ein zusätzliches Semester - im wahrsten Sinne des Wortes „in Kauf“ nehmen. Denn gute Noten kosten in diesem Fall nicht nur Zeit, sondern auch Geld.
5. Der Bachelor wird international anerkannt
Ziel der Bologna-Reform ist unter anderem die Schaffung eines international anerkannten Abschlusses. Studieren im Ausland müsste demnach kein Problem mehr sein. Europäische Bachelorabsolventen, die ihren Master beispielsweise in den USA machen möchten, geraten bei ihrem Vorhaben aber oftmals in Schwierigkeiten: Nach einer Umfrage des Institute of International Education (IIE), fordern die meisten amerikanischen Colleges einen vierjährigen Bachelor, um ihn als gleichwertig mit einem amerikanischen anzuerkennen. Fakt ist damit: Mit europäischem Bachelor wird Studierenden in den USA nicht pauschal die Tür geöffnet. In den europäischen Nachbarländern Österreich und Schweiz aber sieht die Sache schon ganz anders aus: Hier ist Bachelorabschluss gleich Bachelorabschluss. In Europa hat sich in den vergangenen Jahren viel getan, was aber das außer-europäische Ausland angeht, so steckt der Prozess der Internationalisierung der Studienabschlüsse noch in den Kinderschuhen.
6. Bachelorabsolventen haben mehr Praxisbezug
Die neuen Studiengänge sollen einen größeren Praxisbezug haben als die alten Diplom- und Magisterstudiengänge - ein Märchen? Nach §3 der Praktikumsordnung ist im Diplomstudiengang Soziologie ein mindestens dreimonatiges Praktikum zu absolvieren. „Im Bachelor, ehemals im Grundstudium, gibt es ein für alle Studierende verpflichtendes soziologisches Forschungspraktikum, das über den Zeitraum von zwei Semestern geht“, erläutert Diplom-Soziologe Christopher Schmidt von der Professur für Bevölkerungswissenschaft. Außerdem ist ein zweimonatiges Pflichtpraktikum vorgesehen. Im Masterstudiengang, der in weiten Teilen dem ehemaligen Hauptstudium entspricht, gibt es außerdem weitere studienbegleitende Forschungspraktika. Freiwillige Praktika werden in Bachelorstudiengängen durch Klausuren in den Semesterferien und drei, vier oder mehr Hausarbeiten in den Semesterferien nur schwer realisierbar. Mehr Praxisbezug haben die neuen Studiengänge damit nicht - insbesondere die Bachelorstudenten, die nicht vorhaben einen Masterabschluss zu erwerben, werden sogar mit weniger Praxiserfahrung auf den Arbeitsmarkt losgelassen.
Fazit: Unsere Weisheit kommt aus unserer Erfahrung. Unsere Erfahrung kommt aus unseren Dummheiten
Der Sturz der Jahrhunderte alten Diplom- und Magisterstudiengänge ist - insbesondere in den letzten Jahren - nicht geräuschlos vorüber gegangen. Warum etwas ändern, was sich über Jahrhunderte bewährt hat? Der Bildungsstreik hat für mächtigen Lärm in der Politik gesorgt: Die Probleme wurden beim Namen genannt und die Studierenden selbst waren es, die Verbesserungsvorschläge gebracht haben. Seit zehn Jahren läuft der Bologna-Prozess und man beginnt - erst jetzt - aus den Erfahrungen zu lernen und die Studiengänge zu überarbeiten. Auch wenn der französische Schriftsteller Sacha Guitry in dieser Sache Recht behält: „Unsere Weisheit kommt aus unserer Erfahrung. Unsere Erfahrung kommt aus unseren Dummheiten“.

