Sokrates (re.) vergessen und lieber wie Comenius (li.) ganzheitlich-integral Philosophieren. (Fotos: Necrophorus/wikimedia/cc-by-sa, Sting/wikimedia/cc-by-sa)

Erwin Schadel wurde in den Ruhestand verabschiedet. (Foto: Pressestelle)

- Julian Müller

„Vergesst Sokrates!“

Vom ganzheitlichen Philosophieren nach Comenius

Die Tage, an denen der Philosophie-Professor Schadel offiziell im Dienst der Otto-Friedrich-Universität Bamberg steht, neigen sich unweigerlich dem Ende entgegen. Viele der Gäste – Familie und Freunde, Studierende und Kollegen – fanden keinen Sitzplatz mehr, verfolgten die Veranstaltung im Hörsaal 133 der U2 aber trotzdem – im Stehen. Für das musikalische Rahmenprogramm sorgten Georg Schäffner am Cembalo und Manfred Wengoborski mit seiner Violine. Sie spielten Sonaten von Georg Friedrich Händel und Giuseppe Tartini. Prof. Dr. Christian Schäfer, Inhaber des philosophischen Lehrstuhls I, lag am 15. Juli sichtlich daran, die freudige Seite der Veranstaltung in den Vordergrund zu rücken. Er überreichte Schadel die zu dessen Ehren neuerschienene Festschrift Memoria – Intellectus – Voluntas als Dank für seinen langjährigen Dienst.

Kampf der Kulturen

Danach übergab Schäfer das Wort an Prof. Dr. Uwe Voigt von der Universität Augsburg, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Comenius Gesellschaft. Voigt zeigte mit seiner Rede Cultura universalis statt clash of civilisations. Kultur bei Johann Amos Comenius als erster des Abends Schadels Parallelen zu dessen Lieblingsphilosophen Comenius: Die Wirklichkeit wollen beide als Ganzes in einer Grundstruktur verstanden wissen. Danach sei es am wichtigsten, zu begreifen, dass man keine Kultur den anderen vorziehen sollte. Der Kampf unterschiedlicher Kulturen sollte vielmehr in einer universalen Kultur ein Ende finden. Das Kernanliegen dabei: Die „Menschheit der Menschen“ muss in den Vordergrund gerückt werden.

Gemeinsamkeiten in der Wirklichkeitsauffassung

Einer der bewegensten Momente war die Rede Erinnerung an eine besondere Zusammenarbeit. Persönliche Worte von Prof. Dr. Dr. h.c. Beck, dem ehemaligen Inhaber des Lehrstuhls I der Philosophie. Zwischen ihm und Schadel gebe es eine ganz außergewöhnliche Verbindung auf drei Ebenen: dem emaligen Dienstverhältnis, der damit verbundenen Kollegialität und der sich daraus entwickelten Freundschaft. Neben dem freundschaftlichen Verhältnis zu seinem „Ziehsohn“ Schadel, das er als „besonderes Geschenk“ empfinde, waren für ihn die Gemeinsamkeiten in ihrer Wirklichkeitsauffassung immer sehr erfreulich, so Beck: Die Wirklichkeit sei eine Vielfalt verschiedener Dinge und Strukturen. Diese bilden ihre Einheit dadurch, dass sie existieren.

„Vergesst Schadel!“   

Zuletzt begab sich Professor Schadel persönlich ans Rednerpult, „mit einem weinenden und einem lachenden Auge“, wie er versicherte. Im gelang es, unter dem Titel Vergesst Sokrates! Plädoyer für ein ganzheitlich-integrales Philosophieren das Wichtigste zu Comenius, zu Wirklichkeitsvorstellungen und Musikphilosophie auf den Punkt zu bringen: Ganzheitlich-integrales Philosophieren sei wünschenswert. Doch weil der Mensch nur wenig auf sich zukommen lasse und meine, er wisse schon über alles Bescheid, gehe das Wesentliche an ihm vorbei: „Den Blinden hilft das Licht in keiner Weise!“
Mit dem letzten Satz aus der Apologie des Sokrates bereitete Schadel seinem Auftritt einen denkwürdigen Schlussakkord: „Jedoch – es ist Zeit, dass wir gehen: ich, um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist allen verborgen außer nur Gott.“ In diesem Sinne, so der Professor selbst: „Vergesst Schadel!“