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Mittelalterliche Stadtmauer und barocker Gartenzwerg

Archäologen präsentieren Forschungsergebnisse

Von Nils Ebert

Margret Sloan und Ingolf Ericsson führen durch die Ausgrabungsstätte, links: Kanzlerin Dagmar Steuer-Flieser, 2.v.r.: Kurt Herrmann vom Dezernat Zentrale Aufgaben & Flächenmanagement (Foto: Nils Ebert)

Abschnitt der staufischen Stadtmauer (Foto: Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit)

Fundstücke im Lehrstuhlgebäude am Wilhelmsplatz 3 (Fotos: Nils Ebert)

Das Grabungsteam Ingolf Ericsson, Margret Sloan, Gunnar Gransche und Elias Flatscher vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (v.l.n.r.)

„Ein Sandkasten für Fortgeschrittene“ – so bezeichnen Margret Sloan und Elias Flatscher ihre Grabungsstelle im Universitätsgebäude Am Kranen 14. Sie sind auf überraschende Funde gestoßen.

Von Mitte Februar bis Ende April wurden innerhalb des Universitätsgebäudes Am Kranen 14 viele Tonnen Erde bewegt. Prof. Dr. Ingolf Ericsson, Inhaber des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, und Grabungsleiterin Margret Sloan präsentierten ihre Ergebnisse und einen Überraschungsfund: Um 1250 n. Chr. hatten die Staufer die Stadt Bamberg durch eine Mauer befestigt, die jedoch im 16. Jahrhundert wieder abgetragen wurde. Das Team hatte deshalb zu Grabungsbeginn wenig Hoffnung, auf Überreste zu stoßen. Umso erfreulicher war der Fund eines fünf Meter langen, gut erhaltenen Mauerabschnitts aus massiven Buckelquadern. Auch die Lage der Stadtmauer überraschte, hatte man sie doch entlang der Grundstücksgrenze erwartet – tatsächlich schneidet sie das Gebäude aber diagonal.

Evakuierung und Sanierung

Die Kanzlerin der Universität Dr. Dagmar Steuer-Flieser und Kurt Herrmann vom Dezernat Zentrale Aufgaben und Flächenmanagement sowie Vertreter des Staatlichen Bauamts, der Presse und der Bamberger Stadtarchäologie konnten am 23. Mai 2011 die Grabungsstelle und ausgewählte Fundstücke in Augenschein nehmen. Steuer-Flieser zeigte sich zufrieden: „Die Forschungsergebnisse belegen den historischen Wert dieses unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, das auf eine wechselvolle, mindestens 500-jährige Baugeschichte zurückblicken kann. Die Universität Bamberg und das Bayerische Wissenschaftsministerium, das uns bei der kostspieligen Sanierung unterstützt, tragen damit zum Erhalt des Bamberger Weltkulturerbes bei.“

Die Sanierung war bereits geplant, als im Juni 2009 das Gebäude gesperrt und sofort evakuiert werden musste, da der Dachstuhl massiv vom Echten Hausschwamm, einem holzzerstörenden Pilz, befallen war und einzustürzen drohte. Seitdem ist das Gebäude von Gerüsten umhüllt, der Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit und die Professuren für Ur- und frühgeschichtliche Archäologie sowie Restaurierungswissenschaft fanden ein neues Zuhause in der ehemaligen Wilhelmspost am Wilhelmsplatz 3 und in der Jäckstraße 3b. Der Grabungsmannschaft jedoch bot sich im Zuge der Sanierung die einmalige Gelegenheit, innerhalb des Baukomplexes zu graben und die Geschichte dieses Einzeldenkmals ans Licht zu bringen.

Knochenwürfel, Stecknadeln und Brunnen

Das Universitätsgebäude steht auf den Grundmauern von Vorgängerbauten, die mehrfach um- und ausgebaut wurden. Zahlreiche Funde belegen, dass die Gebäude handwerklich intensiv genutzt wurden: Sloan fand in der „Müllhalde eines Knochenschnitzers“ winzige Spielwürfel, Perlen und Rosenkränze aus Knochen. Die urkundliche Erwähnung eines „Kupferhofs“ sowie Münzen, Stecknadeln und Schlackereste weisen auf Metall verarbeitende Handwerksbetriebe hin. Diese wurden im Mittelalter wegen der Feuergefahr außerhalb der eigentlichen Siedlung erbaut, ebenso wie die geruchsintensiven Gerbereien, Schlachtereien und Knochenschnitzer.

Im hinteren Teil des Universitätsgebäudes konnten darüber hinaus Reste einer barocken Gartenanlage ausgegraben werden. „Jüngere Perioden wie die Zeit des Barock werden häufig weniger ausführlich archäologisch erforscht. Dass ein neuzeitlicher Garten mit Brunnen und kleinen Kanälen so komplett freigelegt und dokumentiert wird wie hier, ist eine Seltenheit“, erläuterte Ericsson. Ein „Gartenzwerg“ hat es der Grabungsmannschaft besonders angetan. Es handelt sich dabei um ein in Sandstein gehauenes Fabelwesen, vermutlich die Figur des Pan, des griechischen Hirtengottes mit menschlichem Oberkörper und den Beinen eines Ziegenbockes. Erhalten sind leider nur noch die Füße.

Archäologische Praxis und Berufsqualifikation

Die Mannschaft um Grabungsleiterin Sloan bestand größtenteils aus Studierenden, die zum ersten Mal an einer Grabung teilnahmen und direkt in Bamberg ihr feldarchäologisches Praktikum absolvieren konnten. „Wir vermitteln nicht nur, wie man gräbt, sondern auch, wie man das Fundmaterial auswertet, dokumentiert und inventarisiert“, betonte der Archäologe Ericsson. Auch Kanzlerin Steuer-Flieser unterstrich diese Besonderheit: „Noch praxis- und ortsnäher ist ein archäologisches Studium nicht aufzuziehen.“

Bereits im Sommer 2011 soll die nächste Grabung im Hinterhof des Gebäudes und in der Hasengasse folgen. Voraussichtlich können die archäologischen Fächer ab Herbst 2013 in ihr ehemaliges Zuhause zurückkehren. Dann soll ein archäologisches Zentrum die Grabungsergebnisse und Fundstücke präsentieren. Im Fußboden wird eine Glasplatte eingezogen, damit die alte Bamberger Stadtmauer weiterhin sichtbar bleibt, versprach die Kanzlerin. Wer sich bereits jetzt ein Bild von den Funden machen möchte, findet am Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit am Wilhelmsplatz 3 eine Vitrine.

News Sommersemester 2011 vom 30.05.11