Aus der Forschung in die Praxis (noch Prof. Dr. Detlef Sembill)

Für das tägliche Handeln der professionellen Mitglieder in Schulen, Wirtschaft und Verwaltung möchten wir theoretisch fundiertes und empirisch gesichertes Wissen verfügbar machen. Umgekehrt gilt es, die professionelle Expertise dieser Personen in die universitäre Lehre und Forschung einfließen zu lassen. Diesen Wissensaustausch realisieren wir über Tagungen, betriebliche Kooperationsprojekte und das Bamberger Universitätsschulkonzept.

Kooperationsprojekte mit Betrieben, Vereinen oder Bildungseinrichtungen stellen für uns eine wichtige Möglichkeit dar, Lehr-Lern-Forschung über den schulischen Bereich hinaus voranzutreiben, Konzepte zu überprüfen und die gewonnenen Erkenntnisse in die Ausbildung von Nachwuchskräften einfließen zu lassen. Tagungen stellen für uns eine wesentliche Komponente des wissenschaftlichen Diskurses dar. Im Folgenden erhalten Sie einen Überblick über die vom Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik organisierten und durchgeführten Veranstaltungen. Detaillierte Informationen zum Bamberger Schulleitungssymposium finden Sie unter sls-bamberg.de.

Ausgewählte Transfer- und Kooperationsprojekte

Transferprojekt Zukunft MINT

Im Rahmen des internationalen Schülerprojekts Zukunft MINT, das vom Campus of Excellence e.V. initiiert wurde und in welchem ausgewählte Schülerinnen und Schüler aus Deutschland, Polen und Ungarn in ihrer Studien- und Berufswahlkompetenz gefördert und in ihrem Interesse an mathematisch-naturwissenschaftlichen Fragestellungen gestärkt werden sollen, war der Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik mit der wissenschaftlichen Begleitung betraut. Die am Projekt beteiligten Schülerinnen und Schüler werden im Projektverlauf in ein Netzwerk eingebunden, welches aus Hochschulangehörigen (z. B. Studierende im Mentorenprogramm, wissenschaftliche Mitarbeiter/innen), Unternehmensvertretern/innen und Mitarbeitern und Angehörigen des Campus of Excellence (z. B. Alumni-Verein) besteht und sollen von den Angeboten (z. B. Orientierungswoche in Mecklenburg-Vorpommern, Mentorenprogramm) für ihre individuelle Entwicklung profitieren. Im Rahmen des Projekts nahm der Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik im Projektverlauf eine evaluierende und moderierende Rolle ein. So wurden beispielsweise der Fragebogen für die wissenschaftliche Eingangserhebung entwickelt sowie die erhobenen Daten analysiert. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Analyse wurden u. a. als Unterstützung beim Auswahlverfahren herangezogen. Weiterhin wurde eine Moodle-basierte eLearning-Plattform entwickelt, welche für Unternehmen, Schulen, den Campus of Excellence und den Lehrstuhl als Austauschmedium fungieren sollte. Hierbei war es angedacht, dass die Vertreter der teilnehmenden Schulen (Lehrkräfte, Schüler) an dezentralen Lernangeboten teilnehmen und somit ein interkultureller und fachlicher Austausch erfolgt. Unternehmen sollten den Teilnehmenden über die Plattform Einblicke in deren Arbeit für eine professionelle Entwicklung ermöglichen. Insgesamt sollte somit im Hinblick auf die Tätigkeiten und Aufgaben der Wirtschaftspädagogik einerseits die wissenschaftliche Evaluation des Projekts sichergestellt und andererseits Kollaboration und Kooperation zwischen den Beteiligten unterstützt und auf dezentrale Weise mittels der Online-Plattform ermöglicht werden.

Beteiligte Personen:

Prof. Dr. Detlef Sembill

Dipl.-Hdl./WI Clemens Frötschl

M.Sc. Tobias Kärner

Symposium: Emotionen in der beruflichen Bildung

In der Bildungsforschung spielen emotional-affektive Aspekte nach wie vor eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich zahlreiche Befunde unterschiedlichster Disziplinen auf deren hohen Stellenwert für gelingende Lern- und Arbeitsprozesse hindeuten. Als Gegenstand der Berufsbildungsforschung sind emotional-affektive Konstrukte in mehrfacher Hinsicht von Interesse. Situative Erlebenskomponenten (states) stehen in enger Wechselwirkung mit dem aktuellen Handeln und Lernen, während dispositionale Komponenten (traits) einerseits einen Beitrag zur Erklärung situationsübergreifender Unterschiede im Erleben, Handeln und Lernen leisten und andererseits als habitualisierte Bewertungsmuster auch Zielgrößen der Berufsbildung darstellen.

Im Rahmen des Symposiums werden sowohl eine Auseinandersetzung mit den keineswegs einheitlichen Begrifflichkeiten angeregt als auch empirische Befunde zur konkreten praktischen Bedeutung emotionaler Aspekte in der Berufsbildung aufgezeigt. Namhafte Forscher der Berufs- und Wirtschaftspädagogik werden sich mit Vorträgen beteiligen und für Diskussionen bereit stehen.

  • Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Frank Achtenhagen: State- und Trait-Komponenten im affektiven Bereich
  • Prof. Dr. Klaus Beck: Gier, Scham, Stolz und andere „Bauchgefühle“ – Moralische Emotionen im beruflichen Handeln
  • Prof. Dr. Günter Kutscha: Alice in wonderland – Ausbildungsbelastungen als emotionales Problem aus Sicht von Auszubildenden im Einzelhandel
  • Prof. Dr. Jürgen Seifried & Prof. Dr. Eveline Wuttke: Lernen aus Fehlern in Abhängigkeit von methodischen Grundentscheidungen

Das Symposium wird im Rahmen der Feierlichkeiten zum sechzigsten Geburtstag von Prof. Dr. Detlef Sembill organisiert. Die Organisatoren freuen sich auf zahlreichen Besuch bei musikalischer Umrahmung, Getränken und kleinem Imbiss. Die Teilnahme ist kostenfrei und eine Anmeldung ist nicht nötig.

Download des Flyers zum Symposium(151.7 KB)

Symposium: Rechnungswesenunterricht auf dem Prüfstand

Zu Ehren des international renommierten Bildungsforschers und Wirtschaftspädagogen Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Frank Achtenhagen, der seinen 65. Geburtstag feierte, veranstaltete der Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik vom 3. bis. 5. Juni 2004 das internationale Symposium zu Lehr- und Lernprozessen im Fach Rechnungswesen. Über 40 Fachwissenschaftler aus dem In- und Ausland folgten der Einladung von Professor Dr. Detlef Sembill zu dieser Tagung.

Der Rechnungswesenunterricht stellt innerhalb des Fächerkanons einer kaufmännischen Ausbildung ein zentrales Kernelement dar, das in seiner Bedeutung von Schülern und Lehrern jedoch unterschiedlich beurteilt wird. Wo Lehrer das Fach aufgrund seiner Klarheit und Strukturiertheit gerne unterrichten, empfinden Schülerinnen und Schüler den Unterricht oftmals als langweilig, trocken und praxisfern. Aufgrund vielfältiger Defizite ist der Rechnungswesenunterricht auch in Kreisen der Wissenschaft seit geraumer Zeit Gegenstand einer intensiv geführten fachdidaktischen Diskussion. Vor diesem Hintergrund konnte der Veranstalter des Symposiums, Prof. Dr. Detlef Sembill, Studien- und Prodekan der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, die führenden Fachwissenschaftler, die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigen, in Bamberg begrüßen.

Offiziell eröffnet wurde das Symposium in der Aula der Universität im Dominikanerbau vor ca. 150 Besuchern durch den Prorektor der Universität, Prof. Dr. Johann Engelhard. Nach einleitenden Musikdarbietungen des Studierendenchores 'Wipäds on the Rocks' schlug der Prorektor in seinem Grußwort den Bogen von der wechselvollen Geschichte der Universität zum hochaktuellen Tagungsthema und verwies darauf, dass gerade die Bamberger Universität in der Vergangenheit die verschiedensten Herausforderungen erfolgreich bewältigte und somit den geeigneten Rahmen für eine kontroverse jedoch fruchtbringende Diskussion bietet.

Den Festvortrag zu Ehren des Jubilars hielt Prof. Dr. Holger Reinisch von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Reinisch zeigte historische Leitlinien in der Diskussion um das Rechnungswesen auf und erläuterte anhand der Gegenüberstellung eines denkenden und praktischen Buchhalters die Entwicklung von Qualifizierungsprozessen im Rechnungswesenunterricht. Reinisch plädierte für ein ganzheitliches Verständnis des Faches, das den Lernenden sowohl den Erwerb von Handlungskompetenz als auch den Zugang zum Verständnis ökonomischer Prozesse und Zusammenhänge ermöglichen muss. Schließlich forderte der Festredner eine verstärkte Internationalisierung der Forschung und wies auf einen Mangel an empirischen Studien zum Rechnungswesenunterricht hin.

Der zweite Veranstaltungstag wurde vom Leiter des zentralen Controllings der oberfränkischen Brose Gruppe, Herrn Hilmar Friedrich, eröffnet. Friedrich skizzierte den Aufstieg des weltweit operierenden Automobilzulieferers und verdeutlichte, welche Anforderungen die Steuerung der Produktion an den knapp 30 Standorten an das Controlling stellt. Die im Rahmen der Berufsausbildung bzw. des Studiums an (Fach-)Hochschulen erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten seien so zu flexibilisieren und mit Hintergrundwissen anzureichern, dass die Entwicklung ökonomischer Prozesse für die Gestaltungs- und Entscheidungsfindung der betrieblichen Abläufe nachvollziehbar genutzt werden können. Hier - so Friedrich - setze er auf die Innovationskraft der Hochschulen und der betrieblichen Weiterbildung.

Die weiteren Vorträge und Diskussionsbeiträge beleuchteten den Rechnungswesenunterricht kontrovers und aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Konfliktlinie in der Diskussion verlief hierbei zwischen den eher instruktionalistisch orientierten Vertretern, die die Rolle des Lehrers stärker betonen und den eher konstruktivistisch ausgerichteten Forschern, welche die Lernenden in den Mittelpunkt rücken und handlungsorientiertes bzw. selbstorganisiertes Lernen propagieren. Als Vertreter der erstgenannten Richtung kann Prof. Dr. Wilfried Schneider von der Wirtschaftsuniversität Wien gelten, der in gewohnt engagierter Manier für eine Verbesserung der derzeitigen Unterrichtspraxis unter Beibehaltung der in der schulischen Praxis nach wie vor vorherrschenden Bilanzmethode eintrat. Im Unterschied zu Schneider plädoyierten Dr. Peter Preiß, Georg-August-Universität Göttingen, und Prof. Dr. Tade Tramm von der Universität Hamburg für eine Abkehr von der Bilanzmethode und stellten die seit Jahren in Niedersachsen erfolgreich umgesetzte Konzeption der Didaktik des wirtschaftsinstrumentellen Rechnungswesens vor.

Einen Beitrag zur Überwindung der fehlenden empirischen Durchdringung des Rechnungswesenunterrichts leistet das Forschungsteam des Bamberger Wirtschaftspädagogen Prof. Dr. Detlef Sembill, das sich in Zusammenarbeit mit einer Bamberger Berufsschule seit Jahren intensiv mit der Erstellung und Überprüfung von Unterrichtskonzeptionen für den Rechnungswesenunterricht beschäftigt. So konnten Dr. Jürgen Seifried und Dipl.-Hdl. Christina Klüber in der schulischen Praxis überprüfte Methoden zur Steigerung der Problem- und Handlungsorientierung im Unterricht vorstellen. Zugleich präsentierte das Bamberger Forschungsteam einen Weg, wie die in der Feldforschung gewonnenen Erkenntnisse in die Lehrerausbildung einfließen. Hierzu stellten Dr. Karsten Wolf und Dipl. Wirtsch.-Inf. Helge Städtler die von ihnen entwickelte Online-Lernplattform EverLearn vor. In dieser Internet-Lernumgebung absolvieren Studierende im laufenden Sommersemester ein Online-Seminar zum diskutierten Thema.

Prof. Dr. Lothar Reetz von Universität Hamburg griff am dritten Veranstaltungstag das wichtige Thema der Überprüfung von Lernfortschritten und Lernergebnissen auf. Reetz beklagte die Einseitigkeit der bisher vorherrschenden Prüfungspraxis, bei der so genannte Situationsaufgaben lediglich eine nachrangige Rolle spielen. Will man aber im Unterricht Handlungs- und Problemorientierung fördern, so darf man in Zwischen- und Abschlussprüfungen nicht mit Multiple-Choice-Aufgaben lediglich Faktenwissen abfragen. Konkrete Einblicke in das Unterrichtsgeschehen bot schließlich Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Rolf Dubs (Universität St. Gallen), der zur Vermittlung wirtschaftsethischer Sachverhalte zum Thema 'Bilanzskandale' Unterrichtsversuche durchführte und anhand von Videoanalysen das Erfolgspotenzial seiner Vorgehensweise verdeutlichen konnte.

Einig war sich die versammelte Wissenschaftlerzunft am Ende der Tagung darin, dass dem Unterrichtsfach 'Rechnungswesen' als Vermittlungsinstanz ökonomischer Handlungskompetenzen und ökonomischen Verständnisses sowohl in betrieblicher als auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht auch in Zukunft große Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Schließlich sollte jeder, der mit kaufmännischer Bildung in Berührung gekommen ist, aktuelle ökonomische Entwicklungen nicht hilflos und unwissend gegenüberstehen, sondern zur Mitwirkung und Mitgestaltung fähig sein.