Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte

Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie

Erdwerke und Siedlungsplätze der späten Bandkeramik (um 5000 v. Chr.) in Oberfranken

Mit Einführung der bäuerlichen Lebens- und Siedlungsweise um die Mitte des 6. vorchristlichen Jahrtausends ist ein epochaler Umbruch im gesellschaftlichen und sozialen System der mitteleuropäischen Bevölkerung zu verzeichnen. Die Gründung dauerhafter Siedlungen mit dem Errichten massiver Langhäuser aus Holz, der Anbau von Kulturpflanzen wie Emmer, Einkorn und Gerste sowie die Nutzung domestizierter Tiere wie Rind, Schaf, Ziege und Schwein revolutionierten die bis dahin bekannte Welt von durch Jagd und Sammelwirtschaft geprägten Menschen. Bis heute ist der genaue Prozess dieser „neolithischen Revolution“ nicht genau entschlüsselt. Oberfranken ist eine der Regionen, in welcher sich die als Bandkeramik bekannte Kultur um etwa 5500 v. Chr. entscheidend durchsetzte.

In den letzten Jahren konnten im Rahmen anderer Projekte rituelle Plätze dieser Kultur untersucht und dabei neue, überregional bedeutsame Ergebnisse erzielt werden (z. B. Hohler Stein bei Schwabthal, Jungfernhöhle bei Tiefenellern). Diese Orte lassen sich vor allem der mitleren bis späten Bandkeramik (ca. 5200-4950 v. Chr.) zuweisen und stehen damit im Kanon weiterer spektakulärer Ritualplätze wie z. B. dem Grubenwerk von Herxheim in der Pfalz. Die dort als Teilskelette niedergelegten, ca. 500 Toten werden als Überbleibsel komplexer Ritualhandlungen interpretiert, welche offenbar während einer extremen, überregionalen Krisensituation in der Zeit um 5000 v. Christi Geburt stattfanden.

 

 

Ein ähnliches Erdwerk gleicher Zeitstellung wurde 2012 während einer Magnetikprospektion bei Königsfeld entdeckt (Abb. 1). Es handelt sich dabei um das erste bandkeramische Grabenwerk in solch einer Mittelgebirgslage in ganz Europa. Weitere Siedlungen der späten Bandkeramik befinden sich auf der Hochfläche nördlich von Tiefenellern (alte Wüstung Hohenellern), bei Teuchatz und nahe dem Hohlen Stein bei Schwabthal. In keinem Fall fanden bislang größere Ausgrabungen innerhalb dieser frühen Bauernsiedlungen auf der Alb statt, weshalb der Charakter, die exakte Zeitstellung der Siedlungen und besonders die Funktion der Erdwerke unklar bleibt. 

Im von der Oberfrankenstiftung, der Universität Bamberg, der Gesellschaft für Archäologie in Bayern und der Sparkasse Coburg-Lichtenfels geförderten Projekt werden deshalb exemplarisch vier Siedlungen (Königsfeld, Hohenellern, Teuchatz und Hohler Stein bei Schwabthal) mit größeren Grabungsaktivitäten und Prospektionen untersucht (Abb.  2). Eine möglichst vollständige Erfassung der Siedlungsausdehnung mittels Magnetikprospektion (Abb. 3) und Feldbegehung ist beabsichtigt und wird Aussagen zur Siedlungsgröße und zum Vorhandensein weiterer Grabenwerke, welche durchaus zu erwarten sind, liefern. Auch das Aufdecken möglicher Bestattungsplätze, die in unmittelbarer Nähe der Siedlungen zu vermuten sind, ist durch die Prospektionstätigkeiten beabsichtigt. Die Grabungen sollen in Form größerer Grabungsschnitte vor allem im Bereich der sichtbaren Graben- und Torstrukturen, aber auch im Siedlungsbereich selbst mit der vollständigen Erfassung von Siedlungsgruben erste gesicherte Erkenntnisse zur exakten Zeitstellung, dem Charakter bzw. der Funktion der Befunde sowie der ökonomischen und ökologischen Verhältnisse der ersten oberfränkischen Albbauern erbringen. Dadurch können sich neue Interpretationsansätze zu den beobachtbaren Veränderungen im Ritualgeschehen am Übergang vom 6. zum 5. Jahrtausend v. Chr. ergeben. Zentrale Fragestellungen, welche die Gründe für die Erschließung der Albhochflächen als Siedlungslandschaft und die gleichzeitige Anlage von Grabenwerken betreffen, könnten ebenfalls erste wissenschaftlich fundierte Antworten zulassen.

Eine erste Ausgrabung fand im Sommer 2014 im Siedlungsareal des Hohlen Steins bei Schwabthal statt. Ausgangspunkt war ein im Magnetogramm deutlich sichtbares frühneolithisches Gebäude mit den typischen hausbegleitenden Längsgruben (Abb. 4). Um erstmals einen Datierungsansatz für die jungsteinzeitliche Besiedlung am Hohlen Stein zu erlangen und die generelle Befunderhaltung zu dokumentieren, wurde die vollständige Hausstelle mit der Grabung erfasst (Abb. 5-7). Das ca. 14 x 6 m große Gebäude bestand offenbar nur aus dem NW- und Mittelteil. Auf den SO-Teil wurde sehr wahrscheinlich verzichtet, da an dieser Stelle der Untergrund durch einen schwer bebaubaren, pleistozänen Solifluktionsboden mit eingelagerten Kalksteingeröllen gekennzeichnet war.

Neben fünf Reihen von Dreierpfostengruben, welche noch zwischen 20 und 43 cm tief erhalten waren (Abb. 8) konnte eine Reihe von drei kleineren Pfostengruben nachgewiesen werden, welche sich nicht im Magnetogramm abzeichneten. Diese waren stärker eingetieft und befanden sich zwischen dem ersten und zweiten Dreierpfostenriegel. Möglicherweise handelt es sich um eine Verstärkung der dachtragenden Konstruktion nach einem Schadensfeuer, da sowohl in einigen Pfostengruben als auch in den hausbegleitenden Längsgruben massive Rotlehmbruchstücke eingelagert waren (Abb. 9-10). Ein weiterer Befund war das gut erhaltene Wandgräbchen im NO-Teil des Gebäudes (Abb. 11), welches zudem durch ein zusätzliches, raumabtrennendes Binnengräbchen gekennzeichnet ist. An dieses grenzt eine nach SO auslaufende Grube, die vermutlich als Vorrats-/Kellerbefund anzusprechen ist. Die Längsgruben enthielten neben dem zahlreichen Brandschutt auch Keramikbruchstücke, Silexgeräte und –abfall sowie Sand- und Felsgesteinartefakte. Knochen haben sich im gesamten Grabungsbereich, vermutlich wegen des entkalkten Bodens, nicht erhalten. Dafür konnten aus vielen Befunden Holzkohle und Makroreste geborgen werden, welche Hinweise auf Vegetation und Nutzpflanzenanbau im oberfränkischen Frühneolithikum liefern werden. Kennzeichnendes Bauholz war offensichtlich Eiche und auch Linde, welches das Holzkohlespektrum deutlich dominieren. Weiterhin sind Ulme, Ahorn und Esche vertreten, jedoch kein einziger Beleg für Nadelholz. Die in den Längsgruben eingelagerte Keramik spricht für einen Nutzungsbeginn in der Stufe Meier-Arendt III (erste Hälfte des 52. Jh. v. Chr.) (Abb. 12-15), wenige Scherben aus den oberen Verfüllungen einer Längsgrube dürften schon in die folgende Phase Meier-Arendt IV (erste Hälfte des 51. Jh. v. Chr.) gehören (Abb. 16).