Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte

Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie

Menschen- und Tierknochen aus drei Epochen – neue Erfassungsmethodik einer Schachthöhle der Nördlichen Frankenalb und deren Fundinventar

Von urgeschichtlichen Menschen genutzte Schachthöhlen auf der Fränkischen Alb lassen sich als durchaus häufige Denkmalgattung dieser von Verkarstung geprägten Landschaft bezeichnen. Jedoch gelang es noch in keinem Fall der bisherigen Forschungsgeschichte, die genaue Entstehung der zahlreich menschliche und tierische Knochen enthaltenden Einfüllschichten zu rekonstruieren und somit die Hintergründe dieser rituellen Deponierungsaktivitäten nachvollziehbar zu deuten. Die durch Mitglieder der Forschungsgruppe Fränkischer Karst e.V. im November 2010  entdeckte Kirschbaumhöhle bietet nun die ideale Möglichkeit, mit neuer Dokumentationsmethodik und interdisziplinärem Forschungsansatz die Rekonstruktion prähistorischer Deponierungsvorgänge zu ermöglichen und somit auch deren Motiven näher zu kommen. Dies ist vor allem den Entdeckern zu verdanken, welche jeden Knochen an Ort und Stelle beließen und umgehend das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege informierten. Die ersten Untersuchungen konnten mittels eines Forschungsprojektes der Professur für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bamberg realisiert werden, welches maßgeblich von der Oberfrankenstiftung und dem Landkreis Forchheim sowie dem BLfD, der Gesellschaft für Archäologie in Bayern und der Universität Bamberg finanziert wurde.

Um von jedem Knochen die exakte Position zu erhalten und eine tachymetrische Einzeleinmessung aufgrund der Enge in der Höhle unmöglich war, wurde die Methode des terrestrischen 3D-Scannings angewandt. Dabei kam ein Faro Focus 3D – Scanner mit Spezialstativ zum Einsatz, wobei im Fall der Kirschbaumhöhle mit Auflösungen von 3-6 mm auf 10 m gearbeitet wurde, um bei größeren Knochen, wie z. B. den Schädeln, auch feinere Lagedetails zu erfassen. Dadurch konnte auch der Großteil der äußeren Höhlenstruktur sehr präzise abgebildet werden, wobei sich das aktuelle 3D-Modell der Höhle aus 50 Einzelscans zusammensetzt.

Zusätzlich erfolgte eine fotografische Dokumentation jedes Einzelfundes. Die Arbeiten in der Höhle wurden ausschließlich mit kontaminationssicherer Schutzbekleidung durchgeführt, um einer Verunreinigung der prähistorischen Knochen mit moderner DNA vorzubeugen (Abb. 2). Insgesamt liegen momentan 188 Knochen mit einem Gesamtgewicht von gut 10 kg vor, von denen lediglich 30 aufgrund der starken Fragmentierung bzw. geringen Größe unbestimmbar waren. Weitere 12 Knochen stammen von Nagern wie z. B. der Rötelmaus und dem Maulwurf. Von den restlichen bestimmbaren 146 Knochen sind ca. ein Drittel von menschlichen Individuen, die anderen beiden Drittel von Säugetieren, wobei Haustierknochen (95 %) gegenüber Wildtierresten (5 %) deutlich überwiegen.

Die menschlichen Skelettreste gehören zu mindestens sieben Personen, die durch fünf vollständige und einen fragmentierten Schädel sowie einen Unterkiefer repräsentiert sind. Von allen Schädeln liegen 14C-Analysen vor, welche auf mindestens drei getrennte Deponierungshorizonte von menschlichen Individuen verweisen. Die älteste Phase datiert ins frühe Endneolithikum (ca. 2820-2660 v. Chr.). Zu ihr gehören zwei menschliche Schädel sowie Knochen eines Hundes. Der Schädel einer Frau gehört ebenso wie der direkt daneben gefundene Mittelfußknochen eines Rothirsches in die Frühbronzezeit (ca. 1900-1750 v. Chr.). Die drei anderen menschlichen Schädel, der eines Mannes sowie die von zwei jugendlichen Individuen, datieren in die Eisenzeit (ca. 760-410 v. Chr.).

Drei weitere 14C-Daten von zwei Rinder- und einem Schweineknochen belegen eine vierte und fünfte Nutzungsphase, welche ins Jungneolithikum (ca. 38./37. Jh. v. Chr.) sowie ins jüngere Endneolithikum zwischen ca. 2620 und 2350 v. Chr. fällt. An sicher nachgewiesenen Tieren in der Kirschbaumhöhle lassen sich derzeit mindestens vier Rinder, zwei Schafe, ein Schwein, drei Hunde, ein Rothirsch, eine Wildkatze und ein  Feldhase anführen.