Institut für Archäologie, Denkmalkunde und Kunstgeschichte

Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie

Bronzezeitliches Siedlungsareal bei Kaspauer, Stadt Weismain, Lkr. Lichtenfels

In den Jahren 2010 und 2011 untersuchte die Professur für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie im Rahmen von zwei dreiwöchigen Lehr- und Forschungsgrabungen ein bronzezeitliches Siedlungsareal südöstlich von Kaspauer, Stadt Weismain, Lkr. Lichtenfels. Der Platz war bereits seit den 1990er Jahren durch Lesefunde des ehrenamtlichen Sammlers Armin Thomschke als bronzezeitliche Fundstelle bekannt. In einem zukünftigen Forschungsprojekt soll verstärkt die metallzeitliche Besiedlung der Nördlichen Frankenalb im Fokus stehen und damit das Desiderat siedlungsarchäologischer Erkenntnisse in dieser an metallzeitlichen Grabfunden reichen Mittelgebirgslandschaft  beseitigt werden. Die Grabungen bei Kaspauer sollten dabei das Potential dieser Region testen.

Die Fundstelle befindet sich am Unterlauf eines durch mehrere Quellen gespeisten Baches, welcher vermutlich  im Mittelalter oder in der Neuzeit Richtung Nordwesten umgeleitet wurde. Dieser Bach mündet nur ca. 100 m nördlich des Grabungsplatzes in den Schöpfleinsgraben, welcher ca. 1,5 km östlich in die Weismain fließt.

Bereits im Vorfeld der Grabungen fanden Magnetikprospektionen mit einem Fluxgate-Gradiometer statt, welche durch einen hohen Anteil metallischer Objekte im Boden aber nur begrenzte Aussagen zu archäologischen Befundstrukturen zuließen.

Einige rundliche Strukturen im Magnetikmessbild konnten während der ersten Grabungskampagne im Jahr 2010 als spätbronzezeitliche Siedlungsgruben identifiziert werden. Jedoch registrierte die Magnetiksonde nur diejenigen Befunde, welche einen erhöhten Anteil an gebranntem Lehm aufwiesen. In diesen drei Gruben wurde offenbar gezielt Brandschutt eines abgebrannten Hauses mit Lehmbewurf entsorgt, worauf Lehmkonzentrationen in der Grube, aber auch darüber eingefüllte Kulturschichten in den Befunden deuten (Abb. 1).

 

Interessant ist, dass Teile des Lehmbewurfs (wahrscheinlich Außenwandstücke) eine Art Tünche oder Bemalung in unterschiedlichen Farben zeigen. Eine weitere Grube ohne Brandschuttreste zeigte im unteren Bereich eine Kegelstumpfform und dürfte eine ursprüngliche Funktion als Vorratsgrube besessen haben (Abb. 2).

In den Gruben konnten etliche Keramikfragmente (Abb. 3), darunter auch fein graphitierte Keramik sowie Fragmente von Etagengefäßen und auch Tierknochen geborgen werden. Die Keramik und drei 14C-Daten weisen auf eine Zeitstellung dieser Siedlungsphase in die mittlere Urnenfelderzeit (Ha A2/B1; ca. um 1050 v. Chr.) hin. Weitere bemerkenswerte Funde dieser Epoche sind ein Stück Rohgraphit, welches derzeit an der TU München hinsichtlich seiner Herkunft bestimmt wird, drei sogenannte Goldammoniten mit Durchlochung (Abb. 4), welche wie im Gräberfeld Grundfeld belegt vermutlich als Halsschmuck Verwendung fanden, sowie zwei Perlen aus blauem Glas (Datierung in die Urnenfelderzeit ist bei diesen noch nicht gesichert).

Während der Grabungskampagne 2011 wurde die Ausgrabungsfläche Richtung Norden ausgedehnt, wobei vor allem im Osten mindestens 24 Pfostengruben zum Vorschein kamen (Abb. 5). Dabei handelt es sich um mehr oder minder gut erhaltene Relikte ehemaliger Holzhäuser, wobei allein die Anordnung der Pfostengruben mehrere übereinanderliegende Hausstandorte offeriert.  Zwei der Pfostengruben wiesen Reste einer Steinverkeilung auf (Abb. 6). Genauere Aussagen werden frühestens nach der Erweiterung in östliche Richtung, in die sich die Pfostenkonzentrationen sicher fortsetzen, möglich sein (eine dritte Kampagne ist im Sommer 2012 geplant). Derzeit ist noch völlig unklar, wie diese Pfostenbauten datieren.

Unmittelbar westlich davon konnte nämlich eine heute völlig eingeebnete, alte Bachrinne entdeckt werden, welche durch mehrere kolluviale Ablagerungen ausgefüllt war (Abb. 7). Während der Bronzezeit war die Situation der Nord-Süd-orientierten Bachrinne im Gelände noch vorgegeben, vermutlich führte der Bach zu dieser Zeit (zumindest periodisch) noch Wasser. An den Flanken der Bachrinne konnte schließlich eine sehr wahrscheinlich anthropogen eingebrachte Kulturschicht nachgewiesen werden, die nach Aussage der keramischen Funde überraschenderweise in die mittlere Bronzezeit (ca. 1500 bis 1300 v. Chr.) gehört. Diese eingelagerte Kulturschicht tritt an den Rändern der Paläorinne streifenartig (im Westen eher schmal, im Osten über 1m breit) zu Tage (Abb. 8). Funde konzentrieren sich  in dieser Schicht vor allem in dem Bereich, wo sich direkt östlich die Pfostenstellungen anschließen. Es ist daher durchaus wahrscheinlich, dass ein Großteil der entdeckten Hausbefunde in die Mittelbronzezeit zu stellen ist. Bislang sind nur zwei schlecht erhaltene Befunde als Grubenreste mit eher mittelbronzezeitlicher Keramik ansprechbar. Diese befinden sich allerdings, im Gegensatz zu den sechs weiter im Süden liegenden urnenfelderzeitlichen Gruben, in unmittelbarer Nähe zu den Pfostengruben. Trotzdem bleibt eine klare Zuordnung letzterer unsicher. Jedoch fanden sich auf zwei Pfostengrubensohlen Knochendeponierungen (im ersten Fall der Fußknochen eines Rothirschs, im zweiten Fall ein Wildschweinzahn), welche durch weitere 14C-Analysen Hinweise auf den Zeitpunkt zumindest einer Bauphase geben könnten. Das keramische Fundmaterial der Mittelbronzezeit zeigt an sich gewisse Unterschiede, welche sich auch in der räumlichen Verteilung widerspiegeln. Evt. deuten sich dadurch mehrere aufeinander folgende mittelbronzezeitliche Siedlungsphasen an, welche vielleicht schon in der Stufe Bz B (um 1500 v. Chr.) begannen und bis in die späte Stufe Bz C (um ca. 1300 v. Chr.) andauerten. Dann wurde der Platz offensichtlich ca. 250 Jahre lang nicht besiedelt, da bislang keine Hinweise auf Fundmaterial der Stufe Bz D bzw. der frühen Urnenfelderzeit vorliegen. Nach Abbruch der mittelbronzezeitlichen Besiedlung kam es außerdem, vermutlich durch die vorherige agrarische Nutzung des Umlandes und starken Regenereignissen zu einem kräftigen Bodenabtrag im unmittelbaren Umkreis der Fundstelle. Dies hatte wiederum eine Ablagerung in der Bachrinne zur Folge, wobei die älteren anthropogen eingebrachten Kulturschichten überdeckt wurden. Erst in dieses jüngere Kolluvium, welches irgendwann zwischen 1300 und 1100 v. Chr. in die Bachrinne eingelagert wurde, ist ein Teil der urnenfelderzeitlichen Gruben eingetieft worden.

Nach nur sechs Wochen Grabung konnten somit an diesem einzigen Fundplatz schon mehr Informationen zum bronzezeitlichen Siedlungswesen auf der Nördlichen Frankenalb gewonnen werden, als bisher für die gesamte Region bekannt waren. Bislang lag der Fokus auf befestigten Höhensiedlungen oder Gräbern dieser Epoche. Wie hoch das Potential und wie immens wichtig die Forschung im Falle der „einfachen“ Mittelgebirgssiedlungen ist, zeigt Kaspauer meiner Meinung nach sehr deutlich. Immerhin gelangen hier im Rahmen einer Forschungsgrabung die ersten klaren Siedlungsnachweise zur Mittelbronzezeit in ganz Nordbayern. Das sollte Anreiz genug für ein über einen längeren Zeitraum dimensioniertes Forschungsprojekt sein, dessen Ergebnisse in naher Zukunft, beispielhaft für eine deutsche Mittelgebirgsregion, die Rekonstruktion einer 2000jährige Besiedlungsgeschichte von der frühen Bronze- bis zum Ende der späten Eisenzeit erlauben.