Wettringen – eine hallstattzeitliche Brandbestattung

In den Jahren 2001 und 2002 wurde von der Professur für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie in Wettringen ein hallstattzeitlicher Grabhügel ausgegraben. Schon in der ersten Grabungskampagne wiesen die ersten Leichenbrandfragmente darauf hin, daß mit einer Brandbestattung zu rechnen war. Im Frühjahr 2002 konnte der Grabhügel vollständig ausgegraben werden.

Der menschliche Leichenbrand lag konzentriert in einer braun, grauen Verfärbung, in der neben einem hohen Anteil an Leichenbrand auch ein hoher Anteil an Holzkohle und Asche dokumentiert wurde (Befund 8a). Während der Grabung wurde der Leichenbrand vollständig mit dem ihn umgebenden Sediment geborgen. Der Großteil des menschlichen Leichenbrandes ist Befund 8a zuzuordnen; geringfügige (kleinfragmentierte) Anteile stammen aus dem benachbarten Erdreich.

Der mit reichlich Sediment geborgene Leichenbrand wurde unter lauwarmem Wasser gewaschen. Für die Untersuchung stand insgesamt über ein Kilogramm (1020 g) Leichenbrand zur Verfügung. Bei der Bearbeitung konnten einige unverbrannte Tierknochen (1-2 g) sowie einige kleine Eisen- und Keramikfragmente aussortiert werden.
Nach Farbe und Konsistenz von verbrannten menschlichen Knochen lässt sich auf die Temperaturen schließen, unter denen die Verbrennung erfolgte. Damit verbunden ist auch die Schrumpfung, Deformierung und Fragmentierung der Knochen. Der ursprünglich gelbe Knochen ändert durch die Feuereinwirkung mit zunehmenden Temperaturen die Farbe in braun/schwarz, grau und schließlich weißlich, bzw. beigefarben (Hermann 1998, Abb. 274). Hinzu kommt eine Beeinflussung der Farbe durch die Bodenlagerung.

Die vorliegenden Knochen aus Wettringen weisen zum überwiegenden Teil eine beige-weiße Farbe auf, wenige Stücke liegen in einer schwarzen und graublauen Verfärbung vor. Die Verbrennung der Knochen kann als relativ homogen beschrieben werden: Belegt sind die Verbrennungsstufen III bis V. Der allergrößte Teil der Knochen (ca. 90-95%) kann nach Farbe und Hitzerissen der Verbrennungsstufe V zugeordnet werden, d.h. die Kremation fand bei Temperaturen von mindestens 800 Grad Celsius statt (Wahl 1982). Wesentlich geringe ist der Anteil an Knochen, die der Verbrennungsstufe III zugeordnet werden können (ca. 5-10%). Nicht vertreten ist die Verbrennungsstufe IV. (Die Temperaturen, denen Knochen während der Verbrennung ausgesetzt sind, entscheiden über die Erhaltung des Skelettmaterials. Die Verbrennungsstufe IV ist charakterisiert durch eine weiche, kreidige Oberfläche; die Knochen sind in dieser Stufe wenig widerstandsfähig [Wahl 1982, Tab.1.].)

Verbrennungsstufe
(nach Wahl 1982)
Färbung/Konsistenz der KnochenTemperaturProzentualer Anteil
Igelblichweiß

hellbraun
bis 250 °C-
II(dunkel-)braun

schwarz
ca 300-400 °C-
IIIgrau

blaugrau
ca. 550 °C5-10 %
IVmilchig weiß, matt

kreideartig
ab 650-700 °C-
Valtweiß

z.T. beige und im Bruch weiß
ab 800 °C90-95 %

Tabelle: Verbrennungsstufen in Wettringen


Durch die Hitzeeinwirkung findet eine Schrumpfung der Knochen statt. Diese ist abhängig von den erreichten Temperaturen und dem Mineralgehalt der einzelnen Knochen. Da der Mineralgehalt innerhalb der einzelnen Knochen variiert ergeben sich unterschiedlich starke Schrumpfungen innerhalb eines Knochens. Dies bewirkt ausgeprägte Hitzerisse und Deformierungen der Knochen (Herrmann 1988, 580). An dem untersuchten Leichenbrand konnten unterschiedliche Deformationen beobachtet werden:

  • Aufspalten der Kalottenfragmente in Tabula interna und Tabula externa
  • Quer und parallel zur Längsachse des Knochens verlaufende Trennungsbrüche
  • Elliptische Hitzerisse
  • Craqueléartige Risse an Gelenkflächen und Kalottenfragmenten

Elliptische Hitzerisse und craqueleartige Risse treten nur an „frischen“ Knochen auf, d.h. nicht an mazerierten oder länger gelagerten Knochen (Wahl 1982, 8). Somit ist für die Brandbestattung in Wettringen primärer Leichenbrand belegt.
Die Fragmentierung der Knochen weist eine große Bandbreite auf; neben einigen großen und einzelnen sehr großen Fragmenten ist die durchschnittliche Fragmentgröße der Knochen mit 25 – 35 mm als mittel einzustufen. Das größte Fragment besitzt eine Länge von 54 mm.
Die Fragmentierung von Leichenbrand ist abhängig von der Art und Weise der Verbrennung und der Behandlung der kalzinierten Knochen nach der Verbrennung (Wahl 1982, 28f).
Der Leichenbrand ist als repräsentativ zu beschreiben; alle Körperpartien des Individuums sind repräsentiert. Es liegen keinerlei Hinweise auf eine Doppel- oder Mehrfachbestattung vor; somit handelt es sich um die Bestattung eines Individuums.

Unter den Fragmenten lassen sich folgende Knochen ansprechen: mehrere Fragmente des Schädeldaches: darunter Fragmente des Os frontale mit linker und rechter Orbita, des Os parietale mit sutura sagittalis und foramen parietale; des Os temporale rechts mit meatus acusticus internus, des Os zygomaticum links und rechts, weiterhin ein kleineres Maxillafragment . In starker Fragmentierung sind lediglich zwei Wurzelfragmente von Zähnen belegt. Alle großen Langknochen (Tibia, Femur, Ulna, Radius und Humerus) sind in Fragmenten vorhanden; dokumentiert sind auch Hand- und Fußwurzelknochen sowie Wirbel und Rippenfragmente.

Zur Altersbestimmung des Individuums können vor allem Kriterien des Schädels herangezogen werden: Die sutura sagittalis zeigt auf Höhe des Foramen parietale an der Tabula interna eine beginnende Verknöcherung. Alle anderen vorliegenden Nahtpartien zeigen keine Hinweise einer Verknöcherung. Die Epiphysenfugen der Langknochen können nicht beurteilt werden; der Größe der Diaphysen nach zu urteilen handelt es sich um ein eindeutig erwachsenes Individuum. Somit läßt sich die Altersbestimmung auf spätadult/frühmatur eingrenzen, das heißt das verstorbene Individuum hat ein Alter von 30-50 Jahren erreicht.

Hauptkriterium zur Geschlechtsbestimmung sind wiederum Fragmente des Schädels: Glabella und Arcus supercilliaris sind betont; der Margo supraorbitale ist im mittleren Drittel rund; der Processus zygomaticus des Os frontale ist als kräftig und breit zu beschreiben. Diese morphologischen Kriterien sprechen für ein eher männliches Individuum. Der Winkel des meatus accusticus am Os temporale ist mit 45-50° nach Wahl ebenfalls ein Indiz für ein männliches Individuum (Variable 5, Wahl 1982, Abb. 112.). Das Individuum kann somit als „eher männlich“ bestimmt werden.
 

Literatur

D. Ferembach, I. Schwidetzky, M. Stloukal, Empfehlungen für die Alters- und Geschlechtsdiagnose am Skelett. Homo 30, 1979, (1) – (32).
B. Herrmann, Behandlung von Leichenbrand. In: R. Knußmann (Hrsg.), Anthropologie. Handbuch der vergleichenden Biologie des Menschen. Wesen und Methoden der Anthropologie. Bd. 1, Stuttgart, New York 1988, 576-585.
J. Wahl, Leichenbranduntersuchungen. Ein Überblick über die Bearbeitungs- und Aussagemöglichkeiten von Brandgräbern. PZ 57, 1982, 1-125.
J. Wahl, M. Kokabi, Das römische Gräberfeld von Stettfeld I. Osteologische Untersuchungen der Knochenreste aus dem Gräberfeld. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Baden-Württemberg Bd. 29, Stuttgart 1988.

Text: Brigitte Lohrke