Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Turkologie

Der bedeutende Turkologe und Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Semih Tezcan ist verstorben

Unerwartet verstarb am 14. September 2017 der Turkologe und Linguist Prof. Dr. Semih Tezcan während eines Fluges in der Türkei. Nachrufe auf ihn erschienen in zahlreichen Tageszeitungen der türkischen Presse.

Semih Tezcan wurde am 3. Dezember 1942 im türkischen Mersin geboren. In den Jahren 1960-1964 studierte er in Ankara, danach in Hamburg und Göttingen. 1971 wurde er mit einer durch Gerhard Doerfer betreuten Arbeit über das uigurische Insadi-Sūtra promoviert. Von 1974 bis 1984 lehrte Tezcan an der Universität Ankara, bevor er angesichts zahlreicher Schwierigkeiten im repressiven Klima nach dem Putsch von 1980 erneut nach Deutschland ging.

Von 1984 bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden im Jahr 2008 war er als Dozent an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg tätig, wo er die sprachwissenschaftliche Seite der Turkologie vertrat und sich neben Klaus Kreiser um den Aufbau des damals neu eingerichteten Fachs verdient machte. Zudem leitete er seit 2002 das Projekt Turfanforschung an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Bei den Handschriften aus der Berliner Turfan-Sammlung handelt es sich um eine weltweit einzigartige Sammlung von Manuskripten aus der Turfanoase an der Seidenstraße, die aus der Zeit zwischen dem 2. und 14. Jahrhundert datieren. Nach seiner Pensionierung in Bamberg kehrte er in die Türkei zurück, wo er an der renommierten Bilkent-Universität in Ankara eine Professur für sprachwissenschaftliche Turkologie an der Fakultät für Türkische Literatur übernahm, die er bis 2015 innehatte. Seit 2015 leitete er an der türkischen Wissenschaftsakademie die Kommission, die mit der Herausgabe des von dem verstorbenen österreichischen Turkologen Andreas Tietze begonnenen historischen und etymologischen türkischen Wörterbuchs befasst war. Der Verstorbene war Mitglied der nationalen türkischen Kommission für die UNESCO. Im Jahr 2006 erhielt er für sein wissenschaftliches Lebenswerk den Wissenschaftspreis der türkischen Wissenschaftsakademie aus der Hand des damaligen türkischen Staatspräsidenten Ahmet Sezer.

Semih Tezcans turkologische Arbeiten und linguistische Interessen waren von staunenswerter Vielfalt. Er forschte zu fast allen Turksprachen und lieferte wichtige und international beachtete wissenschaftliche Beiträge zu einem breiten Spektrum der Turkologie. So befasste er sich ebenso mit früh-uigurischen buddhistischen Texten wie mit der Erforschung und Dokumentation des mittlerweile als ausgestorben geltenden Khalaj – einer erst im 20. Jahrhundert entdeckten unbekannten insulären Turksprache in Iran –, mit unterschiedlichen Sprachstufen des Osmanischen ebenso wie mit der Frage von Neologismen im modernen Türkischen. Zusammen mit seiner Frau, der Turkologin Nuran Tezcan, arbeitete er intensiv an der Erschließung des einzigartigen monumentalen Reiseberichts von Evliya Çelebi aus dem 17. Jahrhundert.

Die Turkologie verliert mit ihm einen bedeutenden und sowohl in der Türkei als auch international hoch angesehenen Wissenschaftler. Alle, die ihn kannten, werden ihn als liebenswerten Menschen schmerzlich vermissen.

 

(verfasst von Christoph Herzog)