Am 18., 19. und 20. Juni 2015 führte ArtEast Преступление и наказание (Schuld und Sühne) von Fëdor Mihajlovič Dostoevskij im Theater-Treff des E.T.A.-Hoffmann-Theaters auf.


An einem kalten Sankt Petersburger Novemberabend klingelt Rodion Raskol`nikov an der Wohnungstür der Pfandleiherin Alëna Ivanovna. Sie hat ihn schon mehrfach über den Tisch gezogen, doch der Student, der in zerlumpter Kleidung umherläuft, steckt wieder einmal in Geldnöten und gibt vor, er habe etwas zu verleihen.

Doch in Wirklichkeit ist er aus einem anderen Grund gekommen: Als ihm die alte Wucherin den Rücken zuwendet, zieht Raskol‘nikov plötzlich eine Axt und erschlägt Alëna Ivanovna. Als daraufhin Elizaveta, die geistig minderbegabte Schwester der Pfandleiherin, ins Zimmer tritt, tötet der verarmte Student auch diese auf bestialische Weise.

Raskol‘nikov, ein vergeistigter, in sich gekehrter, zurückgezogen lebender Student, hat den Mord an Alëna Ivanovna von langer Hand geplant. Und er glaubt sich im Recht: Die herzlose alte Wucherin sei eine ¨Laus¨, die niemand brauche, und von deren Tod die Menschheit letztlich profitieren werde. Er selbst dagegen, so glaubt Raskol‘nikov, sei eine Art höhere Existenz, die sich eine solche ¨Übertretung¨ (die wörtliche Bedeutung des russischen Wortes für Verbrechen, ¨prestuplenie¨) zum Nachteil einer vermeintlich minderwertigen ¨Laus¨ erlauben könne.

Doch in der Folge zerbricht der Student seelisch an seiner Bluttat. Er verfällt in einen tagelangen Fieberwahn, zieht sich noch mehr zurück, stößt sogar seine letzten Bezugspersonen, nämlich Mutter Pul`cherija, Schwester Avdotija oder ¨Dunja¨ und seinen treuen Freund Razumichin, vor den Kopf.

Schließlich kommt man dem Mörder auf die Schliche, er wird zu acht Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Doch erst seine geliebte Sonja, die Tochter des bei einem Unfall ums Leben gekommenen Alkoholikers Marmeladov, bringt Raskol`nikov dazu, sich zu seinem Verbrechen zu bekennen und sich seiner Verantwortung für die Tat zu stellen.

Die studentische Theatergruppe ArtEast der Uni Bamberg hat am 18., 19. und 20. Juni 2015 Fëdor Dostoevskijs berühmtes Werk ¨Prestuplenie i Nakazanie¨ (¨Schuld und Sühne¨ oder ¨Verbrechen und Strafe¨, wie es in neueren Übersetzungen heißt) auf die Bühne gebracht. Bei allen drei Vorstellungen war der Treff, der kleinste Saal des Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theaters, bis auf den letzten Platz besetzt.

Mit dieser Inszenierung zeigte das Ensemble von ArtEast, dass es auch ein ernstes Stück mit komplexen Charakteren überzeugend spielen kann. Denn vorher hatte die studentische Gruppe meist eher humorvolle Werke ausgewählt. Zu den hervorstechendsten Merkmalen des Romans ¨Prestuplenie i Nakazanie¨ gehört bekanntlich die gespaltene Persönlichkeit der Hauptfigur Raskol‘nikov, die bereits in dessen Namen steckt.

Und so schlüpften gleich drei Darstellerinnen von ArtEast in die Rolle des Studenten, der zum Mörder wird. Äußerlich zum Verwechseln ähnlich, aber mit sehr unterschiedlichem Temperament bildeten die drei Hauptdarstellerinnen die vielschichtige Persönlichkeit des Rodion Romanovič Raskol‘nikov ab: verschlagen, zynisch, gewissenlos und unfähig zur Empathie, aber auch schwach, verletzlich, hysterisch, wahnhaft.

Dem Applaus nach zu urteilen, scheint den Besuchern der drei Vorstellungen der Ausflug in die Abgründe der Seele eines Mörders gefallen zu haben.

Text: Philipp Demling

Fotos: Carolin Cholotta, Anton Litke

Carolin Cholotta
Carolin Cholotta
Carolin Cholotta