Archangelsk

Nun ist es bald soweit. Ich werde nach Archangelsk fliegen. Doch sie kann es immer noch nicht glauben. „Warum gehst du denn ausgerechnet nach Russland, Bub?“, fragt mich meine Oma, als ich sie an einem sonnigen Septembermorgen besuche.
„Ich studiere Slavistik. Da möchte ich auch ein paar Dinge hautnah in Erfahrung bringen, die ich sonst nur aus Büchern ziehen kann.“
Meine Oma bleibt etwas misstrauisch. Sie macht sich immer große Sorgen um mich – auch wenn ich beispielsweise in den Steigerwald gefahren wäre, hätte sie kein Auge zudrücken können. Und so kündigt sie mir an, dass sie in meiner Abwesenheit täglich eine Kerze anzünden und für mich beten wird, damit mir auch ja nichts zustoße. Sie gibt mir ein Bier in die Hand und fragt mich dann: „In welcher Stadt wirst du überhaupt leben?“
„Archangelsk.“, antworte ich. „Oben, am Weißen Meer.“
Doch das kryptische Wort mit den drei Konsonanten am Ende sagt ihr rein gar nichts und so schaut sie etwas hilflos drein, als sie nach Erklärung fragt. Auch mein Opa ist ziemlich aufgeschmissen. Also erläutere ich, dass die Stadt Archangelsk nach dem Erzengel Michael benannt ist, deren Schutzpatron er ist. Nun kann sie sich endlich zu einem Lächeln überwinden und ist beruhigt. Denn tatsächlich ist meine Oma einer der größten Fans des Erzengel Michaels.
„Na, wenn du in der Erzengelstadt wohnst“, sagt sie glücklich, und überreicht mir den zweiten Bierkrug, „dann kann dir ja gar nichts schlimmes passieren.“
Und in diesem Punkt behielt meine Oma recht.

In München ging es los. Ich begab mich auf dem Luftweg nach Archangelsk, wo mein dreiwöchiger Sprachkurs stattfinden sollte. Das Flugzeug hob ab, und die Siedlungen zu meinen Füßen wurden kleiner. Die gepflegten deutschen Felder gewannen aus der Vogelperspektive einen Anklang an Mikrokosmos und wurden zum Schachbrettmuster. Die Zeit verflog – so wie ich es tat[FS1] . Und als die Felder allmählich von einem wuchernden Wald ersetzt wurden, erkannte ich, dass ich mein Ziel bald erreicht haben musste.
In Sankt-Petersburg angekommen stieg ich um. Dabei behalf ich mich meines sporadischen[FS2]  Russisch, das nur dazu dienen konnte, den Weg zum nächsten Terminal zu erfragen. „Wie komme ich da hin? Wo befindet sich dieses oder jenes?“ Derartige Phrasen waren mir von Nutzen.
Alles erschien mir wie im Traum; fremd und unwirklich. Die Stimmen der Menschen wurden zum blanken Geräusch. Und ich war sehr aufgeregt. Denn noch kannte ich das Land, in das ich flog, lediglich aus den paar Zeilen Dostoevskijs und Puschkins, aus Geschichtsbüchern, oder aus den vielen Gazetten, die einem am Bahnhofbuchhandeln mit reißerischen Überschriften entgegenrufen.
Im nächsten Flugzeug servierte man Piroggen, ein russisches Nationalgericht bei denen man unschlüssig blieb, ob sie nun eine Süßspeise darstellten, oder deftigen Geschmacks waren. Denn für deutsche Verhältnisse war wenig Zucker beigemengt. Ich verspeiste das kleine Küchlein und blickte die restliche Zeit aus dem Fenster. Ein violetter Schein glomm über dem dunkler werdenden Himmel. Und dann sah ich einen Fluss, der in das Weiße Meer mündete. Die nördliche Dwina.

Am Archangelsker Flughafen angekommen, wurde ich von zwei Studentinnen abgeholt und zu meinem zukünftigen Wohnheim eskortiert, welches zugegebenermaßen interessant-minimalistisch ausfiel. Der Putz blätterte von den Wänden und im Treppenhaus roch es merkwürdig nach Schimmel. Doch alles in allem war das Haus ganz angenehm gestaltet. Denn die Zimmer waren sauber und die Betten bequem. Die beiden Studentinnen begleiteten mich an die Rezeption meiner Unterkunft, wo mir der Schlüssel überreicht wurde. Sie halfen mir auch, als ich Übersetzungsschwierigkeiten bei den Formalien hatte. Anschließend plauschten wir noch ein wenig in deutscher und natürlich russischer Sprache. Ich bekam einen Stundenplan ausgehändigt, auf dem das Programm der nächsten drei Wochen verzeichnet stand. Jeder Tag war mit durchschnittlich sechs Stunden Russischunterricht ausgefüllt, in denen einem sowohl komplexes Vokabular und Grammatik beigebracht werden sollten, als auch Kulturgeschichte angeschnitten wurde. Außerdem besuchten wir am Donnerstag das Freiluftmuseum Malyje Korely. Die etwa 100 Gebäude, die an diesem Ort zusammengetragen waren, hatten teilweise ein Alter von 400 Jahren. Sie waren an den ursprünglichen Standorten zerlegt und im Museum wieder neu aufgebaut worden. Es war sehr interessant! Zumal ein Historiker uns alles Wissenswerte über die russische Kultur näherbrachte. Mir erschien das Land und dessen Geschichte irgendwie vertraut zu sein. Die Menschen waren nett und hilfsbereit. Ja, selbst die Gebäude im Freiluftmuseum erinnerten durch die breite Architektur ein bisschen an traditionelle bayrische Landhäuser.
Am Freitag besuchten wir dann mit ein paar russischen Studenten ein Rockkonzert, begaben uns danach in eine private „Garagen-Disco“, wo wir uns des Tanzes und Alkohols hingaben, und ließen den Abend mit einer Diskussion in meinem Schlafzimmer ausklingen. Das Programm war gut durchgeplant.
In den nächsten Tagen übte ich mein Russisch mit der Frau an der Rezeption, die oft die Initiative ergriff und mit mir sprechen wollte. Ich nahm diese Gelegenheit war. Und schon am Ende der ersten Woche hatten sich meine Russischkenntnisse bereits um einiges erweitert.

Es war an einem Tag, als wir gerade von der Universität zurückgekehrt waren, da sagte mein deutscher Zimmerkamerad in einem Gespräch zu mir: „Die Menschen, die hier leben, sind zwar alle supernett, aber sie haben auch einen Riesenknall.“
Ich musste lachen. Und als er mir erklärte, was er damit meinte, gab ich ihm nur recht. Nach den drei Wochen Erfahrung in Russland kann ich diesen Satz auf eine liebevolle Art bestätigen.
Denn die etwas verwirrt anmutende Emotionalität und die große Wissbegierde der Russen kann tatsächlich etwas befremdlich auf einen reservierten Deutschen wirken.
Natürlich haben wir in Russland auch viele Bekanntschaften geschlossen; gingen in Museen, lernten, wie man Bliny (russische Pfannkuchen) macht, oder trafen uns in einer Gastwirtschaft, wobei wir meist Gespräche führten, die uns für die andere Kultur öffneten.
Und selbstverständlich trug auch das gesamte Umfeld seinen Teil dazu bei, den Geist des großen ostslawischen Volkes inhalieren zu können: Hier, wo sich das Lenin-Denkmal direkt neben einer McDonalds-Filiale befindet; wo 19-jährige Studentinnen bereits verheiratet sind und 30-Jährige Familienväter einer kindlichen Verspieltheit frönen, die sich zugleich mit einem soliden Verantwortungsbewusstsein vermengt: Ein Land der Gegensätze und der Kontinuität also.
Und es standen folglich doch noch einige Überraschungen für mich parat, die man auf den ersten Blick nicht erahnen konnte.
An vielen Tagen blies mir bei meinen Wanderungen die kühle Luft des Meeres ins Gesicht. Jawohl! Es war kalt. Archangelsk befindet sich immerhin 225 km südlich des Polarkreises und somit in arktischer Nähe. Und trotzdem war es noch ziemlich angenehm, dafür, dass es bereits September war. Oft schlenderte ich durch die Straßen der Innenstadt, die gesäumt waren von, mit wunderschönen Schnitzereien gezierten Holzhäusern. Auch die verwilderten Friedhöfe und orthodoxen Kirchen sind ein Besuch wert! Ich wanderte oft und gerne. Denn die Wege waren teilweise so uneben, dass man beinahe eine Gehirnerschütterung erlitt, wenn das öffentliche Verkehrsmittel, in dem man sich befand, über ein Schlagloch bretterte. Müll stapelte sich allenthalben in den Gassen. Und vor einer grauen Häuserfassade konnte man mancherorts ein wunderschönes Blumenbeet erblicken, welches sich im Farbkontrast von seiner Umgebung abhob. So vergingen die Tage. Und schließlich musste ich wieder Adieu sagen.

In der letzten Woche blieb nicht mehr viel zu tun. Die Freizeitaktivitäten wurden eingeschränkt. Und so erkundete jeder die Gegend auf eigene Faust. Bedauerlicherweise war ein Ausflug an die See untersagt, da dort, wie man mir verriet, Atom-U-Boote stationiert lagen, und das Gebiet deswegen von Ausländern nicht betreten werden durfte.
Das Ende verlief ruhig und bedächtig. Wir genossen den Unterricht und beschlossen, ein Gedicht zu üben, welches wir für unsere Verabschiedung auswendig lernen und schließlich vor der versammelten Mannschaft vortragen sollten. Wir entschieden uns für Жди меня (Wart´ auf mich) von Konstantin Simonov. Diese Entscheidung war inspiriert von unserer Russischlehrerin, die auch darauf aus war, die Kultur und Geschichte ihrer Nation den ausländischen Studenten näher zu bringen. Sie war es auch, die mich in literarischen Fragen enorm weiterbrachte und mir eine neue Perspektive eröffnete. Ich werde sie nicht vergessen. Vielleicht wartet ja auch sie darauf, dass ich einmal zurückkehre.
So ging ich nach den Unterrichtsstunden ins Wohnheim zurück und lernte dort zuverlässig mein Gedicht. Ich hatte mit der Frau an der Rezeption mittlerweile ein gutes Verhältnis aufgebaut. Diese hatte zwar nie die Schule abgeschlossen, doch sie konnte mir viel über die russische Poesie erklären. Und natürlich half sie mir auch bei meinem Gedicht. Ein seltsamer Umstand, von dem ich in Deutschland nur hätte träumen können!
Auch machte ich Bekanntschaft mit einem alten sowjetischen Soldaten. Zuerst konnte ich nicht verstehen, was er von mir wollte. Sprach er Polnisch, oder Rumänisch, Ungarisch oder Tschechisch? Ich verstand kein Wort. Denn offensichtlich hatte der Alkohol sein Bestes dazu beigetragen, seine Sprache zu verwirren. Doch nach längeren Versuchen verstand ich auch ihn. Ich war froh, dass ich jetzt nicht nur das langsam gesprochene, akademische Russisch der Universität erfassen konnte, sondern auch die Alltagssprache.
Am Mittwoch wurde ich traurig. Ich begriff, dass ich nun in wenigen Stunden wieder von hier verschwunden sein würde.
„Ja. So ist das halt mit den Erfahrungen.“, dachte ich mir. „Man geht weiter in seinem Leben und soll nicht wehmütig zurückblicken. Man kann zwar ein paar Zeilen schreiben und Fotos schießen, die man sich an einem gemütlichen Abend mit seinen Freunden anschaut. Aber man kann die Eindrücke der Gegenwart nicht für die Zukunft konservieren. Und das ist auch gut so! Denn man soll immerhin alles auch verarbeiten können.“
Um 13:30 hatte wir unser Gedicht aufgesagt. Wir verabschiedeten uns und verließen die Schule.
Am Abend traf ich mich mit meiner Tutorin. Sie hatte sich in all der Zeit viel um mich gekümmert und sich heute noch einmal in Schale geworfen. Wir gingen in eine Pizzeria, unterhielten uns sehr intensiv und ich trank mein Bier und aß meine geliebte Quattro Formaggi (Ja, hier gibt es auch ein paar Italiener). Es schmeckte prima. Am nächsten Morgen schon flog ich nach Hause.

Heute ist Donnerstag. Die gleichen zwei Studentinnen, die mich bei meiner Ankunft abgeholt haben, bringen mich nun zum Flughafen. Ich habe in den letzten drei Wochen einiges mit ihnen unternommen: Ich war mit ihnen in der Bibliothek, auf einem Orgelkonzert, und so weiter und so fort. Alles war schön. Alles war fein und gelungen.
„Ihr könnt mich gerne auf meiner Datsche in der Fränkischen Schweiz besuchen kommen.“, sage ich.
Dann verabschieden wir uns, schauen uns gegenseitig in unsere treuen Hundeaugen und geben uns zum Schluss die Flosse.
Ich steige in den Flieger. Auf geht´s. Das Getriebe brummt und die Maschine bohrt sich durch die Wolkendecke. Es gibt keinen Blick zurück. Denn die Stadt verschwindet augenblicklich im dichten Schleier. Sie bleibt nur in meinem Herzen und Gedächtnis beständig.
Ich möchte nicht all zu naiv wirken, wenn ich rückblickend über meine Erfahrung in Russland spreche. Die Reise diente als Bestätigung, ob ich es mir vorstellen könnte, dort für ein Jahr zu studieren. Und ich kann diese Frage nur bejahen.
Sicherlich! Ich hätte dem Leser durch Fakten und profunde Äußerungen meiner Mitreisenden deutlich machen können, was nun gut oder schlecht lief. Aber für mich ging es in erster Linie um das Gefühl.
Nun ist ja alles wieder vorbei. Ich sitze im Flugzeug und schreibe diese Zeilen auf den Block in meiner Hand.
In Moskau steige ich um. Neben mir sitzt jetzt eine dicke Frau, die viel spricht.
Doch ich verstehe kein Wort, was sie da sagt. Also lausche ich mit gespitzten Ohren. Spricht sie etwa Polnisch oder Rumänisch? Ungarisch oder Tschechisch? Ich vermag nicht, aus ihren Worten schlau zu werden. Das R ist gerollt und die Vokale liegen tief, trotz der quäkenden Stimme. Doch plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Was die Frau da vom Stapel lässt, ist tatsächlich Bayerisch.
Wir kommen ins Gespräch. Die dicke Dame ist eine Wolga-Deutsche. Interessant! Sehr interessant!
Doch jetzt brauche ich erst mal meine Ruhe und ich freue mich auf meine Oma; auf ein kühles Bier und Bratkartoffeln mit Spiegelei.

Julian Simon Dicker