Sprachschulen


Auslandssemester

Staatliche Universität Tomsk

Briefe aus Tomsk

Der erste Brief aus Tomsk – Vom sibirischen Wetter

 Maria Luft

Sibirien ist vor allem dafür bekannt… kalt zu sein. Praktisch alle meine Bekannten, Verwandten und Freunde hätten über meine Wahl, nach Tomsk zu gehen nicht erstaunter sein können. Mehr als einer hat mich gefragt, ob es da überhaupt jemals Sommer wird. An diese Begebenheit musste ich mich unwillkürlich erinnern, als ich Mitte August das Flugzeug verließ, und 31 Grad und strahlenden Sonnenschein vorfand. Dieser hielt dann auch bis Mitte September an, was mich vor eine große T-Shirt-Knappheit stellte. Wollpullis hatte ich natürlich genügend mit.

Etwa Mitte September ging dann aber doch der Herbst los, und Mitte Oktober fiel der erste Schnee. Überrascht stellte ich dann aber Mitte Dezember bei minus 23 Grad fest, dass ich immer noch in (mehreren Lagen) Strumpfhosen herumlaufen konnte. Den Mythos von der „trockenen Kälte“ hatte ich auch schon gehört und kann ihn jetzt offiziell bestätigen. Immerhin klingt es auch logisch – keine Nässe, die sich in Kleidung festsetzt bedeutet, dass diese auch zu 100% wärmen kann… unangenehm wird es erst, wenn man sich feuchten Atem ins Gesicht pustet und auf einmal doch die Eisfaust Väterchen Frosts im Gesicht spürt. Ab minus 28/30 Grad kann ich empfehlen, beim Hinausgehen eine Skihose anzuziehen, damit lässt sich auch das gut aushalten, falls man nicht zufällig gerade eine Stunde in der Kälte herumläuft. Bisher war das kälteste, was ich hier erlebt habe, minus 42 Grad – da gefriert einem schon mal gerne das Naseninnere und alle aus der Kleidung hervorlugenden Haare werden weiß vom Raureif. Länger als eine halbe Stunde will man da auch nicht mehr an einem Stück laufen, aber ansonsten geht es.

Nun wird es schon wieder wärmer und fast sommerliche Temperaturen treten auf (- 4 Grad: Himmel!). Es ist interessant zu beobachten, was nun mit dem ganzen Schnee passiert, der inzwischen baggerweise von den Straßenrändern und Gehwegen entfernt wird. Der erste Tag, an dem ich wieder Gras unter meinen Füßen hatte, ist auf jeden Fall mit einem dicken roten X im Kalender markiert. Mittlerweile ist es allerdings lebensgefährlich geworden, unter Dächern entlangzulaufen, von denen sich Schneelawinen oder Schlimmeres auf ahnungslose Fußgänger ergießen können. Mit dem blauen Himmel kommen aber auch die legendären Sonnenuntergänge wieder. Letztens habe ich mich mit einer kasachischen Freundin darüber gestritten, ob diese in Tomsk nun grandioser sind, als überall sonst, oder nicht. Für mich sind sie jedenfalls immer noch magisch.

Sibirische Lektüre :)


Eugen Esch

Ein knappes Jahr voller Emotionen, Eindrücke und wertvoller Erfahrungen im sibirischen Reich bereichert nun meine studentische Biografie. Eine durch diese Zeitspanne bedingte Euphorie, die von jeglichem Pathos meilenweit entfernt ist und auf einer allwöchentlichen Sehnsucht nach „Wiedererleben“ fußt.

Als Kind einer Spätaussiedlerfamilie empfing mich der mitteleuropäische Staat Deutschland zwischen Kindergarten- und Schulzeit aus dem steppenreichen Kasachstan. Obgleich mich wohl typische Integrationsprobleme in dieser Zeit bewegten, entkeimte in mir eine gedankenlose, kindliche Illusion über die Lebensumstände in den postsowjetischen Staaten. Denn dort im asiatischen Zentralgebiet standen Probleme wie Freunde, Sprache und Ähnliches nicht an der Tagesordnung. Damit erkläre ich mir auch mein reges Interesse an der slawischen Sprache, Kultur und jeglicher Verbindungen bis heute, die mich in dieser Zeit prägten und distanzierte Idealisierungen formten. Wie auch? Wenn immense Menschenschlangen vor Lebensmittelläden als Folge der Sowjetunionauflösung erst im reifen Alter reflektiert werden können und erst dann als eine Mühseligkeit zu identifizieren sind. Diese Illusion und zugleich das daraus resultierende Verlangen zu erfahren, wie es tatsächlich im Leben der russischsprachigen Menschen aussieht, waren meine Beweggründe, um mich für ein Auslandsstudium in Tomsk zu entscheiden. Bei der Wahl der Universität entschied ich mich bewusst für unsere universitäre Partnerinstitution: die Staatliche Universität (TGU) in Tomsk. Zum einen gab ich den wiederholten Hinweisen: „Tomsker haben eine speziell-angenehme Art,“ meines Jugendfreundes, der aus dieser Stadt stammt. Zum anderen reizte mich Sibirien auch als geheimnisvoller Fleck auf der Weltkarte voller Mythen, Klischees und Stereotypen. „Wo finde ich wahrhaftig den Zugang zur russischen Seele, wenn nicht in der Provinz dieses Landes, weit weg von den Hauptstädten dieses großflächigen Landes“, fragte ich mich? Tomsk, Sibirien – ein Kindheitstraum wurde wahr!

Angekommen in „Sibiriens Athen“, wie der Fürst Vjazemskij Tomsk wegen seiner Bedeutung für Kultur und Bildung auf der asiatischen Seite Russlands im 19. Jhd. tituliert hat, war ich angetan von der russischen Architektur („Russkoe zodčestvo“) dieser Stadt. Beim Erkunden meiner neuen Heimat verspürte ich regelrecht den Hauch eines russischen Märchens; dafür sorgten diverse Holzarchitekturdenkmäler (ca. 1800 Stück), wobei auch der prächtige Leninplatz und etliche orthodoxe Bauwerke, wie die aus der Barockzeit stammende Bogojavlenski-Kathedrale einen pittoresken Vorgeschmack boten. Nach anfänglichen, womöglich, trotz der Relativierung durch Herzlichkeit und Mühe der Mitarbeiter, nicht immer dem europäischen Standard würdigen Organisationsproblemen meiner Lehranstalt, begann meine Studienzeit an der TGU. Hier in der ersten sibirischen Universitätsstadt, bei einer Einwohnerzahl von ca. 500.000 Menschen, wo jeder fünfte Tomsker ein Student ist, besuchte ich gleichzeitig zwei Fakultäten: die Philologie und Philosophie. Als ich am ersten Tag meiner sibirischen Lehrzeit an der Türe eines Seminarzimmers in der Literatur anklopfte, stand mir eine fast unangenehme, aber im Nachhinein wohltuende Begegnung bevor. Diese Veranstaltung besuchte auch die Tochter eines Nobelpreisträgers für Literatur, die zu dieser Zeit in Tomsk weilte und wie viele weitere Schriftsteller (u. a. Pelevin) nicht den Gang zur TGU scheute. Wir stellten uns gegenseitig vor, wobei ich etwas verlegen ihren Nachnamen Brodskaja registrierte und sie somit als Familienmitglied des russisch-US-amerikanischen Dichters Iosif A. Brodskij identifizierte. Des Weiteren empfand ich es als interessant, weitere Informationen „aus erster Hand“ im Literaturbereich zu bekommen. Auch wenn uns in den Einführungsveranstaltungen der Literaturwissenschaft in Bamberg schon einiges über die sibirische Dorfprosa erzählt worden war, so hatte ich aufschlussreiche Begegnungen mit Lehrkräften an der TGU, die Schriftsteller dieser Literaturströmung wie Rasputin oder Astaf‘ev persönlich kannten und teilweise mit ihnen zusammenarbeiteten. Insgesamt, meine ich, kann die Staatliche Universität in Tomsk jedem Slavistikstudenten aus dem Ausland, unabhängig vom Sprachniveau, die Möglichkeit einer adäquaten Weiterbildung bieten, . In den Sprach- und Literaturkursen für ausländische Studenten der philologischen Fakultät unterrichten meist erfahrene Lektoren. Ihr Erfahrungshorizont in diesem Sektor macht es möglich im Nachhinein einen rasant angewachsenen Entwicklungsstand in den Bereichen Sprache und Allgemeinwissen festzustellen. Abgesehen von den Seminaren speziell für ausländische Studierende, bei denen unbestritten ein zufriedenstellendes Niveau erreicht werden kann, empfehle ich etwas Mut bei der Entscheidung für Veranstaltungen, die für einheimische Studenten gedacht sind, zu beweisen. Die vermuteten Sprachdifferenzen sollten hier nicht als Hindernis gesehen werden, da Erfahrungswerte weiterer deutschstämmiger Studenten zeigen, dass sich alle Kursteilnehmer samt Lehrkräfte unheimlich auf die „Bamberger Zugänge“ freuen. Dabei wird euch von den Teilnehmern jegliche Hilfe angeboten. Dies bestätigt auch mein Werdegang, denn meine Russischkenntnisse, bedingt durch meinen Hintergrund, sind wohl durchaus ausreichend für den Tomsker Alltag, doch in den philosophischen und soziologischen Vorlesungen tat ich mich teilweise schwer. Dabei wurde ich immer von meinen Kommilitonen, die Professorinnen und Professoren und einem mich stets begleitenden Universitätstutor unterstützt. Wobei gesagt werden muss, dass das Interesse an Menschen, die aus dem europäischen Gebiet kommen, allgemein deutlich zu spüren ist. Auch in Zeitungs- oder Fernsehinterviews wurden Studienkollegen mit einer fast mütterlichen Sorge gefragt: „Vam nravitsja v Tomske?“ (Gefällt es Ihnen in Tomsk?). Die Wahl der Nebenfächer bat mir auch die Möglichkeit an soziologischen und philosophischen, russlandweiten Konferenzen teilzunehmen. Diese Besonderheit sehe ich heute noch als eine zentrale Eigentümlichkeit dieses Auslandsjahres. Zu konstatieren wäre nicht nur der professionelle Standard dieser Hochschule, die sich nicht ohne Stolz als eine der 100 besten universitären Einrichtungen weltweit präsentiert, sondern auch vor allem der menschliche Umgang und die Mühe der Beteiligten mir gegenüber sind unbestreitbar Anhaltspunkte, um eine Weiterempfehlung auszusprechen. 

Die Klasse der Universität zeigte sich auch in den Unterkünften. Eine objektiv hohe Einstufung der Wohnmöglichkeiten im „Parus“, einem segelähnlichen Bau, bestätigten die häufigen euphorischen Auslegungen der Tomsker: „Ty v Paruse živesh!“ (Du lebst im Parus!), aber auch der Fakt, dieses privilegierte Quartier nur den Europäern und „otličnikam“ (Einserkandidaten) zur Verfügung zu stellen. Die Freizeitgestaltung in Tomsk bietet ein opulentes Angebot an Aktivitäten um das Studentenwohnheim herum. Beispielsweise wird jedes Jahr gegenüber davon ein natürlicher See zur größten Eisfläche Sibiriens umfunktioniert und stellt afrikanische, asiatische und europäische Studenten beim dilettantischen Schlittschuhlaufen auf die Probe. Seitlich und entlang des Segelhauses eröffnet sich ein charmanter Blick auf den Fluss Tom‘ und kann im Sommer für eine amüsante, musikalische Schiffsfahrt genutzt werden. Das kulturelle Programm während meines Auslandsaufenthalts genoss ich in den Konzerthallen Tomsks. Dabei war eine vielfältiges Angebot vom russischen Chanson bis zur Klassik (u. a. Allegrova, P‘eha, die Gruppe Ljube, Bilan, Gergiev) vorhanden. Zugleich kam auch die slavische Hochkultur nicht zu kurz. Ein Pflichttermin sollte hier das Puppentheater (Theater der lebendigen Puppen „2 plus Ku“) sein. Abgesehen davon bereicherten auch renommierte Größen wie Puschkin („Pikovaja dama“, Pik Dame), Turgenev (Bezdenež’e) oder Bulgakov („Master i Margarita“, Meister und Margarita) meine Ausflüge ins Theater. Doch das prägnanteste Erlebnis war eine moderne Breakdance-Gruppe namens Judi, die ursprünglich von Waisenkindern gegründet wurde und heute weit über die Grenzen Russlands durch ihre Tanzbegabung für Aufsehen sorgt. Die kontroverse Entstehungsgeschichte dieser Jungs aus Tomsk und die restlos ausverkauften Konzerthallen verleiteten auch mich zu einer Judi-Manie.

Die Stadt Tomsk hatte in ihrer Vergangenheit immer einen starken Bezug zum Deutschen. Etwa die Hälfte der Russlanddeutschen leben auch heute noch im Stadtgebiet (ca. 9000). Dadurch sind Deutsche aus der BRD für die Einheimischen unheimlich interessant. Einen Taxifahrer zu treffen, der nicht nach seinem mittlerweile in Wiesbaden oder Rosenheim lebenden Schulbankfreund fragt, entspricht eher der Ausnahme. Daher kann bei Sehnsucht nach der Heimat/Heimweh auch ein Kaffee im Café Klaus oder ein Bier in der Brauerei Krüger getrunken werden, was dort auch in den regelmäßig organisierten Germanistenrunden erfolgen kann. Wobei das Zusammenkommen der Deutschen in Tomsk eher im russisch-deutschen Haus oder der deutsch-evangelischen Kirche stattfindet. Beide Bauwerke gehören zu den architektonischen Highlights dieser Stadt und wurden regelmäßig bei deutschsprachigen Veranstaltungen (Feste, Gottesdienste) von mir besucht.

Das Denkmal der Stadt Tomsk ist eine Statue, die von Einheimischen A. P. Čechov gewidmet wurde. Ein „Anton Pavlovič Čechov in Tomsk mit den Augen eines betrunken in einer Pfütze liegenden Mannes“ als Antwort auf seine kritischen Äußerungen gegenüber dieser Stadt. Auf der Durchreise nach Sachalin hielt sich der Autor im Jahre 1890 eine Woche in Tomsk auf und bis auf die Mittagsessen im Slavjanskij bazar („Obedy horošie“/Mittagsessen sind gut), auf der Tom‘-Promenade gegenüber vom heutigen Čechov-Denkmal, äußerte er sich in seinen Notizen nur missbilligend über die Universitätsstadt. Wer jedoch touristische Vorzeigerestaurants wie den Slavjanskij bazar meidet, lernt das ausgiebige Sortiment der Tomsker Kulinarikwelt erst wirklich kennen. Freilich kann ein Wiener Schnitzel auch im Restaurant München verspeist werden, doch eineAffinität zu deutschem Essen kann einem die Möglichkeit verwehren, z.B. georgische Hinkali oder armenischen Schaschlik zu kosten. Generell solltet ihr nicht immer den Schwärmereien armenischer Taxifahrer mit durchaus auch sympathischer Gestik nachgehen, nur im „Armenischen Haus“ zu dinieren, denn das könnte euch zu Gute kommen.

Meine Reisephilie konnte in Russland teilweise gestillt werden, denn das Studium in Tomsk gab mir die Chance von Burjatien über Sibirien, Kasachstan und Kirgisistan bis nach Zentralrussland zu reisen. An vielen Orten meiner Reise wurde ich durch verschiedene Assoziationen netterweise an die Slavistiklehrstunden in Bamberg zurückerinnert. In Ulan-Ude der Hauptstadt der Region Burjatiens sah ich förmlich die Karte Russlands aus der Sprachwissenschaft-Übung: „Die slawischen Länder und Sprachen im Überblick“ - dort an der mächtigsten Lenin-Büste (42 t) der Welt wurde ich an unsere russlandweite Zuordnung der Föderationssubjekte in Bamberg erinnert. Auf der gegenüberliegenden, sibirischen Seite des Baikalsees war ich beim Besuch der Stadt Krasnojarsk etwas irritiert, als einige Krasnojarsker beim Nachfragen, wo das Museum Surikovs liege, mich verwundert fragten, wer Surikov sei. Wobei ich das Unwissen natürlich nicht tragisch fand, sondern erstaunt darüber war, dass Surikov, den ich als eine Identifikationsfigur dieser Stadt und einen Künstler der Peredvižniki aus der Kunstwissenschaft kannte, im Herzen der Ennisej-Stadt jemandem fremd erscheint. Ebenso war mein Ausflug nach Bischkek und in die ästhetische Gebirgsumgebung dieser zentralasiatischen Metropole informativ. Hier stammt auch der kirgisische Schriftsteller Čingiz Ajmatov her, mit dessen literarischer Schöpfung ich erstmalig in einem Bamberger Literaturseminar in Berührung kam. Mein anschließender Flug in meine langersehnte Geburtsstadt an der euroasiatischen Grenze wurde von der Lektüre der herzbewegenden, international angesehenen Liebeserzählung Ajtmatovs „Džamilja“ begleitet und erleichterte das emotionale Wiedersehen. Ich blieb einige Tage, bevor es wieder in fränkische Gefilde zurückging und stellte dabei fest: „Nichts war dort wie zuvor. Vielleicht hätte ich die kindliche Illusion noch weiter aufschieben sollen…“.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Studienzeit in Tomsk meine Wünsche und Vorstellungen positiv bestätigten und ich es allen Slavistikkollegen weiterempfehlen möchte. Hiervon sollte euch auch die Durchschnittstemperatur von 0°C im Jahr nicht abhalten….

Erfahrungsbericht Tomsk (2016)

Rainer Baumann

"Wer wirklich Russisch (sprechen) lernen will, sollte nicht in die beiden großen Metropolen Moskau oder St. Petersburg gehen, sondern am besten in die tiefe russische Provinz, wo kaum jemand Englisch oder andere Fremdsprachen kann, und man somit gezwungen ist, sich das Russische anzueignen..."

–So oder so ähnlich hat man es mir im Vorfeld meines Auslandsstudiums in Russland empfohlen.

Unter all den Partneruniversitäten der Bamberger Universität aus dem russischen Sprachraum entsprach, was die Lokalität betrifft, die Tomsker Staatliche Universität dem oben genannten Anforderungsprofil perfekt. Tomsk liegt nämlich wirklich tief in der russischen Provinz, genauer gesagt in... Sibirien! Hört sich kalt an? Stimmt! (Jahresdurchschnittstemperatur -1,3).

Als es dann klar war, dass es tatsächlich bald losgehen sollte, fielen die Reaktionen von Freunden und Bekannten auch dementsprechend aus:

Nach Russland? Nach Sibirien? Im Winter? (Ja genau, es sollte ja im sog. WINTERsemester losgehen) Hast du nicht Angst, dass du erfrierst? Ist es dort nicht gefährlich?

Ehrlich gesagt, fand ich all diese Kommentare eher herausfordernd als abschreckend. Als dann aber auch Bekannte, die selbst einen Hintergrund aus Russland haben, ähnlich reagierten, hätte man es sich vielleicht doch nochmal anders überlegen sollen... Es war dann aber auch schon zu spät, um doch noch einen Rückzieher zu machen. Das Studentenvisum klebte dann irgendwann im Pass, der Flug war gebucht und los ging‘s nach Tomsk, Sibirien...

 

Die Stadt Tomsk liegt umgeben von Wald und Feldern am Fluss Tom in der Tomsker Oblast. Die Tomsker Oblast befindet sich in der Westsibirischen Tiefebene und hat bei einer Einwohnerzahl von ca. 1 Mio. eine Fläche, die in etwa der der Bundesrepublik Deutschland entspricht. Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt in Tomsk.

Direkt neben Tomsk gibt es noch eine sog. geschlossene Stadt, die Sewersk heißt (Chemieindustrie, das Militär und eine kerntechnische Anlage). Dorthin kommt man allerdings als ausländischer Staatsbürger nicht. Interessiert hätte es mich schon. Die Tomsker selbst sagen, dort würde die gesellschaftliche Ordnung der Sowjetunion noch existieren.

Von Tomsk bis nach Moskau sind es 3500 km, bis nach Novosibirsk, einer der größten Städte Russlands ca. 4h mit dem Bus. "Novosibirsk ist eine graue Stadt!" Diesen Ausspruch habe ich mehrmals in Tomsk zu hören bekommen. Nicht ohne Grund: Im Gegensatz zum optisch sehr sowjetisch erscheinenden Novosibirsk hat Tomsk ein zum Teil noch durch die Zarenzeit geprägtes Stadtbild mit vielen Prachtbauten und sehr vielen schönen alten Holzhäusern. Viele der Häuser sind mit sehr aufwändigen kunstvollen Schnitzereien verziert. Wenn ich zurück an Tomsk denke, dann sind es eigentlich immer diese Häuser, die vor meinem inneren Auge auftauchen.

 

Am Anfang bleibt natürlich ein kleiner Kulturschock nicht aus. Man befindet sich ja schon ein kleines Stück weit weg von Deutschland. Geographisch gesehen sogar in Asien. Ich habe dann auch eine ganze Zeit gebraucht um mich an Sibirien und Tomsk zu gewöhnen. Irgendwann kommt man aber doch in seinem eigenen sibirischen Alltag an, um zu reflektieren:  Stimmen, die Bilder die man selbst oder andere von Sibirien im Kopf hatten, mit der Wirklichkeit überein?

 

Nein. Gefährlich war es nie. Wenn ich die Zeit in Tomsk Revue passieren lasse, dann fällt mir eigentlich keine einzige gefährliche Situation ein. Man sieht natürlich ein paar Gestalten auf den Straßen, um die man lieber einen Bogen macht, und es gibt selbstverständlich Stadtteile, in die man nicht unbedingt nachts gehen sollte, aber all dies gibt es hier in Deutschland/Europa genau so. Ich würde sogar die Wahrscheinlichkeit, z.B. ausgeraubt zu werden, in einer von vielen Touristen besuchten europäischen Stadt auf einiges höher einschätzen.

 

Ja, Tomsk gilt tatsächlich als tiefe russische Provinz (eigentlich gilt alles außer Moskau und St. Petersburg als Provinz), was aber nicht heißt, dass Tomsk irgendein Dorf im Wald ist. Tomsk ist eine Großstadt mit über einer halber Million Einwohner, also etwas größer als Nürnberg.

 

Ja. Es ist kalt. Teilweise um die -30 Grad . Es kann sogar noch kälter werden. Das heißt aber nicht, dass es durchgehend diese Werte hat. Ich fand, dass man mit dem Klima schon zurechtkommen kann. Man braucht die richtige Kleidung, d.h. gute Winterschuhe, eine warme Jacke und Thermounterwäsche, dann kann man auch bei über -20 Grad gut auf einen Spaziergang gehen, ohne zu erfrieren. Und überhaupt: Laut den Erzählungen der Einheimischen ist auch der sibirische Winter nicht mehr das, was er mal war. Im Sommer ist es dann dafür mitunter auch wärmer als in Deutschland.

 

Ja. Es ist tatsächlich so, dass man im Alltag mit Englisch nicht allzu weit kommt, und dadurch ist man wirklich gezwungen, Russisch zu sprechen. Aber es gibt durchaus, vor allem unter der jüngeren Generation, viele die Fremdsprachen lernen und sprechen. Beliebt sind vor allem Englisch und... Deutsch! Somit hat man auch keine Probleme mit anderen Studenten in Kontakt zu kommen, denn es gibt sehr viele die jemanden suchen mit dem sie sich etwas auf Deutsch, oder auch Englisch unterhalten können. Dies findet auch in organisierter Form statt. Einmal wöchentlich gibt es einen gut besuchten Deutschstammtisch.

Letztendlich ist es so, dass man doch nicht nur mit Russen in Kontakt kommt. Tomsk ist eine internationale Studentenstadt, in der junge Menschen aus aller Herren Länder studieren und leben. Nicht jeder der dort studiert, kann Russisch, oder lernt dies. Man kommt dann also doch auch etwas zum Englisch sprechen.

 

Mein Tomsk:

Es gibt in Tomsk mehrere international renommierte Universitäten, die das Leben in der Stadt prägen. Tomsk wird auch das sibirische Athen genannt. Die Stadt hat ein vielfältiges Kulturleben mit Theater, Konzerthaus und vielen weiteren wechselnden Veranstaltungen. Ob Hochkultur, oder russische Populärmusik, es ist für jeden etwas geboten. Viele bekannte russische Künstler haben Tomsk fest in ihrem jährlichen Tourplan. In besonderer Erinnerung bleibt mir ein Konzert der angeblichen Lieblingsband des russischen Präsidenten, Ljube, das im Konzerthaus stattfand. Irgendwie scheint immer etwas los zu sein. Mir kam es manchmal so vor, als ob jedes Wochenende eine Veranstaltung wäre, wie z.B. ein Markt, oder ein öffentliches Konzert. Neben der (Hoch-)Kultur muss man auf jeden Fall noch den lokalen Fußballclub FC Tom Tomsk erwähnen. Seine Spiele finden im zentral gelegenen Stadion „Trud“ statt.  (20 min Fußweg vom Wohnheim entfernt). Mittlerweile spielt er wieder in der 1. Liga. Ich habe ihn nur in der 2. Liga erlebt. Der Club spielt nicht auf dem Niveau der deutschen Bundesliga, aber alleine wegen der speziellen Stimmung im Stadion lohnt sich der Besuch eines Spiels. Man kann getrost sagen, dass Tomsk ein sehr lebendiger Ort ist, an dem man seine Zeit auf vielfältige Art und Weise verbringen kann. Ich hatte nicht gedacht, dass in Sibirien so viel geboten ist.

Die Universität und das naheliegende Wohnheim liegen sehr zentrumsnah, aber durch die Nähe zum Fluss doch auch irgendwie am Stadtrand. Das Wohnheim ist ein ziemlich hoher, bombastischer Neubau, der wohl dem besten Standard entspricht, den man in Russland bekommen kann. Die Zimmer sind einfach, sauber, nett und hell eingerichtet.

Um das Wohnheim herum befinden sich vor allem einfache, ältere und niedrige Häuser. Zum Fluss Tom sind es nur ca. 250 m. Ich hatte sogar von meinem Zimmer aus eine sehr schöne Aussicht auf den Fluss. Wenn ich aus dem Fenster schaute, hatte ich aufgrund der niedrigen Holzgebäude und dem Fluss dahinter oft das Gefühl mich in einem Dorf zu befinden (also doch ein Dorf). Der Tom ist ein relativ großer Strom, der dann nördlich von Tomsk in den Ob mündet. Besonders beeindruckend fand ich es zu verfolgen, wie der große Fluss langsam zufriert, dann wirklich monatelang zugefroren ist, und wie dann im Frühjahr das Eis gesprengt!!! wird, um dann in dicken Schollen stundenlang flussabwärts zu treiben, um dann wieder zu dem glänzenden strömenden Fluss zu werden, von dem man schon fast vergessen hatte, dass er unter dem Eis existiert.

 

 

 

Das Wohnheim, das wegen seiner Form, die an ein Segel angelehnt ist, auch genau so genannt wird (russ. "Parus") ist so neu, dass während meiner Zeit dort der Innenausbau einiger Etagen noch nicht einmal abgeschlossen war. Arbeiter und Arbeitslärm gehörten also mit zum Wohnheimalltag. Mittlerweile sollten die Arbeiten aber abgeschlossen sein. Es handelt sich dabei um ein sehr weiträumiges modernes Gebäude, das eine kleine Welt für sich darstellt. Dort gibt es eine Mensa, ein Café, einen Waschraum und auf jeder Etage einen Aufenthaltsraum. Das Wohnheim wird rund um die Uhr bewacht und die Gemeinschaftsräume werden regelmäßig gereinigt. In regelmäßigem Abstand finden kleine Veranstaltungen für Studenten statt. Es gab zum Beispiel den "Russian Speaking Club", der einmal pro Woche stattfand. Es war eine nette Möglichkeit neben der Universität seine Russischkenntnisse zu verbessern und auch andere Studenten kennenzulernen – russische und aus aller Herren Länder. Das Parus ist nicht das einzige Wohnheim in Tomsk, aber die Mehrzahl der ausländischen Studenten ist dort untergebracht. So war ich z.B. auf einer Etage zusammen mit hauptsächlich ausländischen Studenten untergebracht. Man wohnt in Zimmern zu zweit oder zu dritt und teilt sich mit anderen Zimmergemeinschaften Küche und Aufenthaltsraum.

Ich fand es sehr interessant, mit jungen Menschen aus anderen Ländern in Kontakt zu kommen und somit nicht nur die russische Kultur kennenzulernen, sondern zusätzlich noch andere Kulturen. Die Mischung war wirklich sehr bunt: Vertreten waren neben mir noch einige andere Deutsche, außerdem Tschechen, Italiener, Holländer, Inder, Mongolen, Chinesen und Laoten, um nur einige zu nennen. Eine Besonderheit stellen die vielen Chinesen dar, die nicht nur in Tomsk, sondern in ganz Sibirien in großer Zahl präsent sind.

Die Kontaktsprache unter den ausländischen Studenten war hauptsächlich das Russische. Englisch wurde, soweit es möglich war, vermieden, aber es gab auch, wie erwähnt, einige Studenten, die kein Russisch konnten. Viele der russischen Muttersprachler, die dort wohnten. waren interessanterweise auch aus dem Ausland – Kasachstan liegt sehr nahe und manchmal hat man das Gefühl, als ob das halbe Land in Tomsk studiere. Der größte Teil der Studenten kommt aus Sibirien und den zentralasiatischen Republiken der ehemaligen Sowjetunion.

In Tomsk wird eine große Vielfalt  an Studiengängen angeboten. Ich selbst hatte natürlich hauptsächlich Einblick in die Kurse der Philologischen Universität, von denen ich einige besucht hatte. Das Niveau der dortigen Kurse, die sich mit der russischen Sprache, Literatur und Kultur beschäftigen, ist sehr hoch. Das macht auch irgendwie Sinn, befinden wir uns doch in Russland. Ich muss natürlich anmerken, dass es mir vor allem zu Beginn meiner Zeit in Tomsk aufgrund des sprachlichen Niveaus etwas schwerfiel, den Kursen zu folgen. Aber es gab auch Kurse speziell für ausländische Studenten, die gerade dabei sind die Sprache zu lernen. Sie teilten sich in einen Kurs zur Grammatik und einen etwas freieren Kurs auf. Ich würde es Landeskunde kombiniert mit Kommunikation nennen. Der Unterricht erfolgte ausschließlich auf Russisch, so dass die Erläuterung grammatischer Themen sich teilweise schwierig gestaltete. Das Hauptaugenmerk lag aber auf dem freieren Kurs. Unsere Dozentin beschäftigt sich nicht nur mit dem Unterrichten von Nichtmuttersprachlern, sondern ist auch noch eine für ihre Arbeit ausgezeichnete Dialektologin. Ihr Fundus an Wissen über die russische Sprache, Kultur, Geschichte und Literatur schien unerschöpflich zu sein. Der Fokus lag natürlich auf Tomsk und Sibirien. Ihren Kurs zu besuchen fühlte sich jedes Mal so an, als ob man einen interessanten Dokumentarfilm ansähe. Sie pflegte immer zu sagen: "Kinder, ich lerne genau so viel von euch wie ihr von mir!" So war es dann auch: Oft wurden unsere verschiedenen Herkunftsländer und ihre Kultur in den Unterricht miteinbezogen, was sich manchmal auch sehr lustig gestaltete. Überhaupt mussten wir trotz der schwierigen Sprache oft sehr viel lachen und hatten sehr viel Spaß beim gemeinsamen Verbessern unserer Kenntnisse. Für meine sprachliche Entwicklung war der gesamte Aufenthalt in Sibirien natürlich wirklich sehr ergiebig. Wenn ich mein jetziges Russisch mit dem "vor Tomsk" vergleiche, sind das wohl Welten. Wobei ich finde, dass der Lernerfolg sich nicht nur aus dem offiziellen Unterricht ergibt, sondern zu großen Teilen auch aus der Teilnahme am russischen Alltag.

 

Noch ein wenig zu meinen persönliche Erlebnissen und Highlights:

 

Der Ausflug zu einem internationalen Holzschnitzerfestival in einem Dorf in der Nähe von Tomsk:

Dort war einfach die Hölle los: es gab Schießstände, Tanzgruppen, gefühlte 100 Schaschlikstände und noch vieles mehr. Die gebotene Schnitzkunst, die quasi live unter Zuhilfenahme von Motorsäge und Beil geboten wurde, war schwer beeindruckend. Sogar ein Team aus Deutschland war mit dabei.

 

Der Besuch des Tomsker Puppentheaters:

So wie ich es verstehe, wird das Theater im Prinzip von einem älteren Herrn, der dort alles selbst entworfen und geschaffen hat, alleine betrieben. Was er mit eigentlich sehr einfachen Mitteln mit seinen Händen macht ist einfach unglaublich – sehr ungewöhnlich und irgendwie einzigartig.

 

Die Feierlichkeiten zu Neujahr und Weihnachten auf den Plätzen und Straßen der Stadt:

Die Stimmung in der winterlichen Stadt an sich ist schon ein Erlebnis. Wenn dann aber zu Neujahr hin an verschiedenen Orten große Eisskulpturen mit Motiven aus russischen Märchen aufgestellt werden, und diese dann auch noch nachts beleuchtet werden, dann hat man fast das Gefühl, sich in einer anderen Zeit oder Welt zu befinden. Weit, weit weg. (Was ja auch zutrifft...)

 

Schlittschuhfahren bei -25 Grad:

Direkt vor dem Wohnheim liegt ein kleiner Teich, auf dem im Winter eine Fläche zum Eislaufen angelegt wird. Bei Flutlicht und russischer Popmusik konnte man dort seine Runden drehen. Schlittschuhe konnte man zwar billig ausleihen, ich habe mir aber sogar selbst welche gekauft, weil es mir so gut gefallen hat, dort meine Runden zu drehen. Seitdem weiß ich: Auch bei -25 Grad kann man noch ins Schwitzen kommen.

 

Die russische und zentralasiatische Küche:

In den Mensen der Universität sowie in verschiedenen Imbissen und Cafes über die Stadt verteilt kann man sich einmal quer durch die russische und zentralasiatische Küche essen. Im Vergleich zu deutschen Verhältnissen bekommt man für wenig Geld man eine wärmende Suppe als Vorspeise, ein Hauptgericht und einen der unzähligen russischen Salate dazu. Auf keinen Fall darf natürlich eine Tasse Tee dazu fehlen. Alles wahnsinnig lecker, gehaltvoll und nichts für Vegetarier.

 

Zwei Fahrten zum Baikalsee:

Der Baikal ist der älteste, tiefste See der Erde und stellt den größten Süßwasserspeicher weltweit dar. Das sind nur einige der Superlativen, die ihm zu Eigen sind. Wenn man an seinem Ufer steht, hat man das Gefühl am Meer zu sein. Es geht eine besondere Stimmung von ihm aus, als ob er all diese Superlative auch ausstrahlen würde. Ich bin zweimal an den Baikalsee gefahren. Einmal im Sommer, und einmal im Winter. Es war beide Male wahnsinnig beeindruckend. Am eindrücklichsten blieb mir aber die Fahrt im Winter in Erinnerung. Der See friert im späten Winter komplett zu. Für ein paar Nächte war ich auf einer Insel untergebracht. Im Sommer gelangt man mit einer Fähre dorthin – im Winter fährt man mit Minibussen mehrere Kilometer über das zugefrorene Eis!!! Das Eis, wenn nicht von Schnee bedeckt, hat eine tiefblaue Färbung und ist durchzogen von weißen Linien. Wenn man hineinblickt hat man das Gefühl in einen nächtlichen Sternenhimmel zu schauen. An manchen Stellen ist es spiegelglatt, an anderen zu teils bizarren Formationen erstarrt. Ich hatte meine Schlittschuhe mit dabei.  Zusammen mit ein paar Einheimischen habe ich dann auf Schlittschuhen von der Insel aus einen mehrere Kilometer langen Ausflug auf dem See gemacht. Der Wind war so stark, dass man seine Beine gar nicht bewegen musste, um vorwärts zu kommen. Natürlich nur auf dem Hinweg...

Dies war für mich vielleicht sogar das absolute Highlight meines gesamten Aufenthalts in Sibirien: Bei strahlend blauem Himmel mit den Schlittschuhen auf dem menschenleeren zugefrorenen Baikal. Superlativ!