Konzept

Neugier auf die Welterschaffung und Poiesis in Dichtung und Kunst in den slavischen Kulturen begründet diese Reihe. Und die Freude an der Erkenntnis der Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Künsten und Wissenschaften. Außerdem auch der Wunsch, im Ausgang von einzelnen Dichtern und Künstlern und ihren »Schöpfungstheorien« frische Blicke auf die Vielfältigkeit der slavischen Welt richten zu können.

Die Blicke können freier wandern und mehr sehen, wenn sie nicht zu stark von Epochen und einer europäischen Perspektive diszipliniert werden. Denn dann könnten sich auch Spuren zeigen, die vorher nicht oder nur verschwommen gesehen wurden, Spuren der Renaissance, des Orients u. a.

In der slavischen Welt, besonders in Russland, zeigt sich ein besonderes Verhältnis zwischen Realität und Ideal und zwischen Gegensätzlichkeiten. Das Bild in Sprache und Kunst und die Wechselbeziehung zwischen Wort und Bild gewinnen dadurch an Intensität. Deshalb sind Verflechtungen der Poiesis in Dichtung und Kunst mit der kulturellen Weltsicht und Weltgestaltung in den slavischen Kulturen so spannend.

Dichtung und Kunst sind daher dynamische Orte, an denen viel passiert. Denn dort ereignet sich der Marktplatz der Tauschgeschäfte. Von dort aus öffnet sich auch der Zugang zu noch nicht betretenen Räumen, zum Anderen und bisher noch nicht Gesehenen, zum Raum der Präsenz der Alterität.  In der Poiesis bilden sich die Grundlagen und Strategien des kreativen Handelns, der Erschaffung von Welten und der kulturellen Sinnstiftung ab.

In Russland gab es viele Jahrhunderte lang eine Theologie fast ausschließlich in Bildern, den Ikonen. Vergleichbar mit dieser Verschiebung des Diskursiven in Bildräume bot die Literatur ein Medium, einen Raum für Denken, Visionen, neue Blicke und Schöpfungen noch nicht dagewesener Welten. Auch deshalb, weil andere Foren und Orte fehlten.

Die formulierten oder nur immanent präsenten theoretischen und religiös-philosophischen Grundlagen der Poiesis einzelner Dichter und Künstler und ihres Mythos versprechen einen Schlüssel für den Verlauf der Kulturgeschichte. 

Denn die Erscheinung der auf diesen Grundlagen errichteten Welten gibt Auskunft über die Selbstermächtigung und die Schöpfer- und Schöpfungsmythen der handelnden Dichter und Künstler. Im hervorgebrachten Phänomen, also in der Schöpfung, werden der Bauplan und die Schöpfungsabsicht greifbar.

Innerhalb der kulturellen Spannungen, die das Streben nach dem konkreten Ideal in den slavischen Kulturen erzeugte, gewinnt die Poiesis in Literatur und Kunst eine prägende Dynamik: als Wiederholung und analogisches Handeln zum Schöpfer im Schöpfungsbericht, als Rebellion und Schöpfung ohne Gott und als Neuschöpfung und Poiesis der Alterität sowie als Raum der Präsenz des Anderen.

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