Eugen Maul, M.A.

Am 08.07.1973 in Astana/Republik Kasachstan geboren. Nach Abitur Studium des Vermessungswesens in Moskau und Astana. 1996–2004 Studium von Slavistik/Slavistik/Nordistik an der FAU Erlangen.

Thema der Magisterarbeit: Postmoderne Tendenzen in der russischen Lyrik.

Zur Poetik der konkreten Poesie und des Moskauer Konzeptualismus

Seit SS 2005 Lektor für Literaturwissenschaft am Institut für Slavistik an der FAU Erlangen. SS 2005 – Übung Russische Literatur der Gegenwart. WS 2005-2006 PS Einführung in die Literaturwissenschaft für Slavisten

Seit 2005 Doktorand an der FAU Erlangen. Thema der Dissertation:

Der ritualisierende Soz-Art-Text im Frühwerk Vladimir Sorokins.

Betreuerin: Prof. Dr. Elisabeth von Erdmann.

Forschungsschwerpunkte: Poetik der russischen Avantgarde (OBĖRIU) bzw. der Neoavantgarde (LIANOZOVO-Gruppe, Oleg Grigor’ev), die sog. Drugaja proza (Mihail Kozyrev, Boris Pil’njak), russische und serbische Postmoderne (v. a. Viktor Pelevin, Milorad Pavić, Goran Petrović).

Außerdem literarische Tätigkeit, Mitglied des LiteraturKreises der Deutschen aus Russland. Publikationen auf deutsch und russisch in Anthologien, Sammelbänden und Literaturzeitschriften, u. a. in: @cetera (№15, 2004), Literaturnyj evropeec (№№ 40, 43, 53, 59, 64), Mosty (№ 7), Dal’nij Vostok (№№ 6, 2003; 6, 2004), Niva (№ 3, 2003), Ural’skaja nov’ (№ 18), Apollinarij (№ 2, 2005)

Dissertation

Poetik des ritualisierenden Soz-Art-Textes im Frühwerk Vladimir Sorokins

 

Meine Doktorarbeit befasst sich mit dem Frühwerk Vladimir Sorokins, eines bis dahin als Vertreter der Schule des Moskauer Konzeptualismus geltenden und der wohl bekanntesten zeitgenössischen russischen Literaten im Westen.

Der Moskauer Konzeptualismus, der seine Blüte in den siebziger und achtziger Jahren  erreichte, entstand in der nonkonformistischen Undergroundkunstszene als Reflexion über die offizielle sowjetische Kultur und den Sozialistischen Realismus als deren ästhetische Plattform – deshalb oft als Soz-Art bezeichnet. Die gesamte Sowjetkultur wurde demzufolge  als ein in sich geschlossenes semiotisches System, dessen Zeichen nur auf sich selbst und nicht auf die Objekte der außersprachlichen Welt verweisen, begriffen und so auch dem Rezipienten präsentiert. Auf diese Weise nimmt ein konzeptualistisch konzipiertes Werk die Position eines kritischen Kommentars, eines postmodernistischen Metatextes ein, der die  herrschenden Diskurse auf eine subversiv affirmative Art unterwandert sowie die Problematik der Autorschaft und des autonomen Schreibprozesses in der totalitären Gesellschaft sowie der modernen Kultur allgemein thematisiert.

Der Schriftsteller Vladimir Sorokin, dessen Werk als Schock und Tabubruch par excellense gilt, offenbarte schon seit der Veröffentlichung der ersten Texte in den achtziger Jahren im Westen sein reges Interesse für Gewalt, Pornographie, Koprophagie, Defäkation, Erniedrigung und Demütigung des Menschen sowie andere explizite Körperlichkeitsausprägungen. Die Erzählstruktur seiner tautologischen Texte, die anfangs lediglich die Kopie eines bestimmten literarischen Diskurses – des Sozialistischen Realismus, der russischen Klassik, der Kriminalliteratur, der Dorf- oder Dissidentenprosa – darzustellen scheinen, erlangt früher oder später exzessive Züge, wobei die Handlung entgleist und eine harmlose Szene in einen obszönen Akt oder eine extreme Gewalttat mündet bzw. der Textinhalt ad absurdum getrieben wird. Die Intention des Autors erschöpft sich dabei jedoch nicht in der Vorführung von Absurdität und Tautologie des jeweiligen Diskurses, sondern liegt viel tiefer, nämlich in dem Sichtbarmachen dessen mythologisch-rituelle Grundlagen.

Wie auch andere Konzeptualisten richtete Sorokin in den achtziger Jahren sein Augenmerk in erster Linie auf die omnipotente sowjetische Kultur, deren Geschichte seit der Entstehung eine mythisch-kultische Beschaffenheit aufwies und der eine sakral determinierte Symbolik und zahlreiche Rituale wie Paraden, Demonstrationen, Parteitage, Sitzungen der Arbeiterkollektive, Gelübde, Schlangestehen, Subbotniks etc. innewohnten. Hinzu kam noch die performative, kultisch-magische Macht des Wortes im Sozialistischen Realismus sowie in der politisch-ideologischen oder wissenschaftlichen Sprache der Sowjetunion. In dem Aufspüren und der Freilegung solcher rituellen Energien besteht das Hauptziel der frühen Werke Sorokins. Dies geschieht zumal mittels der Extremisierung des Physiologischen oder einer enormen Physiologisierung des Verbalen zumal durch die linguistischen Exzesse bzw. Abnormitäten, wie den Gebrauch der tabuisierten obszönen Mat-Sprache, das glossolalieartige Reden, die Zerstörung der Referentialität oder die Verwandlung der Sprache in einen Schrei. Und somit kommt bei diesem Verfahren eine Ritualisierung bzw. Metaritualisierung des sowjetischen Diskurses zu Stande, indem sich eine Entladung der aufgestauten rituellen Energien vollzieht. Das Ergebnis lässt sich sehr wohl mit der psycho-physischen Katharsis, die beim Vollzug eines Rituals in der primitiven Kultur erlangt wird, vergleichen und somit können solche Texte u. a. als medial gesehen werden.

Mit dieser frühen Phase in Sorokins Schaffen (v. a. den Erzählungen aus dem Band Der erste Subbotnik, den Romanen Die Schlange und Norma), die sich im Allgemeinen als Soz-Art definieren lässt, beschäftigt sich meine Dissertation. Ihre Zielsetzung ist sowohl eine systematische Darstellung der Soz-Art-Poetik Vladimir Sorokins als auch eine interdisziplinäre Studie zur Erforschung der Beziehung zwischen Literatur und Ritual.