Prag gestern und heute: Ein architektur- und kulturhistorischer Parcours durch zehn Jahrhunderte

Im Rahmen des Seminars von Frau Dr. Güllendi-Cimprichová „Prag gestern und heute: Ein architektur- und kulturhistorischer Parcours durch zehn Jahrhunderte“ bereitete die Slavische Kunst- und Kulturgeschichte eine Exkursion in die goldene Stadt Prag vor, um das Mit- und Nebeneinander unterschiedlicher Baustile aus verschiedenen Epochen vor Ort zu erleben und deren Wirkungsgeschichte nachzuvollziehen.

Frisch und munter, gestärkt mit Bamberger Bahnhofskaffee, Brötchen, Brezeln und Buletten, machten wir uns am 26.06. um 7 Uhr morgens auf die Reise. Die Gruppe – neun Studierende und zwei Dozentinnen, Frau Prof. Dr. Raev und Frau Dr. Güllendi-Cimprichová – hatte nur eine kurze Fahrt vor sich: Zunächst nach Nürnberg mit der Bahn und von dort aus im komfortablen IC Bus in die tschechische Hauptstadt. Nach der Ankunft in unserer gemütlichen Pension in der Nähe der Metrostation Jiřiho z Podĕbrad im Viertel Žižkov machten wir uns auf eine erste Erkundungstour. Ein neues Mitglied der Gruppe, Bernd, hatte schon im Vorfeld Metrotickets gekauft und Stadtpläne besorgt. Er erwies sich als Lokalexperte der tschechischen Hauptstadt, gab uns Tipps zu netten Cafés und tollen Restaurants mit tschechischer Hausmannskost. Bernd und Katharina, eine fachfremde Kommilitonin, belebten jedenfalls die Gruppendynamik.

Zum Auftakt unserer Erkundungstour stießen wir auf ein beeindruckendes und seltsam monumental anmutendes Werk des Architekten Jože Plečnik: die Herz-Jesu-Kirche. Sie blieb uns nicht nur durch ihren wuchtigen Charakter in einer Mischung aus Tempelbau, Basilika und dem darauf thronenden Turm mit der riesigen Uhr in Erinnerung. Wir lauschten dem leidenschaftlichen Vortrag von Frau Dr. Güllendi-Cimprichová über Jože Plečnik, den slowenischen Architekten der Kirche, den sie in ihrer Dissertationsschrift behandelt hatte.

Bald erblickten wir ein weiteres Bauwerk, das gleichzeitig in Staunen versetzt und ratlos macht. Der futuristisch und wie eine Rakete anmutende Fernsehturm ragt unübersehbar zwischen den historischen Gebäuden hervor. Verblüfft waren wir auch von der Verewigung des „Enfants terrible“ der tschechischen Kunst, des Bildhauers David Černý. Krabbelnde Babys erklimmen die drei Masten des Turms und klettern kopfüberhängend an der Aussichtsplattform entlang. Die Gesichter der Kleinkinder sind seltsam eingedrückt. Wir fragten uns, ob die „Miminkas“ die Hässlichkeit des Bauwerkes steigern oder es verschönern sollen.

Weiter ging es bergauf auf den Vítkov zum Nationaldenkmal mit dem Reiterdenkmal des hussitischen Heerführers Jan Žižka, Wortführer der Hussiten nach dem Tod von Jan Hus. Er war der Initiator der ersten Prager Defenestration und ein strategischer Feldherr. Die Gedenkstätte – ursprünglich zu Ehren der tschechoslowakischen Legionäre errichtet, später von den Kommunisten für verstorbene Mitglieder der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei umfunktioniert – beherbergt heute eine Aussichtsplattform mit Café, ein Museum und ein Mausoleum. Die im Keller nachgestellte Grabstätte erzählt die Geschichte der fehlgeschlagenen Einbalsamierung des ersten kommunistischen Staatspräsidenten, Klement Gottwald, und die tragische Geschichte seiner Opfer, was uns zu intensiven Diskussionen anregte.

Am zweiten Tag standen typische Touristenstationen auf dem Programm. An der Karlsbrücke hörten wir einen Kurzvortrag über die architektonischen Besonderheiten der ehemals gotischen, barock überformten Kreuzherrenkirche und der gegenüberliegenden Jesuitenkirche St. Salvator. Im nahe gelegenen Clementinum erwartete uns eine Führung durch das ehemalige Jesuitenkolleg. Als besonders beeindruckend stellte sich die Bibliothek des Kollegs heraus. Vom vormaligen Observatorium aus genossen wir eine atemberaubende Aussicht auf die Stadt.

Über die Karlsbrücke mit ihren barocken Skulpturen, darunter die Replik der Statue des Heiligen Nepomuk, ging es weiter auf dem ehemaligen Krönungsweg Karls IV. Mit Verlassen der Brücke übersprangen wir einige Jahrhunderte und erreichten auf der Insel Kampa das gleichnamige Museum der Moderne, gestiftet vom Sammlerehepaar Jan und Meda Mládek.

Weiter ging es vorbei am Nationaltheater im Stil der Neo-Renaissance, der Rotunde des Heiligen Georg und des Heiligen Ägidius aus dem 12. Jahrhundert zum im Jugendstil gehaltenen Gemeindehaus. Besonders beeindruckt waren wir von der Innengestaltung des Primatoren-Saals nach Entwürfen des bekannten Plakatkünstlers und Grafikers Alfons Mucha. Als Höhepunkt der Führung betraten wir den Balkon, von dem aus am 28. Oktober 1918 die Tschechoslowakische Republik ausgerufen wurde.

Nach einem gemütlichen Kaffee und köstlicher Torte im Café Orient, das sich im berühmten kubistischen Haus „Zur Schwarzen Mutter Gottes“ von Josef Gočar befindet, spazierten wir weiter zum Altstädter Ring.

Mitten im Touristengedränge lauschten wir dem Referat über die Teynkirche und das Jan Hus-Denkmal und staunten über die gotische Astronomische Uhr am Altstädter Rathaus. Am Abend durften wir schließlich zu der einen Freud, zu der anderen Leid ein Orgelkonzert in der Kreuzherrenkirche hören. Mit dem Klang von Flöte, Orgel und Mezzosopran-Gesang traten wir den Heimweg an.

Am nächsten Tag machten wir uns über das Königliche Belvedere auf den Weg zur Prager Burg. Dieses Lustschloss wurde Mitte des 16. Jahrhunderts für die Königin Anna erbaut und präsentiert sich heute mit der Singenden Fontäne im Vorgarten als stimmiges Renaissanceensemble. Auf dem Burggelände fiel vor allem die axialsymmetrische Anordnung einzelner Elemente des Burghofs und der umliegenden Gärten auf. Bei deren Umgestaltung 1920-1935 hatte Jože Plečnik eine bedeutende Rolle gespielt.

Unsere nächste Station war das Loreto-Kloster, eine wichtige Wallfahrtsstätte. Sie beherbergt die Loreto-Kapelle – eine Nachbildung der italienischen Casa Santa –, die Christi Geburts-Kirche sowie das große Konventsgebäude. In einer der Kapellen im Kreuzgang erblickten wir die lustigste und zugleich verstörendste Figur der Woche: die heilige Kümmernis (auch Wilgefortis, Starosta oder Ontkommer genannt). Die Legende besagt, dass die zum Christentum bekehrte Tochter eines heidnischen Königs um Verunstaltung bat, um einer vom Vater vorgesehenen Zwangsverheiratung zu entgehen. Daraufhin wuchs ihr ein Bart und sie wurde zur Strafe durch ihren Vater gekreuzigt.

Vom Loreto aus, vorbei am Černin-Palais, ging es nach einer kurzen Stärkung mit grandioser Aussicht im namensgebenden Belvedere weiter den Burgberg hinab zum Palais Lobkowitz. Dieses Palais ist Sitz der Deutschen Botschaft mit dem legendären Balkon, von wo aus Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September 1989 die berühmten Worte verlauten ließ: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“ An die Prager Botschaftsflüchtlinge erinnert auch ein Trabbi auf vier Beinen „Quo Vadis“ vom altbekannten David Černý im Garten des Palais.

Am Mittwochmorgen fuhren wir mit der tramvaj auf die Kleinseite. Unser Ziel war das Waldstein-Palais, das im Auftrag des erfolgreichen Heerführer und Fürsten Albrecht Waldstein (Wallenstein) errichtet wurde. Zum Komplex gehört auch der Waldsteingarten im italienischen Stil, der u.a. mit einer Grotte, einem Gehege mit Uhus und einer prächtigen Sala terrena (Gartensaal) beeindruckte. Nicht zu vergessen sind die wunderbaren Figuren und Figurengruppen – antike Götter und Pferde – von Adriaen de Vries, Glanzstücke manieristischer Bildhauerkunst.

In den Alten Stallungen des Waldsteinpalais erwartete uns die bayerisch-tschechische Landesausstellung anlässlich des 700. Geburtstags von Karl IV. Leider durfte man dort nicht fotografieren, aber ab dem 20. Oktober 2016 wird im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eine Ausstellung zum gleichen Thema zu sehen sein.

Mit der Besichtigung der Jubiläumssynagoge (Jerusalemsynagoge) begaben wir uns anschließend in eine völlig andere Zeit und Kultur. Die jüngste und gleichzeitig größte Synagoge der jüdischen Gemeinde Prags wurde 1906 fertiggestellt. Sie diente als Ersatz für die bei der Sanierung der Judenstadt Ende des 19. Jahrhunderts zerstörten Synagogen. Auffallend ist ihre Gestaltung im sog. maurischen Stil nach Plänen des Wiener Architekten Wilhelm Stiassny. Der Innenraum der Synagoge ist mit gemalten Jugendstilornamenten verziert, die so in keiner Synagoge der Welt zu finden sind. Dort konnten wir die Dauerausstellung „Die jüdische Gemeinde in Prag von 1945 bis heute“ sowie eine aktuelle Ausstellung zum Thema „Jüdische Denkmale und ihre Rekonstruktion nach 1989“ besichtigen.

Weiter ging es zum Wenzels-Platz, einem der größten städtischen Plätze Europas mit einer bewegten Geschichte. Allein in jüngerer Zeit nahmen hier so einschneidende politische Ereignisse ihren Lauf wie die Selbstverbrennung des tschechischen Studenten Jan Palach am 16. Januar 1969 und die „Samtene Revolution“ im November 1989. Architektonisch sind das Hotel Jalta von Antonín Tenzer und andere Bauten im Stil des Sozialistischen Realismus von Interesse, den die Tschechen auf ihre Weise interpretiert haben.

Vor dem monumentalen Reiterstandbild des Namensgebers dieses Boulevards, dem Hl. Wenzel von Böhmen, hatte sich ein politisch motivierter Redner positioniert, der Erinnerungen an den „Hyde-Park“ in London weckte. Wir bogen in die Lucerna Passage auf der anderen Seite des Platzes ab, wo uns nicht zum letzten Mal für diesen Tag wieder einmal David Černý begegnete. Mit seiner Skulptur des auf dem Bauch eines kopfüber hängenden Pferdes sitzenden Hl. Wenzel gelang ihm eine parodistische Anspielung auf das eben erwähnte Reiterdenkmal.

Unser Spaziergang endete vor dem Einkaufszentrum Quadrio bei einer weiteren Skulptur David Černýs von einem nicht weniger bedeutenden Tschechen. Gemeint ist die 39 Tonnen schwere und elf Meter hohe Büste von Franz Kafka aus 42 beweglichen Schichten, die sich gegeneinander drehen und immer wieder neue Formen des Kafka-Kopfes konfigurieren – ein kafkaeskes Schauspiel.

Am Donnerstag fuhren wir nach Holešovice zum Messepalast, dem ersten funktionalistischen Gebäude in Prag, das 1928 von Oldřich Tyl und Josef Fuchs erbaut wurde. Heute beherbergt es auf fünf Etagen mit offenen Galerien das Museum moderner und gegenwärtiger Kunst als Bestandteil der Nationalgalerie. Dort widmeten wir uns in vier viel zu kurzen Stunden der einzigartigen Sammlung tschechischer und internationaler Kunst mit Werken von Picasso, Braque, Renoir, van Gogh und vielen weiteren Künstlern. Einen besonderen Eindruck hat aber der Gemäldezyklus „Das Slawische Epos“ von Alfons Mucha hinterlassen. Dieser zwischen 1912 und 1928 entstandene Zyklus wurde durch die slawische Mythologie und die Geschichte des tschechischen Volkes inspiriert. Fasziniert waren wir auch von den Werken der tschechischen Avantgarde, deren Entwicklung von den kubo-expressionistischen Anfängen (Emil Filla, Otto Gutfreund, Bohumil Kubišta, Antonín Prochazka u.a.) bis hin zu surrealistischen Tendenzen (Karel Teige, Toyen und Jindřich Štyrský) wunderbar zu verfolgen war und bis in die Gegenwart hineinwirkt.

Am Nachmittag fuhren wir hinaus zum Schloss Troja, einem Architektur- und Gartenensemble des französischen Baroque Classicisme. Die 1679–1685 nach Entwürfen von Jean Baptiste Matthey im Auftrag von Wenzel Adalbert Graf von Sternberg errichtete Sommerresidenz inmitten von Weinbergen zählt zu den herausragenden Leistungen des barocken Profanbaus in Böhmen. Bei der Besichtigung des Schlosses konnten wir nicht nur Fresken wie die „Apotheose des Hauses Habsburg“ im Großen Saal oder die Original-Statue der Schwarzen Mutter Gottes (vom kubistischen „Haus zur Schwarzen Mutter Gottes“) bewundern, sondern auch lokales Steingutgeschirr und Installationen des zeitgenössischen Künstlers Jiří Příhoda. Im kleinen Schlossgarten mit großer Brunnenanlage genossen wir schließlich noch die letzten Sonnenstrahlen und ließen uns von der Location für ein Fotoshooting inspirieren.

Das gemeinsame Abendessen führte uns ins 1902 eröffnete Café Louvre, das Frau Prof. Güllendi-Cimprichová extra für uns ausgesucht hatte. Hier waren seinerzeit Persönlichkeiten wie Karel Čapek, Franz Kafka, aber auch Albert Einstein ein- und ausgegangen. Bei vorzüglichem Essen und wunderbarem mährischen Wein oder anderen Getränken ließen wir den genius locis auf uns wirken.

An unserem letzten Exkursionstag stand noch einmal die jüdische Kultur in Prag im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Die Führung durch das jüdische Museum, das sich auf verschiedene Synagogen erstreckt, brachte uns an verschiedene Orte des jüdischen Viertels: die Meisel-Synagoge, die Altneu-Synagoge, die Pinka-Synagoge, den alten jüdischen Friedhof und die Spanische Synagoge. Besonders beeindruckend waren die persönlichen Erzählungen unseres Gides über seine jüdischen Eltern und deren Schicksal und Werdegang.

Den Nachmittag verbrachten wir in Vyšehrad, wo uns im Gegensatz zur innerstädtischen Hektik eine angenehm entspannte Atmosphäre erwartete. Auf der Wiese vor der St.-Peter-und-Paul-Kirche im Schatten der Bäume konnten wir neue Kraft tanken. Die heutige Gestalt dieser Kirche geht vor allem auf die 1885-1887 erfolgte neogotische Umgestaltung durch Josef Mocker zurück. Der Innenraum ist mit ornamentalen und figuralen Wandgemälden des Malerehepaars František und Maria Urban im Jugendstil geschmückt. Ein besonderes Ausstattungsstück der Kirche ist ein gotisches Tafelbild der Jungfrau Maria aus der Zeit um 1360, die sogenannte „Vyšehrader Madonna“, auch „Regenmadonna“ genannt, mit der in Dürrezeiten bei Prozessionen für Regen gebetet wurde.

Neben der Kirche befindet sich der Gelehrtenfriedhof, wo unter anderem Persönlichkeiten wie Bedřich Smetana, Antonín Dvořak oder die kommunistische „Märtyrerin“ Milada Horáková bestattet sind.

Die nächste Station führte uns zu den Vyšehrader Kasematten, zu den Gängen im Festungswall, die zum Sammeln der Truppen und ihrer unbemerkten Umlegung dienten. Heute werden dort einige der Original-Skulpturen der Karlsbrücke aufbewahrt.

In der Brauerei Národní hatten wir ein letztes Mal die Möglichkeit, in traditioneller Manier das Nationalgericht Svíčková (eine Art Sauerbraten) und ein kühles Bier zu genießen, bevor wir ins Nebengebäude wechselten. In der dem Nationaltheater angeschlossenen „Neuen Szene“ schauten wir uns die Aufführung „Der kleine Prinz“ vom avantgardistischen Theater Laterna Magika an, die unsere Erwartungen mehr als übertraf. Die surrealistisch anmutende Inszenierung zog das Publikum mit ihrer Verbindung von Schauspiel, Pantomime, Tanz, Gesang und Videokunst in ihren Bann.

Voller Eindrücke der vergangenen Tage und bewegt von dem fantastischen Theaterstück ließen wir den letzten Abend im Gärtchen unserer Pension ausklingen und genossen die laue Sommernacht Prags.

Gerne werden wir an unseren architektur- und kulturhistorischen Parcours durch zehn Jahrhunderte zurückdenken und möchten an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich für die perfekte Organisation danken!

Text: Magdalena Burger und Christine Renker

Fotos: Christina Braun, Magdalena Burger, Eugeniya Ershova, Katharina Gogolin, Kristina Kroll, Ada Raev, Jovica Romanic