Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Professur für Romanische Literaturwissenschaft / Hispanistik

Portugal: 40 Jahre Demokratie – Nelkenrevolution 1974-2014

Neue Publikation: Azevedo, Isabel / Rodrigues-Moura, Enrique (eds.). Portugal. 40 Jahre Demokratie. Fado – Fátima – Fußball und darüber hinaus. Katalog der gleichnamigen Ausstellung. Graz: Museum der Universität Graz, 2014.

In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 sendete der portugiesische Rundfunksender Renascença das Lied »Grândola vila morena«. Es handelte sich um ein verbotenes Lied, das Zeca Afonso 1964 in der Salazar-Zeit geschrieben hatte. Das Lied war das Signal für den Beginn der Revolution gegen die 48 Jahre währende Diktatur. Knapp 18 Stunden nach der Übertragung des Liedes war Europas längste Diktatur, der autokratische Estado Novo, gestürzt. Damit gingen fast fünf Jahrzehnte der Verfolgung und Verbannung, der Unterdrückung und Ausbeutung, der Zensur und Folter zu Ende. Die Nelkenrevolution – die Bezeichnung geht auf die roten Nelken zurück, die eine Blumenhändlerin der Legende nach in die Mündungen der Gewehre der Soldaten steckte – hatte die relativ kleine Zahl von vier Todesopfern gefordert und wurde von Medien in der ganzen Welt als eine pazifistische Regierungsänderung gefeiert.

Mitten in einer gewaltigen Wirtschaftskrise ist die Erinnerung an die Nelkenrevolution eine politische bzw. ethische Notwendigkeit: Die damals erlebten Veränderungen gehören  in Portugal zum kommunikativen Gedächtnis und können in diesen schwierigen Zeiten als ermutigende Referenz fungieren. Im Rahmen der sogenannten dritten Welle der Demokratisierung (1974-1989) kommt der Nelkenrevolution eine Zündungsfunktion zu. Denn mit ihr beginnt ein Prozess, in dem eine Reihe von Diktaturen gestürzt und neue Demokratien aufgebaut werden: Griechenland (Juli 1974), Spanien (1975), verschiedene lateinamerikanische und südostasiatische Länder in den 1980ern und schließlich der Fall der Berliner Mauer (1989).

Die von Isabel Azevedo kuratierte Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit Studierenden des Centro de Língua Portuguesa am Institut für Romanistik der Universität Graz erarbeitet und organisiert. Die Ausstellung wirft Schlaglichter auf die kulturelle Identität Portugals indem sie unterschiedliche Selbst- und Fremdbilder zeigt. Denn ein besseres kulturelles Verständnis erfordert immer auch die Selbstanalyse durch Fremdanalyse. Ziel der Ausstellung ist es, das komplexe Identitätskonstrukt des Landes nicht nur einem akademischen Publikum, sondern auch Schülerinnen und Schülern aus der Region näherzubringen. […]

Im Februar 2013 unterbricht eine friedliche Gruppe von Demonstrantinnen und Demonstranten für zwei Minuten eine Parlamentsrede von PremierministerPedro Passos Coelho. Ihre einzige Waffe ist das Lied »Grândola, vila morena« von Zeca Afonso, das einst den Auftakt zum Sturz der portugiesischen Diktatur gab. Jetzt wird es gesungen, um gegen den von der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds diktierten wirtschaftlichen Sparkurs zu protestieren. Vierzig Jahre nach dem Ende der Diktatur prägt also das Lied »Grândola vila morena« immer noch die Politik und Kultur Portugals:

Grândola, vila morena
Terra da fraternidade
O povo é quem mais ordena
Dentro de ti, ó cidade

(Auszüge des Katalogs, Isabel Azevedo und Enrique Rodrigues-Moura, S. 10 und 13)

Inhaltverzeichnis des Katalogs:

    • Peter Scherrer: »Vorwort
    • Martin Hummel: »Vorwort«
    • Isabel Azevedo und Enrique Rodrigues-Moura: »Einleitung«
    • Ivo Castro: »Die portugiesische Sprache: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunf«
    • Pedro Cardim: »Portugal in der Habsburgermonarchie (1581-1640)«
    • José A. Palma Caetano: »Portugal. Geschichte und Identität. Reflexionen des ersten Lektors für Portugiesisch an der Universität Graz (1969-1984)«
    • Orlando Grossegesse: »Nationalflaggen: Portugal und Deutschland«
    • Cláudia Fernandes: »Portugiesische Migration«
    • Ursula Prutsch: »„Die Kunst, zu überdauern Portugal“ unter António Oliveira Salazar und Marcelo Caetano (1932-1974)«
    • Enrique Rodrigues-Moura: »Lusophonie. Kulturpolitische Dimensionen eines Konzepts«