Was macht eigentlich ein Neuropsychologe?

Informationen zum Berufsbild sowie zur Bedeutung der Neuropsychologie für das Psychologiestudium an der Universität Bamberg

Frau K. (42, Sachbearbeiterin in einer Versicherung) ist schwindelig, sie hat Kopfschmerzen, es flirrt ihr vor den Augen und ihr wird übel. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren und die Worte wollen ihr nicht einfallen. Sie fühlt sich kraftlos und erschöpft. Sie legt sich hin, weil es dann immer wieder besser geworden ist. Sie kennt das seit ein paar Wochen und hat es auf den Stress beim Jahresabschluss geschoben. Diesmal wird es nicht besser. Sie will aufstehen und fällt, weil die Beine nicht mehr tragen. Ihr Mann findet sie nach Stunden auf dem Boden liegend in einem seltsam verwirrten und kraftlosen Zustand. Noch wissen beide nicht, dass ihr Leben sich für immer verändert hat. Diagnose: Schlaganfall! Von einem Moment auf den nächsten ist die körperliche Unversehrtheit und Attraktivität verloren gegangen und sie wird langfristig mit sogenannten kognitiven Problemen zu tun haben: ihr fällt es schwer, sich zu konzentrieren, eine Hälfte der Welt scheint ganz verschwunden zu sein (die Experten nennen das Neglect) und alles ist viel anstrengender geworden. Sie muss mit ihrer Niedergeschlagenheit und Verzweiflung kämpfen.

Herr M. (75, Rentner) will zum Einkaufen, aber der Geldbeutel ist weg. Er ist ratlos, weil der Geldbeutel doch sonst immer in seiner Hose war. Er durchstöbert unsystematisch seine Wohnung und fällt fast über den Stapel alter Zeitungen, der sich immer mehr in seinem Wohnzimmer ausbreitet. Der Verdacht, dass Frau P., als sie beim letzten Mal die Wohnung geputzt hat, das Geld gestohlen hat, wird wieder in ihm lebendig und er beginnt, auf sie zu schimpfen. Jetzt muss die Tochter helfen. Das Telefon funktioniert aber auch nicht richtig.  Endlich erreicht er sie doch. Sie seufzt und sagt „ich komme Papa“. Er sitzt mürrisch und ratlos auf dem Sofa in einem Haufen alter Wäsche und wartet. Der Tochter erzählt er von seinem Verdacht, obwohl die gar nicht richtig zuhört. Sie findet den Geldbeutel nach langem Suchen unter einem Kissen im Bett. Sie fängt an: „Papa wollen wir nicht doch mal das schöne Heim ganz in meiner Nähe anschauen“. Er wird sehr wütend und sagt, sie solle sofort gehen. Diagnose: Alzheimer Demenz!

Es ist wieder alles so unerträglich schwer! Frau S. (58, arbeitslos) versucht seit einer Stunde aufzustehen; sie müsste zur Krankenkasse und eine wichtige Bescheinigung abholen. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um diesen Behördengang und wie wenig Sinn es macht, sich immer wieder um neue Behandlung zu kümmern, die dann doch nichts bringt. Endlich auf und einen Kaffee gemacht versucht sie das Wochenblatt, das auf dem Tisch liegt, zu lesen. Was steht denn da drin? Nach der Überschrift geht es um einen Auftritt des örtlichen Kirchenchors, aber dann geht es bei Frau S. nicht weiter mit dem Verstehen. Es ist, als hätte sie immer wieder Nebel im Kopf. Wenn die Dinge mal rein gehen, sind sie dann schnell wieder weg. Wenn sie schon zur Krankenkasse geht, kann sie auch gleich einkaufen. Was braucht sie denn, wo gibt es das und wie kommt sie da hin? Sie zermartert sich den Kopf und gibt dann irgendwann auf, nachdem sie ein Zettelchen mit drei Einkäufen kaum füllen konnte. Sie fühlt sich stumpf, energielos und leer. Diagnose: Depression

So oder ähnlich lesen sich die Fallgeschichten, die den beruflichen Alltag von Neuropsychologen und Neuropsychologinnen bilden. Sie müssen die dargestellten Probleme diagnostisch eingrenzen und ihre Schwere feststellen, Patienten und Angehörige beraten, trösten und auf neue Lebensperspektiven einstellen, Serviceeinrichtungen, Behandlungsmöglichkeiten und behördliche Hilfen empfehlen und einige Patienten mit neuropsychologischen Verfahren selbst behandeln. Sie sind dabei oft die ersten, die mit solchen Krankheitsfolgen Erfahrung haben und entsprechende Kenntnisse in ihrer Ausbildung gewonnen haben, und daher wirklich helfen können. Daher können sie auch Gutachten verfassen, die manche Kostenträger oder auch Sozialgerichte für ihre Entscheidungen benötigen. Bei der großen und zunehmenden Zahl von Personen wie Frau K. (Schlaganfall), Herr M. (Demenz) und Frau S (Depression) müssen solche Aufgaben immer häufiger erledigt werden; Neuropsychologen werden sicherlich nicht so schnell arbeitslos.

Wie wird man denn Neuropsychologe?

Das kann auf der Universität losgehen, wenn man das Glück hat, an einer Universität wie in Bamberg zu studieren, die das Fach anbietet. Das ist nicht überall in Deutschland möglich, weil die Neuropsychologie ein vergleichsweise junges Fach ist, das trotz des unbestreitbar großen und wachsenden klinischen Bedarfs erst in den Fächerkanon der Psychologie hineinwachsen muss. In Bamberg kann man schon seit 2003 Neuropsychologie studieren, als die Bamberger Universität und das Münchner Ministerium dem Antrag von Professor Stefan Lautenbacher auf Einrichtung des Faches stattgaben. Seither hat sich die Neuropsychologie in Bamberg sehr gut etabliert und kann auf zahlreiche Absolventen verweisen. Diese haben teilweise solch starke Begeisterung für das Fach entwickelt, dass sie nach Abschluss des Studiums die portgraduale Ausbildung zum Klinischen Neuropsychologen durchlaufen und erfolgreich beenden.

Die Bamberger Neuropsychologen betreiben aber nicht allein eine praxisnahe Ausbildung mit vielen Möglichkeiten, in den standortnahen neurologischen und psychiatrischen Behandlungszentren klinische Erfahrungen zu sammeln, sondern bieten den Studierenden auch die Gelegenheit, die Neuropsychologie wissenschaftlich zu verstehen. Professor Stefan Lautenbacher betreibt seit Jahren auf internationalem Niveau Forschung zum besseren Verständnis der Schmerzverarbeitung bei Demenzpatienten. Professor Jascha Rüsseler hat exzellente Studien zur Lese-Rechtschreib-Schwäche durchgeführt, an denen die Bamberger Studierenden partizipieren können. Eine integrale Schnittstelle zwischen Ausbildung und Wissenschaft stellt der Bamberger Neuropsychologie-Tag dar, der 2003 zum ersten Mal und heuer zum zehnten Mal stattfindet. Er war immer der Versuch, die Bamberger  Studierenden für das Fach zu begeistern, indem sie Spitzenforscher und –kliniker aus der Neuropsychologie sowie ihre Forschungsansätze zum Anfassen präsentiert bekommen. Mittlerweile ist der Neuropsychologie-Tag aber auch etabliertes Fort- und Weiterbildungsangebot für Neuropsychologen, Psychotherapeuten, Neurologen, Psychiater, Pflegekräfte und andere neuropsychologisch interessierte Personen.

Auf diesem Weg möchte die Bamberger Universität ihren Neuropsychologen auch alles Gute und bestes Gelingen des Jubiläums-Neuropsychologie-Tages sowie ein Fortbestehen dieser wunderbaren Einrichtung wünschen.