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Signieren gehört für einen Autor auch zum Handwerk

Alain Sulzer (von rechts), Friedhelm Marx und Christof Hamann am Ende einer gelungenen Veranstaltung (Bilder: Alexandra Franz)

Kultur & Sport

Weihnachten stand vor der Tür

Lesung mit dem Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer

Weihnachten im Frühling. Erneut präsentierte sich am 14. Mai innerhalb der Reihe „Literatur in der Universität“ ein renommierter Schriftsteller: Alain Claude Sulzer. Der Schweizer Autor las Weihnachtsszenen aus seinem Roman „Privatstunden“ und verschaffte seinen Zuhörern damit eine literarische Abkühlung.

„Kochen und Schreiben will nicht nur gelernt sein!“ Mit diesen Worten verwies Christof Hamann, selbst Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, darauf, dass Alain Claude Sulzer sein schriftstellerisches Handwerk mehr als nur beherrscht. Es bedürfe unverzichtbaren Anstrengungen, wenn man beim Kochen und in der Literatur über das Gewöhnliche hinaus etwas leisten möchte. Und der 1953 in Basel geborene Alain Claude Sulzer vermag Außergewöhnliches zu leisten. Seit den achtziger Jahren liefert er mit seinen Romanen, Erzählungen und Novellen dazu den passenden Beweis, am 14. Mai war er in der Reihe „Literatur in der Universität” zu Gast. 

 
Vor Beginn der Lesung stellte Christof Hamann einige der Veröffentlichungen Sulzers vor. Allen voran die Novelle „Annas Maske“ (2001), in der der Autor eine historische Begebenheit aufgreift, und zwar die Ermordung der Opernsängerin Anna Sutter. Sie sei die Reinkarnation der Hauptfigur aus der Oper „Carmen“ und werde ebenso aus Eifersucht ermordet, erklärte Hamann. Von enttäuschter Liebe erzählt auch Sulzers bisher erfolgreichstes Werk „Ein perfekter Kellner“ (2004). Von John Brownjohn übersetzt, erschien der Roman vor kurzem auch in englischer Sprache. Im Mittelpunkt steht hier die Charakterisierung von Erneste, dem perfekten Kellner, der sein Leben einzig und allein seinem Beruf verschrieben hatte. Bis er sich in Jakob, einen jungen Hilfskellner verliebt. Welche tiefen Verletzungen Erneste erleidet, als er seine Rolle einmal verlässt, schildert Sulzer „scheinbar unscheinbar“, wie Hamann kommentiert.

Private Stunden

Sein neuster Roman „Privatstunden“ erzählt –  wie schon „Ein perfekter Kellner“ – die Geschichte eines Liebespaares, das seine Zuneigung vor der Gesellschaft verstecken muss. Doch diesmal wird dem Leser kein homosexuelles Paar vorgestellt, sondern die verheiratete Martha und der osteuropäische Emigrant Leo. Er ist 23, sie Mitte dreißig. Zunächst gibt Martha Leo lediglich Deutschunterricht, doch langsam bewegen sich beide aufeinander zu. Die Stunden mit Martha werden Leo immer wichtiger. Schließlich verlieben sich beide ineinander und beginnen ein heimliches, illegitimes Verhältnis, von dem nur Andreas, der pubertierende Sohn der Deutschlehrerin, durch Zufall weiß. Bald verlässt Leo die Schweiz, um sich nach Amerika abzusetzen, und Martha bleibt einsam und verlassen zurück. Erst nach Jahrzehnten spürt der nun erwachsen gewordene Andreas den Osteuropäer in Amerika wieder auf, und die Vergangenheit holt die beiden ein.

Nüchtern, präzise, dezent

Trotz sommerlicher 20 Grad am Abend gelang es Alain Claude Sulzer mühelos, seine Zuhörerinnen und Zuhörer in drei weihnachtliche Szenen zu versetzen. Obwohl er die Ausschnitte aus dem letzten Drittel von „Privatstunden“ entnahm, verrieten sie nicht zu viel. Auch beim Zuhören kam sein unverkennbarer Stil an: nüchtern, präzise und dezent beschreibt er das Thema Liebe in all seiner Endlichkeit. Meist gibt es eine Rahmenhandlung, die stets darauf verweist, dass die Leidenschaften der Figuren von Anfang an auf das Ende hin entworfen sind. Die Passionen bleiben meist enttäuscht.
Was außerdem in seinem Werk auffällt: Sie finden nie in der Gegenwart statt. „Ich brauche einfach die Distanz zum Stoff“, erklärte Sulzer nach seiner Lesung.  

Im Austausch mit seinen Zuhörern kam der Schweizer Schriftsteller dann auch auf seine Arbeit als Übersetzer zu sprechen, die er allerdings schon lange nicht mehr ausübe: „Das ist ein schlecht bezahlter Job und Knochenarbeit. Meistens mochte man den zu übersetzenden Autor am Ende nicht mehr besonders“, sagte er scherzhaft. Doch Sulzer ist nicht nur selbst Autor, in diesem Jahr wird er in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, an dem er 1990 selbst teilnahm, auch über andere Autoren urteilen. Das Urteil über sein Werk fiel für viele nach der Lesung sicher positiv aus: Sulzer wärmt Gegenwart nicht auf, sondern verarbeitet die Vergangenheit zu literarischen Leckerbissen. Er ist mehr als nur ein guter Koch.

Nächste Lesung mit Albert Ostermaier

Am 28. Mai liest in der Reihe „Literatur in der Universität“ Albert Ostermaier aus seinem lyrischen Werk. Ostermaier liest ab 20 Uhr im Hörsaal U7/105.