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Die Simpsons waren Gegenstand eines Experiments... (Foto: Miguel Mendez/Wikimedia/cc-by-sa)

... von Medienwirkungsforscher Carsten Wünsch (Foto: Andrea Lösel)

Die Simpsons und die Politik

Carsten Wünsch forscht zur Wirkung von Massenmedien

Professur für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt empirische und theoretische Rezeptions- und Wirkungsforschung – so lautet der vollständige Name der im Sommersemester 2013 am Institut für Kommunikationswissenschaft neu eingerichteten Professorenstelle. Bekleidet wird sie von Prof. Dr. Carsten Wünsch. Fragt man den gebürtigen Dresdener, womit sich seine beiden Schwerpunkte befassen, wird schnell klar, was sich hinter dem Namenskonstrukt verbirgt: „Rezeptionsforschung setzt sich mit dem Moment auseinander, in dem eine Person vor dem Fernseher, dem PC oder im Kinosessel sitzt. Was geht in ihrem Kopf vor, was denkt sie, was erlebt sie?“ Eng verwandt mit der Rezeptionsforschung ist die Medienwirkungsforschung. Die stellt die Frage, welche Effekte Medieninhalte auf die Rezipienten haben. Tragen bestimmte Computerspiele zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft bei? Welche Rolle spielen Medien für die Meinungsbildung in einer Demokratie?

Medien und Politik

Wünschs Spezialgebiet ist die Frage nach dem Zusammenhang von fiktionalen Medieninhalten und politischen Vorstellungen. Kein Wunder, schließlich studierte er in Dresden nicht nur Kommunikationswissenschaft, sondern auch Politikwissenschaft. In seiner Dissertation befasste er sich schließlich mit Unterhaltungsforschung. Da wurde ihm schnell klar: „Wenn wir unterhalten werden, trennen wir nicht zwischen dem, was erfunden ist, und zwischen dem, was wir für real halten.“ Für den Zusammenhang von Medien und Politik kam er zur Schlussfolgerung: Nicht nur Nachrichten und Polit-Talkshows können Einfluss auf unsere politischen Vorstellungen haben. Womöglich verändern sogar Serien oder Filme unser politisches Weltbild.

Zum damaligen Zeitpunkt war dies eine gewagte These. Schließlich nahm man lange an, dass politische Wirkungen nur von politischer Berichterstattung ausgehen können. Da war es ein glücklicher Zufall, dass fast zeitgleich mit Wünsch einige wenige Forscher in Deutschland und den USA begannen, das Thema für sich zu entdecken. So hatte Wünsch für seine Forschung von Beginn an einen kleinen Verbund: „Es war wichtig zu wissen, dass ich nicht eine völlig abstruse Idee verfolge.“

Das Simpsons-Experiment

Auch die Ergebnisse seiner Experimente gaben Wünsch Recht. Für ein Projekt zum Zusammenhang von Medieninhalten und Agenda-Setting durchforstete er Simpsons-Staffeln und wählte insgesamt sechs Folgen aus. Drei davon befassten sich mit umweltpolitischen Themen, drei mit Bildungspolitik. Einmal ging es um die Abholzung eines Waldes und die Gefährdung durch ein Atomkraftwerk, ein andermal um Lehrerstreik und Lehrplanänderungen. Die Probanden wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Anschließend erhielten alle zehn Tage, um sich die drei für ihre Gruppe ausgewählten Folgen zuhause auf dem heimischen Sofa anzusehen. Hinterher bekamen sie einen Fragebogen.

Es ging darum, die Zufriedenheit mit der damaligen Bundesregierung in verschiedenen Politikfeldern einzuschätzen, unter anderem in den Bereichen Umwelt- und Bildungspolitik. Zuletzt dann die Frage nach einem Urteil über die Bundesregierung insgesamt. Das Ergebnis: Für die erste Gruppe spielten die Leistungen der Bundesregierung im Bereich Umweltpolitik eine größere Rolle für die Gesamtbewertung.  Und auch umgekehrt konnte Wünsch einen statistischen Zusammenhang herstellen. Zwar war die Stichprobe zu gering, um die Studie als repräsentativ auszuweisen. Doch ein erster Beleg für Wünschs These fand sich allemal: „Serien prägen unsere Einschätzung der politischen Realität zumindest in einem kleinen Umfang.“ Das Simpsons-Experiment hat Wünsch längst nicht beendet: „Die Ergebnisse waren so interessant, dass ich jetzt an der Vorbereitung einer Wiederholungsstudie sitze.“

In einem weiteren Experiment ging Wünsch der Frage nach: Beeinflussen Filme unsere Beurteilung des Berufsstands des Politikers? In einem dritten setzten er und seine Studierenden sich mit der gewagten These auseinander, dass die Medien sich nach der Kinopremiere des Katastrophenfilms „The Day After Tomorrow“ (2004) intensiver mit dem Thema Klimawandel befassten als vorher. Beide Male bestätigten die Ergebnisse die vorliegenden Hypothesen.

Empirische Methodenlehre

Die Durchführung solcher empirischen Experimente ist nicht immer leicht. Vorherbefragungen scheiden oftmals aus. „Wenn ich Leute zuerst zu Politik befrage und ihnen dann Simpsonsfolgen zeige, entwickeln sie womöglich einen anderen Blick auf die Serie“, so Wünsch. Außerdem ist die Rezeption oftmals in soziale Kontexte eingebunden: „Es macht einen Unterschied, ob ich eine Serie alleine oder in Gruppe sehen, ob ich zuhause mit im Fernsehsessel sitze oder in ein Labor komme.“ Eine große Hilfe in diesem Zusammenhang ist das neue, von ihm selbst initiierte Experimentallabor auf der ERBA.

Dort kann er jetzt emotionale Reaktionen auf Filme oder Fernsehsendungen genau analysieren oder Reaktionstests durchführen.  In seinen Übungen bringt Wünsch den Studierenden daher auch das methodische Handwerkszeug bei, um solche aussagekräftige Experimente durchführen zu können.
Wünschs Forschungsgebiet ist vergleichsweise jung. Erst langsam rückt das Thema Wirkung fiktionaler Medieninhalte in den Fokus der Kommunikationswissenschaft. Für Januar 2015 plant Wünsch daher eine Tagung in Bamberg. Die Einladung an die Fachgemeinschaft wurde bereits ausgesprochen.

Ansprechpartner für Rückfragen:
Prof. Dr. Carsten Wünsch
E-Mail: carsten.wuensch(at)uni-bamberg.de
Tel.: 0951/863-2134

Hinweis

Diesen Text verfasste Andrea Lösel für die Pressestelle der Universität Bamberg. Er steht Journalistinnen und Journalisten zur freien Verfügung.

Bei Fragen oder Bilderwünschen kontaktieren Sie die Pressestelle bitte unter der Mailadresse medien(at)uni-bamberg.de oder Tel: 0951-863 1023.