Geoffrey Haig, seit 2010 Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft in Bamberg (Fotos: Nils Ebert)

Der Linguist in seinem Büro in der Oberen Karolinenstraße

An Bamberg schätzt Haig, dass er alles stressfrei mit seinem Fahrrad erreichen kann

Der Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft ist Teil des Instituts für Orientalistik

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Gekommen um zu bleiben

Sprachwissenschaftler Geoffrey Haig im Porträt

Geoffrey Haig hat an Orten überall in der Welt gelebt, gearbeitet, geforscht und unterrichtet. Nun ist er Professor für Sprachwissenschaft in Bamberg. Im Interview erzählt er von seinem langen Weg in die Domstadt, berichtet von der Studienzeit in Kiel und lässt uns an seiner Leidenschaft für den Nahen und Mittleren Osten teilhaben.

Steigt man den Bamberger Domberg hinauf, überquert den malerischen Domplatz und lässt Dom und Neue Residenz hinter sich, gelangt man in die Obere Karolinenstraße. Nach wenigen hundert Metern, auf denen einem eine Vielzahl mittelalterlicher bis barocker Bauten begegnet, erreicht man die Hausnummer 8, den sogenannten Langheimer Hof, ehemals Stadtquartier der Zisterzienserklöster Ebrach, Langheim und Heilsbronn. Heute beherbergt das Gebäude unter anderem das Büro von Prof. Dr. Geoffrey Haig, Inhaber des neugegründeten Lehrstuhls für Allgemeine Sprachwissenschaft. Während draußen Minusgrade herrschen, lädt Haig zu einer Reise ein, die vom Süden Englands über Neuseeland nach Kiel, von dort über die Türkei und die Zwischenstation Bamberg nach Australien und Schweden führt - und schließlich wieder in Bamberg endet.

Sprachkontakte im Nahen und Mittleren Osten

Im Juli 2010 folgte Haig dem Ruf nach Bamberg. Sein Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft ist dem Bamberger Institut für Orientalistik angegliedert. Eine Ansiedlung der Allgemeinen Sprachwissenschaft innerhalb der Orientalistik sei eine deutschlandweit einmalige Konstellation, so Haig. Sie trägt einerseits seinem Forschungsschwerpunkt – Kleinsprachen des Nahen und Mittleren Ostens – Rechnung, andererseits stellt der Lehrstuhl eine Brücke zwischen den philologischen Fächern und der Orientalistik dar. Insbesondere widmet sich Haig den Sprachen, die sich heute im Gebiet des antiken Mesopotamien wiederfinden und in der Osttürkei, dem Nordirak und dem Westiran gesprochen werden. „Die dortigen Sprachgemeinschaften sind seit Jahrhunderten eng miteinander verzahnt. Es findet sich ein Mosaik an vielen kleinen Sprachen, die sich gegenseitig beeinflusst haben“, erläutert der Linguist.

Nationalstaaten, die die Einführung offizieller Amtssprachen mit sich brachten, entstanden erst im 19. und 20. Jahrhundert. Am weitesten verbreitet sind hier Varianten des Kurdischen und unterschiedliche iranische und semitische Sprachen. „Speziell die Dynamik der Kontaktprozesse dieser Sprachen interessiert mich sowie ihr Status als Minderheitensprachen innerhalb neu entstandener Nationalstaaten“, umreißt Haig sein Forschungsanliegen. „Methodisch übernehme ich viel aus der Dokumentationslinguistik, um Sprachmaterial zu erfassen und auszuwerten, um so ein fundiertes Bild herauszuarbeiten, wie sich Sprachen im Kontakt verändern. Das trieb mich in den letzten Jahren an.“

Keine Angst vor der Zukunft

Geoffrey Haig wurde in Exeter im Südwesten Englands geboren. Seine Familie siedelte nach Neuseeland über, als er elf Jahre alt war. Einige Jahre später zog es Haig nach Europa zurück, wo er zunächst als Handwerker arbeitete. In Kiel begann er im Alter von 25 Jahren schließlich ein Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Sprachwissenschaft. „Erst als ich nach Kiel kam, habe ich Deutsch gelernt: im Selbststudium, durch meine Bücher und im Gespräch mit anderen“, erinnert sich der Professor. Während seines Studiums hat er gearbeitet, um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren: als Möbelpacker, Tellerwäscher oder auf Messen. Schließlich gab er Englischunterricht und übersetzte. „Damals habe ich oft von der Hand in den Mund gelebt, aber ich bin immer durchgekommen.“ Den heutigen Studierenden rät Haig, sich vor ihrer Zukunft nicht zu fürchten, in sich zu vertrauen und auch mal eine Entscheidung ohne vorherige Absicherung zu treffen. „Als junger Mensch in Deutschland muss man keine Angst haben, es werden sich immer Möglichkeiten finden lassen. Von einem halben Jahr Arbeitslosigkeit geht die Welt nicht unter.“

Die erste Reise in die Türkei und der erste Kontakt mit dem Kurdischen

Während seines Studiums entschloss sich Haig, Türkisch als seine erste nicht-europäische Sprache zu lernen. Wenig später reiste er in die Türkei, wo ihn überwältigende Eindrücke dazu bewegten, das Studium der türkischen Sprache auszubauen. Ende der 1980er Jahre verbrachte er schließlich ein Jahr als Stipendiat in Ankara. Viele der Menschen, auf die Haig traf und mit denen er ins Gespräch kam, waren Kurden. Der Linguist bemerkte, dass es zur kurdischen Sprache nur wenig wissenschaftliche Literatur gab. „Es ist absurd: 20 bis 25 Millionen Menschen sprechen Kurdisch und in Deutschland leben schätzungsweise 6-700.000 Kurden. Es gibt aber an keiner Universität in Deutschland eine wissenschaftlich fundierte und institutionell verankerte kurdische Sprachwissenschaft.“ Haig beschäftige sich daraufhin intensiv mit dem Kurdischen und seinen verschiedenen Ausprägungen. Bis heute wünscht er dem Kurdischen eine größere universitäre Aufmerksamkeit. In Bamberg sieht der Professor nun die Möglichkeit, das Kurdische zu verankern, beispielsweise durch Sommerschulen. „Diese wären bundesweit einmalig und würden dazu beitragen, das Profil der Bamberger Orientalistik um einen weiteren Schwerpunkt zu erweitern.“

„Wo ist denn Bamberg?!“

Nachdem Haig in Kiel seinen Abschluss in Allgemeiner und vergleichender Sprachwissenschaft erworben hatte, begann er zu promovieren. Währenddessen verbrachte er auch zwei Jahre in Bamberg, um an der Universität Kurse in orientalischen Sprachen zu belegen. „Nach dieser Zeit hatte ich die Domstadt aber bereits abgehakt und ein weiteres Bleiben oder eine Rückkehr ausgeschlossen.“ Im Anschluss an seine Promotion ging Haig zunächst nach Australien und arbeitete an der Australian National University in Canberra. Es folgten Anstellungen unter anderem an den Universitäten Bielefeld und Kiel und ein Forschungsaufenthalt am Swedish Collegium for Advanced Studies. Schließlich bewarb er sich auf den Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft. Die anschließenden Gespräche überzeugten Haig umgehend, nach Bamberg zurückzukehren. „Die Stadt ist allerdings nicht überall so bekannt wie manch anderer meiner Wohnorte“, lacht er. Die erste Reaktion, als er kürzlich auf einer Fachkonferenz in Schweden vorschlug, die nächste Tagung an seiner Universität stattfinden zu lassen, sei ein entgeistertes: „Wo ist denn Bamberg?!“ gewesen. Mittlerweile steht aber fest: Die nächste Tagung wird tatsächlich hier in Bamberg ausgerichtet.

„Ich muss nicht noch mal weg“

Heute weiß Haig: „Ich muss nicht noch mal weg.“ Um seine Forschungsvorhaben umzusetzen, könne er sich keinen besseren Ort als Bamberg vorstellen. An der Stadt schätzt Haig, dass er alles stressfrei mit seinem Fahrrad erreichen kann. Auch die Freundlichkeit der Bamberger ist Haig sehr positiv aufgefallen. „Und in das Fränkische höre ich mich mit viel Sympathie so langsam hinein.“

In seiner Freizeit hat Haig ein besonderes Hobby: er trommelt afro- und südamerikanische Rhythmen. „Es ist ein pures, zweckloses Vergnügen, das nichts mit Worten zu tun hat.“ Hätte Haig ein freies Jahr zur Verfügung, würde er es der kurdischen Sprache widmen, viel Zeit mit seiner Familie verbringen, vielleicht nach Neuseeland gehen, häufig in der Natur unterwegs sein und: trommeln.