Mirjam Pressler beschäftigt sich seit den 1980er Jahren mit Anne Frank.

Der Chor der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg umrahmte die Lesung.

Mirjam Pressler im Gespräch mit Monica Fröhlich

- Jana Kaun

Mirjam Pressler liest ein Buch: Das Tagebuch der Anne Frank

Lesung mit der mehrfach ausgezeichneten Autorin im E.T.A.-Hoffmann-Theater

Tiefe Verbundenheit – so könnte man das Verhältnis zwischen Mirjam Pressler und Anne Frank wohl am treffendsten beschreiben. Die Autorin hat nicht nur das weltberühmte Tagebuch aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt und kritisch editiert, sondern auch eine Biografie über das Schicksal des deutsch-jüdischen Mädchens geschrieben. Am 5. November las Pressler im Rahmen des Jahres der Geisteswissenschaften im E.T.A.-Hoffmann-Theater.

„Die 14-jährige Anne schreibt in den letzten Jahren keinen Kinderkram in ein kariertes Poesiealbum. Ihre zum Teil kindlichen, zum Teil sehr reifen Überlegungen drehen sich um das ganze ABC der Menschheit, um Krieg und Frieden, um Demokratie und Freiheit, um Religion und Sprache – und immer wieder um die Zukunft.“ In ihrer Begrüßungsrede gelang es Dr. Monica Fröhlich, Leiterin des Dezernats Kommunikation der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, eine Verbindung zwischen Anne Frank und dem Jahr der Geisteswissenschaften zu schaffen. Im Rahmen der Aktionswoche „Bamberg liest ein Buch: Das Tagebuch der Anne Frank“ kam Mirjam Pressler am 5. November nach Bamberg, um Auszüge aus Anne Franks Tagebuch und aus ihrem eigenen Werk „Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank“ vorzutragen. In Zusammenarbeit mit dem E.T.A.-Hoffmann-Theater und dem Buch & Medienhaus Hübscher wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Christa Jansohn vom Centre for British Studies organisiert.

Dr. Monica Fröhlich führte durch den abwechslungsreichen Abend, der neben einem musikalischen Auftritt des Chores der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg auch ein Gespräch mit der Autorin beinhaltete. Das Publikum bekam am Ende ebenfalls die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen und Fragen zu stellen. Zunächst hörten aber alle gebannt zu, als Pressler Auszüge aus dem Tagebuch las und von den Anfängen im Hinterhaus, den Streitereien zwischen den Bewohnern und später von Annes Ängsten und ihrer Sehnsucht nach Freiheit erzählte. Die Zuhörerinnen und Zuhörer schienen von Presslers einfühlsamer Art vorzulesen und dem schweren Inhalt bedrückt und zugleich fasziniert zu sein.

Nach einer kurzen Pause ging es weiter mit Auszügen aus „Ich sehne mich so“. Das Kapitel „Keiner weiß wie toll schreiben ist“ dreht sich ganz um Anne als Schriftstellerin. In „Verhaftung und Deportation“ geht es um die sieben Monate nach dem letzten Tagebucheintrag, um das Schicksal der Bewohner des Hinterhauses und um die letzten Tage von Anne Frank. Beim anschließenden Gespräch mit Monica Fröhlich und den Fragen aus dem Publikum wurde deutlich, wie intensiv sich die Autorin mit Annes Leben und ihrem Tagebuch beschäftigt hat.

Mirjam Pressler: Eine Autorin mit vielen Facetten

Auf ihrer Website schreibt Pressler: „Wir brauchen viele Bücher, viele, viele, verschiedene Bücher. Viele kleine Gucklöcher in der Wand, die zwischen uns und der oft so unverständlichen Welt steht.“ Sie selbst trägt ihren Teil dazu bei: Seit ihrem ersten Roman „Bitterschokolade“, der 1980 erschienen ist, hat Pressler über 30 weitere Bücher veröffentlicht. Ihre Werke sind dabei ebenso facettenreich wie ihr eigenes Leben – neben Kinder- und Jugendbüchern schreibt sie Erzählungen, Krimis und Romane für Erwachsene. Neben zahlreichen Kinder- und Jugendbuchpreisen erhielt sie die Carl-Zuckmayer-Medaille für ihre „Verdienste an der deutschen Sprache“. Eine besondere Ehrung war der Deutsche Bücherpreis für ihr literarisches Lebenswerk, der ihr 2004 auf der Leipziger Buchmesse verliehen wurde. 2006 wurde sie zudem vom ehemaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. Nicht nur als Autorin, sondern auch durch ihre Arbeit als Übersetzerin ist Pressler in den letzten Jahren bekannt geworden. Bereits über 300 Titel wurden von ihr unter anderem aus dem Hebräischen, Englischen und Niederländischen ins Deutsche übersetzt. Ihre Arbeit beschreibt Pressler mit den Worten: „Für mich ist das Übersetzen nicht nur eine der schönsten, sondern auch eine der wichtigsten Tätigkeiten, die es gibt. Bücher aus fremden Ländern bauen Fremdheiten ab, wir erweitern durch sie unseren – nicht nur literarischen – Horizont.“

Das Tagebuch der Anne Frank

Es gibt wohl nicht viele Menschen, die sich so ausgiebig und intensiv mit den Tagebüchern von Anne Frank beschäftigt haben wie Mirjam Pressler. 1991 erschien ihre neue Fassung des Werkes, welche über die bis dahin bekannte Leseausgabe weit hinausgeht. Als Teenager hatte sie das Tagebuch zum ersten Mal gelesen – damit hatte sich die Sache für sie jedoch vorerst erledigt: „Danach habe ich nicht mehr an das Buch gedacht.“

Dies änderte sich Mitte der 1980er Jahre, als der S. Fischer-Verlag Pressler fragte, ob sie die neu erschienene kritische Werkausgabe des Buches aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzen würde. „Das war für mich eine große Ehre!“ Sofort machte sie sich ans Werk und begann, sich intensiv mit den Tagebüchern auseinanderzusetzen. Laut Vertrag musste Pressler alle Stellen, die Annes Vater Otto ausgewählt hatte, übernehmen. Zudem durfte sie ein weiteres Drittel der rund 2000 Normseiten zusätzlich aussuchen. „Das habe ich dann auch bis zur letzten Zeile ausgenutzt“. „Warum“, wollte ein Gast aus dem Publikum wissen, „konnte man nicht einfach den gesamten Text übersetzen?“ Hierfür gibt es mehrere Gründe: Zum einen hatte sich Anne Frank selbst daran gemacht, ihre Texte zu überarbeiten. Mal änderte sie nur ein Wort oder korrigierte Rechtschreibfehler – mal fügte sie ganze Passagen neu hinzu oder schrieb Anmerkungen zu den bereits bestehenden Einträgen. „Es gibt tatsächlich zwei verschiedene Textausgaben des Tagebuchs. Ich finde es unglaublich spannend zu vergleichen, was Anne selbst als wichtig angesehen hat und zu sehen, was von anderen später zensiert wurde.“

„Sie gewann fast alle Kämpfe“

Denn nicht nur Anne hatte sich mit ihrem Tagebuch beschäftigt. Auch ihr Vater und später der Verleger der ersten Ausgabe hatten den Rotstift angesetzt: Vor allem Stellen, bei denen sich Anne etwas ausfällig über ihre Mutter und die Erwachsenen äußert, wurden von ihrem Vater gestrichen. Pressler kann das nachvollziehen: „Man muss Otto Frank da auch verstehen. Das hat mit Loyalität zu seiner Frau und den anderen Verstorbenen zu tun.“ Fünf Jahre lang analysierte und übersetze Pressler die Texte. „Während dieser Zeit war meine jüngste Tochter etwa im selben Alter wie Anne damals. Immer wieder habe ich mir vorgestellt: Es hätte auch sie sein können.“ Als die deutsche Übersetzung 1991 herausgebracht wurde, war Pressler schon so vertraut mit Anne Frank und ihrem Schicksal, dass sie sich dafür entschied, eine Biografie über das deutsch-jüdische Mädchen zu schreiben. Viele Fakten darüber, wie es mit den Bewohnern aus dem Hinterhaus nach dem letzten Tagebucheintrag weiterging, sind bekannt – über andere kann man nur spekulieren. Der letzte Absatz des Kapitels mit dem Titel „Peter“ ist bezeichnend für Annes gesamtes Leben: „Sie gewann fast alle Kämpfe, die ihr wichtig waren, nur einen nicht, den wichtigsten.“