Rolf Bergmann und seine große Leidenschaft für das Althochdeutsche (Fotomontage, Bilder: Pressestelle und St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 56, S. 40, http://www.e-codices.unifr.ch)

Textübungen und Skizzen von Novizen (Bild: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 30, S. 1, http://www.e-codices.unifr.ch)

Interlinearversion: Übersetzung zwischen den Zeilen, Ausschnitt aus der lateinisch-althochdeutsche Benediktinerregel (Bild: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 916, S. 126, http://www.e-codices.unifr.ch)

Übersetzung Zeile für Zeile in zwei gegenüberliegenden Spalten, Ausschnitt aus der Evangelienharmonie des Tatian (Bild: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 56, S. 40, http://www.e-codices.unifr.ch)

- Nils Ebert

Form folgt Funktion schon im Mittelalter

Rolf Bergmann eröffnet Ringvorlesung Manuskriptkulturen

Welche Arten mittelalterlicher Handschriften gibt es? Und was verrät uns die äußere Form über die Funktion? Rolf Bergmann beantwortete dies im Eröffnungsvortrag der Ringvorlesung Manuskriptkulturen mit einer Fülle von Beispielen.

„Prof Dr. Rolf Bergmann ist mit der Universität so verbunden, wie der Reiter mit der Stadt“, begrüßte Prof. Dr. Stefanie Stricker vom Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft den Gründungsvater der Bamberger Sprach- und Literaturwissenschaften, der von 1977 bis zu seiner Emeritierung 2005 Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Sprachwissenschaft und ältere deutsche Literatur war. Einen besonderen Platz in seiner Forschung nehmen geistliche Dramen und althochdeutsche Glossen ein, d.h. Wörter, die als Übersetzungshilfe zu lateinischen Textwörtern beigefügt wurden, erläuterte Stricker. Neben vielen anderen Ehrungen erhielt Bergmann zuletzt 2009 die Ehrenmedaille Bene merenti in Gold der Universität Bamberg. Am 9. Mai 2011 hielt der Ehrengast den Eröffnungsvortrag der Ringvorlesung des Zentrums für Mittelalterstudien.

Vielfalt bei der Gestaltung

„Mittelalterliche Handschriften begegnen uns in unterschiedlicher Gestalt“, eröffnete Bergmann seinen Vortrag. „Es gibt sie gebunden, in Rollen, auf Pergament, verziert oder schmucklos, in kleinen und großen Formaten, mit breiten und mit schmalen Rändern versehen, manchmal mit Neumen; das sind graphische Symbole, die der Notation gesungener Partien dienten.“ Um diese Vielfalt sichtbar zu machen, präsentierte Bergmann eine anschauliche Bilderfolge und führte unterschiedliche äußere Formen mittelalterlicher Handschriften vor. An zwei Textgattungen mit je zwei Beispielen illustrierte er den Zusammenhang zwischen äußerer Form und spezifischer Funktion der Manuskripte.

Vom Wert der Übersetzung

Bergmann stellte den althochdeutschen Tatian und die Benediktsregel vor. Beides sind Bilinguen: Sie enthalten Versionen desselben Textes in zwei unterschiedlichen Sprachen, nämlich Latein und Althochdeutsch. Die Textgestaltung unterscheidet sich jedoch deutlich und verweist auf die unterschiedlichen Funktionen der Texte: Bei der Benediktsregel handle es sich um eine Interlinearversion, die nahezu vollständige althochdeutsche Übersetzung steht also zwischen den Zeilen des lateinischen Urtextes. Es entstehe kein zusammenhängender althochdeutscher Text, sondern eine Wort-für-Wort-Übersetzung, die sich nicht an die Regeln des althochdeutschen Satzbaus halte, so Bergmann. Diese Einträge waren ausschließlich als Verständnis- und Übersetzungshilfen für Novizen gedacht.

Anders ist dies bei der Evangelienharmonie des Tatian. In der Karolingerzeit sollten wesentliche Glaubensinhalte allen Bewohnern in ihrer Volkssprache vermittelt werden. Althochdeutsche Übersetzungen aus dem Lateinischen hatten darum einen eigenständigen Wert. Dies zeigt sich auch in der Form des Textes: Urtext und Übersetzung stehen sich in zwei Spalten gegenüber. Der Schreiber übersetzte und schrieb Zeile für Zeile, wie man auch an Korrekturen erkennen kann. Trotzdem orientierte er sich an lateinischen Satzkonstruktionen und ahmte sie auch im Althochdeutschen nach.

Regieanweisungen für geistliche Stücke

Auch an den Dirigierrollen zeigte Bergmann, wie die Form einer Handschrift auf ihre Funktion hinweisen kann. Dirigierrollen sind Regieanweisungen für spätmittelalterliche, geistliche Theaterstücke. Diese auf Rollen aufgewickelten Pergamentstreifen enthielten Bühnenanweisungen und Rollentexte. Die Frankfurter Dirigierrolle aus dem 14. Jahrhundert diente zum Beispiel einem Spielleiter zum Dirigieren von Aufführungen, führte Bergmann aus. Dieser konnte sie ab- und wieder aufwickeln. Nur die Anfänge der Rollentexte sind darin angeführt. Im Osterspiel von Muri sind die Sprechtexte dagegen vollständig überliefert. Das Osterspiel hatte demnach eine aufführungspraktische Funktion: Es diente einem Souffleur, der alle Texte kennen musste. Nur das Pergament, nicht aber die Rolle selbst ist erhalten. Der Text auf der Rückseite stehe allerdings auf dem Kopf und lasse Rückschlüsse auf die Verwendung als Rolle zu. Auch hier folge die Gestaltung der Funktion.

Einladung zu weiteren Vorträgen

Die Ringvorlesung setzt sich mit sieben weiteren Vortragsabenden fort, die bis zum 4. Juli jeden Montag (außer Pfingstmontag, 13. Juni) um 20 Uhr s.t. an der Universität 2, Raum 025 (Hörsaal 1) stattfinden. Untersucht werden Manuskriptkulturen des Mittelalters vor der Zeit des Buchdrucks. Im Fokus stehen sowohl Manuskriptkulturen des europäischen als auch das arabischen Mittelalters. Entsprechend interdisziplinär setzen sich die Vorträge zusammen.