Thorsten Staake (Foto: privat)

Im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis

Gestatten, Thorsten Staake, Wirtschaftsinformatiker!

Er möchte die Energiewende unterstützen, hat bereits ein Startup gegründet und entwickelt gerade eine Abneigung für Leberkäse. Im Interview erzählt Prof. Dr. Thorsten Staake, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Energieeffiziente Systeme, was außerdem für ihn in Forschung und Lehre, aber auch im privaten Bereich charakteristisch ist.

Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Professor?

Als Hochschullehrer mit dem Arbeitsschwerpunkt Energieeffiziente Systeme möchte ich einen Beitrag zu einem konkreten und drängenden Problem unserer Gesellschaft leisten und damit die Energiewende unterstützen. Diese Zielsetzung betrifft Forschung und Lehre ebenso wie die Kooperation mit Unternehmen. In der Forschung fasziniert mich das Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis bzw. zwischen akademischer Freiheit und dem akuten Handlungsbedarf und damit verbunden der Orientierung am Machbaren.

Forschung und Lehre gehen dabei Hand in Hand, insbesondere dann, wenn es gelingt, Studierende für dieses Spannungsfeld zu begeistern, zum Erkennen von Zusammenhängen zu bewegen und dazu zu motivieren, ihr Wissen zur Lösung der zahlreichen Praxisprobleme einzusetzen. Kooperationen mit Unternehmen helfen dabei, die zentralen Problemstellungen zu erkennen und die Lösungen zu validieren.

Warum sollte man heute Ihr Fach studieren?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten, die je nach Motivation der Studierenden unterschiedlich und manchmal sogar gegenläufig ausfallen können: Studierende können sich mit dem Thema auseinandersetzen, um etwas für den Umwelt- und Klimaschutz zu tun, um Wirtschaft und Wachstum auf ein nachhaltigeres Fundament zu stellen, um die hervorragenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt, übrigens in fast allen Branchen, zu nutzen, um Ideen für die Gründung eines eignen Unternehmens zu sammeln und zu bewerten, oder einfach, weil sie Freude an der Beschäftigung mit den zum Teil sehr anspruchsvollen Fragestellungen haben.

Wie schätzen Sie die Rahmenbedingungen für Ihr Fach an der Uni Bamberg ein?

Insbesondere in Kombination mit den übrigen Fächern der Fakultät für Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik darf man sicher sagen, dass den Studierenden ein außerordentlich hochwertiges und aktuelles Gesamtpaket mit einem hohen Praxisbezug geboten wird. In dieser Form besteht das an keiner anderen Universität.

Haben Sie ein besonders wichtiges, schönes oder spannendes Forschungsprojekt, über das Sie gerne berichten möchten?

Oh, da fällt es mir schwer, eines herauszugreifen. In Zusammenarbeit mit mehreren Energieversorgern haben wir Informationssysteme entwickelt, die Privathaushalte zu einem effizienten Einsatz von Strom motivieren. Dazu haben wir eine Vielzahl von Experimenten aufgesetzt, die man wohl am ehesten in der Psychologie verorten würde, und diese im Feld mit Hilfe von eigens dafür entwickelten Informationssystemen durchgeführt. Wir haben zum Beispiel untersucht, wie man Verbrauchsinformationen verständlich darstellt, Normen aktiviert, Zielsetzungen beeinflusst, individuelle Spartipps aus den erhobenen Verbrauchsdaten ableitet und so weiter.

Das klingt alles noch ein bisschen theoretisch. Wo wäre denn zum Beispiel hier ein konrekter Praxisbezug zu sehen?

Aus diesem Projekt ist dann, neben einigen Veröffentlichung in hochklassigen Fachzeitschriften, ein sehr gut funktionierendes Online-System entstanden. Die Nachfrage für einen Einsatz durch Energieversorger war so groß, dass wir ein Startup gegründet haben, das die Lösungen weiterentwickelt und vertreibt. Mittlerweile hat die BEN Energy AG 20 Mitarbeiter. Es sind viele Bachelor- und Master-Arbeiten und drei Promotionen sowie einige Cases, also Fallstudien für die Lehre, daraus hervorgegangen, und das Unternehmen befindet sich weiter auf Wachstumskurs. Dieses Forschungsprojekt hat die positiven Wechselwirkungen zwischen Theorie, Praxis und Lehre sehr schön gezeigt.

Wie hat Ihnen denn Ihr Studium gefallen? Haben Sie lange studiert?

Acht Semester bis zum Diplom in Elektro- und Informationstechnik an der TU Darmstadt und zwei am Worcester Polytechnic Institute bis zum Master of Science in Electrical and Computer Engineering. Ich glaube, die durchschnittliche Studiendauer an der TU lag damals bei 13 Semestern, und das Master-Programm war auf vier Semester angelegt. Natürlich wurden einige Kurse wechselseitig anerkannt, aber ich weiß nicht, ob ich mir den Stress noch einmal zumuten würde. Gut war sicher, dass die Lebensqualität in Darmstadt nicht im Ansatz mit der im schönen Bamberg vergleichbar ist, sonst hätte das Studium vermutlich länger gedauert.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Mit großzügiger Unterstützung meiner Eltern, selbstständiger Tätigkeit in einer GbR (nichts besonderes, ich habe Online-Shops für kleine Firmen programmiert, aber die Nachfrage war damals sehr hoch), vier Semester habe ich als Tutor an Informatik- und Elektrotechnik-Lehrstühlen gearbeitet, und ich hatte Glück, für das Studium in den USA zwei Stipendien zu bekommen. Gewohnt habe ich meist in günstigen WGs, so konnte ich sogar etwas zu Seite legen.

Welche Berufe wären für Sie noch in Frage gekommen und warum?

Ganz klar, der des (Mit-)Gründers in einem Cleantech-Startup, und zwar wegen der Gestaltungsfreiheit und der Möglichkeit, etwas zu bewegen.

Wie würden Sie ein freies Jahr nutzen?

Ich würde drei Wochen in Urlaub fahren. Und dann würde ich genau das tun, was ich auch so mache: An spannenden Themen arbeiten, idealerweise in einem guten Team.

Wie verbringen Sie Ihren Urlaub am liebsten?

Auf einer einsamen Hütte in den Bergen ohne Internet-Zugang oder in einer interessanten Großstadt, in der idealerweise Freude wohnen, die dort zu Hause sind.

Welche drei Dinge oder Personen würden Sie auf eine „einsame“ Insel mitnehmen?

Oh, meine Freundin, aber der möchte ich das eigentlich nicht antun. Am liebsten ein Segelboot oder ein Rückflugticket, auch, wenn die Frage vermutlich anders gedacht war.

Verraten Sie uns Ihren größten Fehler?

Ob es der Größte ist, weiß ich nicht, aber ich kann mir keine Namen merken, und zwar auch dann nicht, wenn ich mich für eine Person interessiere. Dadurch entsteht oft ein falscher Eindruck von Desinteresse.

Welche Fehler verzeihen Sie am ehesten?

Solche, die in der Intention begangen werden, etwas Neues und Gutes zu schaffen.

Welche natürliche Gabe würden Sie gerne besitzen?

Ein sehr gutes Gedächtnis würde ich mir wünschen, insbesondere für Namen. Ich beneide Menschen mit einem fotografischen Gedächtnis.

Reparieren Sie Ihr Fahrrad selbst?

Ja, mit Vergnügen. Eine gut ausgestattete Werkstatt steht ganz oben auf der Wunschliste.

Welche Sportarten mögen Sie, aktiv oder passiv?

Segeln und Bergwandern. Leider bin ich für sämtliche Ballsportarten nicht zu gebrauchen. Mehr als ein oder zwei Spieler der Fußballnationalmannschaft kann ich aus dem Stegreif nicht nennen.

Haben Sie einen Lieblingsfilm oder eine Lieblingsfernsehserie?

Den Fernseher habe ich während des Studiums verschenkt. Er ist dann in einem Kinderzimmer gelandet, vielleicht hätte ich ihn besser entsorgt. Jedes Mal, wenn ich eine Zeitung oder ein Buch in die Hand nehme, freue ich mich über die gewonnene Zeit. Die Rundfunkgebühren zahle ich dennoch gerne für Deutschlandfunk und Bayern 2.

Kochen Sie gerne?

Nach welchen Rezepten? Ja, auf jeden Fall, und am liebsten für Gäste. Meistens koche ich nach Rezepten, die ich mir von Freunden, von Mitbewohnern oder meinen Eltern abgeschaut habe.

Gibt es ein Gericht, bei dem es Ihnen graust?

Leberkäse ist derzeit das einzige warme Mittagsgericht in der Cafeteria auf der Erba-Insel. Das ist in einem halben Jahr sicher ein Kandidat.

Was schätzen Sie an Bamberg?

Die Schönheit der Stadt, den hohen Anteil an Studierenden, die Straßen, die auch abends lebendig sind, die Bierkeller, die vielen kleinen Restaurants – insgesamt die hohe Lebensqualität.

In welchen Zusammenhang ist Ihnen Bamberg das erste Mal aufgefallen?

In der Wirtschaftsinformatik führt kein Weg an Bamberg vorbei. Die hiesige Fakultät hat die Disziplin durch ihre Gründer Otto K. Ferstl und Elmar Sinz stark geprägt. Daher ist mir Bamberg zum ersten Mal wegen der Arbeit und nicht wegen der Altstadt aufgefallen.

Hinweis

Eine Kurzvita über Thorsten Staake finden Sie hier.