Mark W. Roche wirft einen Blick hinter das schöne Hässliche.

Auch im christlichen Mittelalter spielte das Hässliche eine wichtige Rolle in der Kunst, wie Mark W. Roche am Beispiel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald erläuterte.

Maxim Kantors „Dragon“ ziert nicht nur Plakat und Flyer der Hegelwoche, auch Mark Roche nahm in seinem Vortrag darauf Bezug.

Blick hinter das Phänomen des schönen Hässlichen

Zweiter Abend der 27. Bamberger Hegelwoche mit Mark W. Roche

Von klassischer Schönheit hin zu einer Ästhetik des Hässlichen: Der zweite Vortrag der diesjährigen Hegelwoche am 8. Juni in der AULA der Universität beschäftigte sich mit Definitionen, Inhalt und Form des Hässlichen in Bildender Kunst, Architektur, Literatur sowie Film und Fernsehen. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, warum die Darstellung des Hässlichen im Laufe der Jahrhunderte immer bedeutsamer wurde und auch in der Gegenwart so großen Raum einnimmt.

„Es gibt verschiedene Beweggründe, das Hässliche abzubilden“, erklärt der Philosoph und Germanist Prof. Dr. Mark W. Roche von der University of Notre Dame im amerikanischen Indiana. „Oft steht zum Beispiel der Wunsch, die Empathie der Betrachterinnen und Betrachter zu erregen, durch Provokation moralische Empörung zu erreichen oder auch die Absicht, Grenzen zu überschreiten und mit Formen zu spielen, hinter einem vermeintlich hässlichen Kunstwerk“, so Roche. Chronologisch anknüpfend an seinen Vorredner, Prof. Dr. Andreas Grüner, der zum Auftakt der Hegelwoche am Dienstag, den 7. Juni, in die griechische Antike zurückgeblickt hatte, zeigte Roche, dass auch in der römischen Kaiserzeit, dem mittelalterlichen Christentum und der Moderne das schöne Hässliche stets seinen festen Platz in der Kunst besaß.

Fokus auf Hässlichkeit in Mittelalter und Moderne

Vor allem das mittelalterliche Christentum setzte sich mit dem Hässlichen revolutionär auseinander. Zunächst zeigten Künstlerinnen und Künstler Christus beispielsweise als gekrönten Herrscher. Dieses Bild änderte sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte, wie Roche unter anderem an Matthias Grünewalds „Isenheimer Alter“ erläuterte: Die plakativ inszenierten Verletzungen des Christuskörpers und die oft großflächig abgebildeten Wunden zeigten, dass die Passion Christi in der Kunst nicht selten mit Unwürde und Hässlichkeit verbunden wurde. Anders als beispielsweise in der altrömischen Satire wurde das Hässliche hier nicht mit Komik zusammengebracht, um beispielweise zu verspotten, sondern um Mitleid zu erregen und zum Mitleiden aufzufordern.

Auch in der Moderne kommt das Hässliche auf jede erdenkliche Weise in der Kunst zum Vorschein – vor allem gesellschaftliche Entwicklungen wie die Verstädterung oder die Industrialisierung sowie die Leiden der Weltkriege lenkten den Blick vieler Künstlerinnen und Künstler verstärkt auf das Hässliche. So wurde in der Moderne die Enthüllung der Mängel der Realität wichtiger als die Schaffung schöner Konstrukte.

Mit Maxim Kantors Gemälde Dragon, in dem Hässlichkeit dazu eingesetzt wird, um Kritik an Russlands Präsident Vladimir Putin zu üben, schloss Roche nicht nur seinen Vortrag, sondern blickte zugleich auf den dritten und letzten Abend der diesjährigen Hegelwoche: Der Maler und Schriftsteller Maxim Kantor aus London wird am heutigen Donnerstag, den 9. Juni, das Schöne und das Hässliche aus künstlerischer Perspektive betrachten und anhand seiner eigenen Bilder in ein Gespräch eintreten.