Der Protagonist als Beobachter im Großraumbüro, das Thema von Genazinos frühem Roman "Abschaffel" (Bild: eyelab/photocase).

Organisator Friedhelm Marx (l.) mit dem Bamberger Poetikprofessor 2009 (Bilder: Christina Judas).

Der Auftakt der Poetikprofessur lockte zahlreiche Besucher an.

Im Anschluss ließen sich die Fans noch Bücher signieren.

„Die Stunden außerhalb des Bureaus fresse ich wie ein wildes Tier“

Der neue Poetikprofessor Wilhelm Genazino hielt seinen ersten Vortrag

 

Die „Melancholische Renitenz“, und damit den Grundton seines Frühwerks, wählte der neue Bamberger Poetikprofessor Wilhelm Genazino für seinen ersten Vortrag an der Otto-Friedrich-Universität. Thema ist die Mittelmäßigkeit eines durchschnittlichen Helden namens Abschaffel, der einer von der Gesellschaft mittelmäßig angesehenen Arbeit in einem Großraumbüro in einer deutschen Stadt mittlerer Größe nachgeht.

Seit 1986 kommen auf Einladung des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft jährlich namhafte Autoren an die Universität Bamberg. Dieses Jahr nahm Wilhelm Genazino, die Einladung von Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Friedhelm Marx an. Genazino gehört zu den renommiertesten und zugleich bekanntesten Autoren der Gegenwart, hat Theaterstücke, verschiedene Reden und Essays, insbesondere aber ein äußerst umfangreiches Romanwerk veröffentlicht, zuletzt „Das Glück in glücksfernen Zeiten“. Am Donnerstag, 18. Juni, eröffnete er die Bamberger Poetikprofessur 2009 mit seinem ersten Vortrag „Melancholische Renitenz“.

Genazino hat bereits Erfahrung im Lehren: 1997/98 übernahm er die poetologische Gastdozentur an der Universität Paderborn und veröffentlichte 2006 das Ergebnis seiner Frankfurter Poetik-Vorlesungen unter dem Titel „Die Belebung der toten Winkel“. Paderborn – Frankfurt – Bamberg: „Natürlich bezeichnen wir das als Steigerung!“, so Marx.

Die rund 150 Gäste im bis zum letzten Platz gefüllten Hörsaal der U7 folgten der beeindruckenden Stimme, mit der der Schriftsteller aus „Abschaffel“, einem seiner frühen Romane las. Entgegen des damaligen „Trends“ nimmt der nach eigener Aussage an der Wirklichkeit interessierte Autor nicht den Proletarier, sondern den Angestellten-Typus ins Visier. So ist das Motto des ersten „Abschaffel“-Bandes dann auch ein Satz Franz Kafkas aus seinen „Briefen 1092-1924“: „Die Stunden außerhalb des Bureaus fresse ich wie ein wildes Tier.“ Genazino ließ sich beim Schreiben von Siegfried Kracauers Angestellten-Studie von 1930 inspirieren.

Abschaffel, Protagonist der gleichnamigen Trilogie, passiver Beobachter von alltäglichen Momentaufnahmen und Voyeur im Erfahrungsraum des Großraumbüros und der Konsum- und Mobilitätsgesellschaft, stellt den typischen Genazino-Protagonisten dar: Einen einsamen Mann mittleren Alters, den eine mangelnde Liebesfähigkeit trotz mehrerer Frauenbekanntschaften auszeichnet, der im Empfinden von Leere und Sinnlosigkeit des Alltags immer wieder nach seiner Identität sucht. Der Protagonist ist von einer „melancholischen Renitenz“ geprägt, dem Verharren im Negativen. Abschaffel hält nichts von den außerbürolichen Aktivitäten seiner Kollegen, die ihm nichts bringen würden, sondern „übt Rache für die Renitenz“, indem er zum Beobachter wird.

Genazino erklärte dieses Phänomen mit dem Begriff des „ent-schänden“. Das Beobachten sei der einzige Ausweg, die Schande, dass man etwas bemerkt hat, was man nicht bemerkt haben möchte, wieder loszuwerden.

Ohne Schulversager keine Bürokratie

Der neue Poetikprofessor schlug im folgenden Kommentar zu diesem Werk die Brücke zu Elementen seiner eigenen Biographie, die lediglich als „Anschub“ der primär fiktionalen Texte dienen. Auch er ist, wie der Protagonist, einer der Schulversager, ohne deren ewiges Nachrücken „(…) sich nirgendwo eine Bürokratie entwickeln ließe“, so Genazino. Denn der Autor sieht einen Zusammenhang zwischen Schulunglück, Berufswahl und Bürokratie, den er im mittleren Teil der Trilogie erklärt. Er selbst absolvierte wegen seiner schlechten Schulleistungen unfreiwillig eine dreijährige Lehre im kaufmännischen Bereich, die er mit dem Angestelltenverhältnis vergleicht.

Die Verbindungslinie, die Genazino zwischen „Abschaffel“ und seinem Buch „Eine Frau, eine Wohnung“ aus dem Jahre 2003 zieht, ist, dass der Protagonist Weigand eine desolate Schulkrise hinter sich hat, aber trotzdem wird etwas aus ihm, und zwar ein Schriftsteller. Der Unterschied zu „Abschaffel“ liegt im Humor, in der Ironie oder der Komik. „Abschaffel war völlig humorlos und lächelte nur über Schadenfreude“, während der Lehrling aus seinem jüngeren Roman über die Gabe des Lachens verfügt. Genazino sieht Komik als „leidfreie Zwiespältigkeit“. Lachen sei die „Erfindung einer Trennungszone zwischen einer zu aufdringlichen Realität und einem Subjekt, das diese Aufdringlichkeit nicht zurückweisen kann.“ Diese „leidfreie Zwiespältigkeit“ ist ebenso wie die depressive Grundstimmung in seinen Protagonisten verankert und Grund der typischen Melancholie, die im Werk Genazinos immer wieder auftaucht.

Nach dem Vortrag lud Marx alle, die die Chance nutzen wollten dem vielfachen Literaturpreisträger Fragen zu stellen, ins Hofbräuhaus ein und verwies auf das Seminar zu Genazino, das jeden Freitag nach den Vorträgen für alle zugänglich ist. Es findet jeweils ab 8.30 Uhr in der U5, Raum 217, statt. Die Vortragsreihe wird am 2. Juli fortgesetzt. Dann liest Genazino mit anschließendem Kommentar aus weiteren seiner Romane unter dem Motto „Beiseite stehen und Luft holen“. Am 9. Juli geht es um „Ironie als Notausgang“ und am 16. Juli schließt die Vortragsreihe mit „Der Roman als Delirium“. Die Poetikprofessur endet mit einem wissenschaftlichen Kolloquium zum Werk Genazinos, an dem Literaturwissenschaftler aus dem In- und Ausland, Vertreter des zeitgenössischen Literaturbetriebs und der Autor selbst teilnehmen werden. Veranstaltungsort ist das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia, am Freitag, 17. Juli, von 9.00-18.15 Uhr und am Samstag, 18. Juli, von 9-12 Uhr.

Weitere Informationen:

Die Seiten zur Poetikprofessur 2009 finden Sie unter: www.uni-bamberg.de/germ-lit1/poetikprofessur/